Pelzmäntel und Hitler

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    Da treffen sich die beiden bedeutendsten Rapper der Gegenwart und haben – außer der Selbstüberhöhung des eigenen Erfolgs und Reichtums – nicht viel mitzuteilen. So ähnlich lautet das Fazit vieler Rezensionen zum heute auch auf CD erschienenen Kollaborations-Album Watch The Throne von Jay-Z und Kanye West.

    Nun ist die narzisstische Ader Wests weithin bekannt und Jay-Z pflegt gerne sein Image als ehemaliger Kleinkrimineller, der es zum millionenschweren Rap-Geschäftsmann gebracht hat. Ist es also wirklich überraschend, wenn die beiden, wie es Rob Harvilla, der Kritiker des amerikanischen Magazins Spin aufzählt, vor allem über »Autos, unbezahlbare Kunstwerken, die offensichtlich über ihren Toiletten hängen, Pelzmäntel [und] Pariser Luxus-Boutiquen« rappen? Der Zeitpunkt jedenfalls sei unpassend, argumentiert Jody Rosen in der US-Ausgabe des Rolling Stone: »Inmitten der Weltwirtschaftskrise des frühen 21. Jahrhunderts […] ist es eine Schande, dass zwei der größten Geschichtenerzähler des Musikgeschäfts ihren Blick nicht über ihres Luxusleben hinaus richten.«

    Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Watch the Throne ist musikalisch ein hervorragendes Album, das einen überzeugenden Mittelweg zwischen fett produziertem 70er-Jahre-Soul und futuristischen Synthesizer-Klängen aufzeigt. Die Gast-Vokalisten sind vom allerfeinsten (Frank Ocean, Jay-Zs Ehefrau Beyoncé, Otis Redding), die (natürlich goldfarbene) CD-Hülle wurde von Givenchy-Designer Riccardo Tisci gestaltet und das erste Musikvideo zum Album drehte Spike Jonze. So weit, so sophisticated. »Ja, es ist Luxury Rap, aber mit Seele und musikalischem Weitblick«, findet Juice-Chefredakteur und Spex-Autor Stephan Szillus. Jonathan Fischer, ebenfalls Spex-Autor, widerspricht in der Süddeutschen Zeitung: »Auch Ghostface Killah, The Notorious B.I.G oder Kool G Rap – um nur drei der besten Rapper aller Zeiten zu nennen – haben alles andere als lyrische Bescheidenheit gepflegt. Und doch blieb da ein einverständliches Augenzwinkern zwischen den Zeilen, ließ sich alles auch als Comic lesen. Jay-Z und Kanye Wests Raps allerdings verströmen bisweilen eine Aura der Herablassung […].«

    An einigen Stellen versuchen die beiden Rapper die Großspurigkeit mit Anflügen von Sozialkritik zu kompensieren. Doch dann ist meistens Kanye West verlässlich zur Stelle und schießt über das Ziel hinaus. Wie etwa bei Who Gon Stop Me, in dem er die Geschichte der Sklaverei in den USA mit dem Holocaust vergleicht und den institionellen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft beklagt. Ganz abgesehen von der Frage. ob solche Vergleiche selbst in der von Übertreibungen und schrägen Metaphern gespickten Hiphop-Sprache legitim sind oder nicht, setzte West pünktlich zur Album-Veröffentlichung noch einen drauf. Bei einem Auftritt beim Big Chill Festival in Großbritannien beklagte er sich mit folgenden Worten beim Publikum darüber, dass ihn niemand wirklich verstehe: “Ich gehe durch das Hotel oder auf der Straße und die Leute sehen mich an, als ob ich verrückt wäre, als ob ich Hitler wäre. Aber eines Tages wird ein Licht kommen und die Menschen werden alles verstehen, was ich jemals getan habe."

    Es gehöre eine Menge Chuzpe dazu, sich sowohl mit Hitler und gleichzeitig mit seinen Opfern zu vergleichen, schrieb daraufhin der Kolumnist Marc Tracy des jüdischen US-Magazins Tablet. Was auch immer West mit seinen widersprüchlichen Äußerungen bezweckt haben mag, eines ist klar: Diesen Hiphop-Gott kann niemand mehr ernst nehmen. Doch das wird West (und Jay-Z) nicht im geringsten stören. Sie werden weiter auf ihrem goldenen Thron sitzen und die echte Welt aus der Ferne betrachten.

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