Illustration: Patrick Klose

Zwischen Pop und Alltagsleben besteht eine engere Verbindung als zwischen Alltagsleben und politischem Diskurs. Daraus folgt nicht nur, taktisch, dass der Kampf um die Hegemonie im Pop intensiviert wird, sondern umgekehrt auch, dass die politischen Diskurse in Popform geführt werden. Populistische Führer sind vor allem wegen der Shows beliebt, die sie abziehen, und wenn man mit einer gewissen Aufmerksamkeit ihre Auftritte in Talkshows beobachtet, erkennt man, wie sie die Regeln der Diskurse (Rationalität, Faktentreue, Logik) mit Strategien aus dem Pop unterlaufen (Karnevalisierung, Selbstreferenz, Subversion durch Überaffirmation, semantische Feedback-Effekte). Solche Hegemonie-Attacken auf alle Generatoren von Aufmerksamkeit könnten natürlich nicht so reibungslos gelingen, wenn die Verbindungen von Pop und Diskurs in den populären Medien nicht schon so weit vorangetrieben wären und wenn nicht in der Mitte Milieus und Genres die Türen nach rechts sehr weit geöffnet hätten (von besagter „volkstümlicher Musik“ über Traumschiff– und Sport-Sprechweisen, durchsetzt von Rassismus, Nationalismus und Sexismus, bis hin zum Nachrichtenbrei).

Durch den Hegemoniekampf hat Pop den Rest jener Unschuld verloren, die man zwar nie hatte, von der man aber immer wieder träumen konnte. Popmusikern bleibt in diesem Zusammenhang nicht viel mehr übrig, als auf gewisse Weise „erwachsen“ zu werden. Wenn Damon Albarn erklärt: „Es wäre schön, wenn sich Pop als verantwortungsbewusste Kunstform neu erfinden könnte“, dann steckt darin so viel Hoffnung wie Resignation. Schließlich war Pop unter anderem auch ein Transitraum, in dem man das gottverdammte Verantwortungsgefühl einmal beiseite lassen konnte. Heute gönnt man sich, ansonsten selbstoptimiert und fit for fun, allenfalls gezielte guilty pleasures und einen Trash-Abend unter dem Motto: Hirn ausschalten, Bier aufmachen!

Das Meta-Ziel der rechten Übernahme besteht darin, aus einem Medium der progressiven Einigung ein Medium der reaktionären Spaltung zu machen. Aus der Vielfalt wurde Segmentierung, aus dem großen Liebesbrief an das Leben eine Hassbotschaft. Aber schon Antonio Gramsci hatte von der Leichtigkeit geschrieben, mit der sich die demokratischen und kulturellen Institutionen des Kapitalismus zersetzen lassen, wenn sich der Profit nicht mehr wie von selbst einstellt. Wie leicht wurde das Fernsehen durch Privatsender zersetzt, wie leicht der Rock’n’Roll in den ewig laufenden Werbefilm integriert, wie leicht die Schönheit des „proletarischen“ Fußballspiels zwischen korrupten Millionären und Nazi-Hools zerfetzt.

Die Antwort der Popkultur auf diese Zersetzung durch die Allianz von Ökonomie und rechter Taktik ist die Subjektivierung. Technisch unterstützt die Digitalisierung die Ersetzung des kollektiven Poprauschs durch den vernetzten Ego-Pop: Nur wenn sie klein und kleiner wird, kann sich Popkultur gegen die Angriffe von rechts und das Einnisten im Mainstream wehren. Im Fußballstadion haben sich die Millionäre, die Hooligans und die Medienkasperle miteinander arrangiert (gelegentliche pflichtschuldige Zusammenstöße inklusive). Droht etwa in Konzerthallen eine vergleichbare konsensuelle Spaltung der Interessensphären, zusammengehalten durch das Geld, das durch alle Segmente fließt? Oder wird mein Club zum Rückzugsort, einschließlich seiner Musik, die nach rechts garantiert nicht anschlussfähig ist, ein popkultureller safe space, mit dem kleinen Nachteil, eine politische Öffentlichkeit nicht mehr zu erreichen?

Die Rechte kapert das Phantasma der Jugendlichkeit im Pop. Das vermeintliche Gutmenschentum wird den Popsenioren überlassen.

Mit Pop als kultureller Gegenstrategie verhält es sich ein wenig wie mit der Demokratie. Alle sind davon überzeugt, man hat sie, bis sich herausstellt, dass eine Mehrheit nicht einmal besonderes Interesse daran hat. Gerade hatte man noch das Gefühl, mit Pop die Welt zu erobern – schon sieht man sich in der Situation, Pop als Minderheitsästhetik verteidigen zu müssen. Wenn also Elemente der Popkultur von rechts gekapert werden können, gibt es dafür sehr unterschiedliche Gründe. Distinktion scheint mit einem kernigen rechten Auftreten schneller erreichbar als mit Botschaften in einem linksliberalen Brei. Auch die Rechte hat ihre ambigue sexiness, der Echoraum medialer Aufmerksamkeit ist wie gesagt garantiert, die liberale Mitte ist schockiert, die Reaktion der Medien vorhersehbar. Und nichts ist erfolgversprechender, als sehr weit rechts zu beginnen und sich dann von der Mitte aufsaugen zu lassen: Rechte bis faschistoide Tendenzen sind locker mit dem Mainstream zu verknüpfen. Zwischen Freiwild und Helene-Fischer-Fans gibt es keine fundamentalen Widersprüche, und plötzlich ist auch zwischen „rebellischer Jugend“ und dumpfem Stammtisch nicht mehr groß zu unterscheiden. Der rechte Lebensentwurf, der bei den Skinheads womöglich noch auf eine gewalttätige Nazi-Subkultur abzielte, ist längst auf Karriere und Akzeptanz hin getrimmt. Daher ist beinahe jedes musikalische Genre mit einer rechten Abteilung vertreten, einige mehr, andere weniger. Gewiss, einen Throbbing-Gristle- oder Free-Jazz-Fan wird man eher selten auf Pegida-Veranstaltungen sehen, und vielleicht hilft auch der gute alte Blues ein bisschen gegen rechts, aber ansonsten lässt sich das musikalische Statement nicht mehr zugleich als politisches Bekenntnis verstehen.

Das Kapern von Begriffen, Bildern und Erzählungen des Pop von Seiten der Rechten kann nicht ohne den Resonanzraum der populären Medien gelingen. Sie schaffen ein Feedback, das dem Unternehmen eine Kraft verleiht, die es allein gar nicht hätte. Von der politischen Fraktion des Rechtspopulismus übernehmen rechte Pop-Acts nicht nur die Taktik des Sagens und Doch-nicht-gesagt-Habens und die Selbststilisierung als Opfer übler Nachrede und böswilliger Verleumdungen, sondern auch das Feindbild von Elite und Establishment. Und damit kann man wieder andocken an klassische Modelle von Trotz und Aufbegehren. Die Rechte kapert das Phantasma der Jugendlichkeit im Pop. Das vermeintliche Gutmenschentum wird den Popsenioren überlassen. Lasst Meryl Streep oder Sting Humanismus und Demokratie verteidigen, wir dagegen spalten die Jugend vom Projekt der progressiven Zivilgesellschaft ab. Wenn diese Meta-Mythisierung gelingt, scheint Pop für eine Generation verloren: Rechts ist „jung“ (wie in Junge Freiheit), links ist alt (wie in Alt-68er, Hippie, Dinosaurier). Rechts ist heftig, drastisch, provokativ, links ist eingeschlafen, defensiv, laaangweilig.

Diese Strategie der rechten Hegemonialisierung in den Bereichen der Popkultur, die der Zivilgesellschaft am leichtesten zu entwenden sind, muss nicht unbedingt in einem Verschwörerzentrum schurkischer Masterminds ausgeheckt sein. Die kulturelle Globalisierung hat zu einer Form der Popmusik geführt, die ihre Lebensentwürfe bewusst vage und vieldeutig hält, sie entweder in leeren Posen auflöst oder extrem subjektiviert (all die großen Stars der internationalen Popmusik sind Meisterinnen und Meister der magischen Autobiografie) und schon aus Marketinggründen auch mit Optiken verbindet, die keinen konkreten Ort und keine konkrete Zeit meinen. Die Antwort auf den globalisierten Pop ist offensichtlich in vielen Szenen ein fundamental nationalistischer und in großen Teilen rassistischer, „identitärer“ Gegenschlag. Das geschieht etwa beim „Turbo-Folk“, der Balkanversion „volkstümlicher Musik“ mit Rock-Einschlag und zum Teil krassen Texten voll Rassismus und Gewaltfantasien, und bei einem Star wie dem Kroaten Marko „Thompson“ Perković, der keine Gelegenheit auslässt, gegen Juden und Serben zu hetzen. (Der Künstlername Thompson stammt von der bevorzugten Maschinenpistole im Kroatienkrieg.) Jamaikanische Musik versinkt nicht nur im ewigen Babylon-Dissen, sondern auch in abscheulicher Homophobie. Ein Konzert von Sizzla beim Reggae-Sommer am deutschen Chiemsee hat einen ganz ähnlichen Effekt wie eines von „Thompson“ im Schweizer Schlieren. Wird der Auftritt verboten, reagiert man mit der gewohnten Selbstviktimisierung: Das Establishment ist so intolerant und will uns undemokratisch mundtot machen. Wird er erlaubt, darf man einen großen Erfolg der rechten Sache feiern und fühlt sich ermächtigt, Fascho-Pop weiter in die Mitte zu verbreiten.

Ein Erklärungsmodell für die Erfolge der Rechtspopulisten, der Halbfaschisten und Autokraten in jüngster Zeit war eine wachsende, nicht nur kulturelle Ungleichheit zwischen den großen Städten und der Provinz. Weder Recep Tayyip Erdoğan noch Victor Orbán noch die klerikalnationalistische Herrschaft in Polen wären möglich, wenn es nicht gelungen wäre, eine Hegemonie der Provinz und des Provinziellen über das Urbane und Weltoffene zu inszenieren. Die neue Ordnung der Welt ohne Zentrum hat auch zu einer dezentralen Kultur geführt. Heute ist finnischer Tango, morgen K-Pop, übermorgen Mali-Blues angesagt. Was dem einen dabei reich und frei vorkommt, lässt den anderen an Pop als Bezugspunkt zweifeln. Forderungen nach einer nationalen Quote im Kino oder in den Radioprogrammen sind da noch die harmlosesten Reaktionen. Diese Strategie hat sich in der Popkultur lange abgezeichnet. Provinzialisierung und der Kult um „Heimat“ arbeiten dem zu. Natürlich behauptet niemand, dass Heimatkrimis, „dahoam is dahoam“ oder Asterix auf Hessisch Signale eines Pegida-Pops sind. Aber sie bedienen ein Bedürfnis nach einer Reprovinzialisierung, deren politische Dimension erst jetzt auffällt. Das langfristige Projekt einer zivilgesellschaftlichen Umwandlung der Provinz in einen Raum von mehr Mitmenschlichkeit, mehr Subsidiarität, mehr Freiheit ist kläglich gescheitert. Aber Pop ist nicht nur Transportmittel, sondern selbst Produktivkraft. Nationalisierung und Regionalisierung mögen kurzfristige Erfolgsformeln sein: geschlossene Lebensmodelle für sich schließende Gesellschaften. Daher ist rechter Pop auf Dauer ökonomisch nur begrenzt profitabel.

Werden wir uns am Ende auf das fade Gebräu des Immer-so-Weiter einigen? Hat es der Rechtspop dann wieder mal nicht so gemeint, und gut is? Tatsächlich muss sich die Popkultur gegen die Übernahme von rechts zur Wehr setzen, schon aus Gründen der Selbsterhaltung. Abgesehen davon, dass Pop nach wie vor ein so wildes und widersprüchliches Gebiet ist, dass eine vollständige rechte Landnahme nie gelingen kann. Aus dem Widerstand gegen die rechte Übernahme mag sich eine neue Linke in der Popmusik bilden. Denn all die Begriffe, Moden und Gesten, all die Taktiken und Doppelstrategien, die die Rechten im Pop anwenden und die Pop nach rechts wenden, sind nur geklaut. Wir holen uns Pop und alles, was dazu gehört, zurück. Versprochen.

Dieser Text stammt aus SPEX No. 375. Das Heft ist weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.