Peaches – Zeit, die Stellung zu wechseln / Feature aus SPEX N° 363

Fotos: Roman Goebel

Peaches hat in den letzten Jahren an der Oper gesungen und zwei Musicals inszeniert. Ihr letztes Pop-Album I Feel Cream erschien vor sechs Jahren. Eine Zeit, in der Queer-Pop den Mainstream durchdrungen hat und zahlreiche von der Kanadierin inspirierte Künstler den Diskurs weiterführten. Die Antwort auf alle diese Entwicklungen ist nun ihr morgen erscheinendes neues Album Rub. Die Pause von der Musik hat ihr gutgetan, Rub klingt hochinspiriert, bissig-sarkastisch und ist produktionstechnisch auf der Höhe der Zeit.

Im Kapital in der Oderberger Straße dröhnt erst Ideal, dann Ton Steine Scherben aus den Boxen, das historische Berlinprogramm. Peaches hat eben schon ein Interview geführt, jetzt braucht sie eine Pinkelpause. Kein Problem, vom Pinkeln soll man niemanden abhalten. Als sie wiederkommt, will sie mir aus Höflichkeit zunächst nicht die Hand geben, weil sie noch nass sei. Ich kann sie aber überzeugen, dass das kein Problem darstellt für jemanden, der bei über 30 Grad zu schnell Fahrrad gefahren ist, um nicht zu spät zu kommen.

Ich habe Rub, ihre neue Platte, erst zweimal gehört, bin aber schon Fan geworden von dieser hochenergetischen Mischung aus plastischen, komprimierten elektronischen Sounds, selbst gebastelten, extrem tanzbaren Beats und den bewährten Peaches-Raps, die mal lustigen Krawall veranstalten, mal in die Abgründe der Beziehungen zu dysfunktionalen Männern hinabsteigen. Was meine Lieblingslieder sind, will Peaches wissen, mir fallen aber nur die Nummern der Tracks ein. »Ah, Nummer acht: ›Vaginoplasty‹«, sagt Peaches. Weil sie eine freundliche, unkapriziöse Person ist, und ich vielleicht etwas harmlos aussehe, fragt sie sicherheitshalber erst mal, ob mir klar ist, womit wir es hier zu tun haben: »Vaginoplasty, wissen Sie, was das ist?« – »Ich denke schon: plastische Chirurgie für Vaginas, damit sie besser aussehen? Als ob sie nicht gut genug aussehen würden.« – »Ja, und sie sind alle unterschiedlich.«

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»Vaginoplasty« beginnt mit einem typischen Peaches-Statement, da wird nicht lange drumrum geredet: »I was blessed with big big big lips.« Weil man bei »lips« verschiedene Assoziationen haben kann, lässt sich hier am Anfang, wenn man den Titel des Stücks nicht kennt, nur mutmaßen, an welchen Ort von Peaches’ Körper uns der Song führen wird. Selbstermächtigung heißt für Peaches, sich nicht von außen vorgeben zu lassen, wie man auszusehen und sich zu verhalten hat, und das Resultat dieser Prägung dann auch noch als eigenes Bedürfnis misszuverstehen. Am Ende erscheint womöglich als zutiefst empfundener Wunsch, was auf eine Negation der Integrität von Selbstbild, Emotion und Gestalt hinausläuft: »Need it higher, want it tighter!« Sich die Schamlippen operieren zu lassen, weil man sie für hässlich hält, kommt für Peaches nicht in Frage: »My pussy’s big and I’m proud of it.« Es gibt aber gute Gründe für den chirurgischen Eingriff, meint sie: »Ich sage in meinem Song auch: Ich verstehe es, wenn du dich operieren lässt, um dein Geschlecht umzuwandeln, oder wenn du einen Unfall hattest.«

Das Verblüffende an Peaches ist, wie klein und zierlich sie im Vergleich zu ihrer mächtigen Bühnenpersona ist. Wäre Peaches ein Mann, würde man ihr Gesicht als markant bezeichnen, während des Gesprächs bleibt sie ernst und professionell. Sie trägt schwarz an diesem heißen Freitagmittag, das Oberteil ist ärmellos. Ihr Bizeps, das kennt man aus den Videos, ist gut trainiert, und sie trägt stolz ihren kleinen Bauch, der das idiotische Diktum Lügen straft, moderne Frauen dürften vor allem hier kein Fett ansetzen. Wenn jemand offensive, explizite Queerness im Pop verkörpert, dann ist das Peaches. Seit ihrem ersten, inzwischen klassischen Album The Teaches Of Peaches bringt sie in ihren Lyrics die symbolische Matrix durcheinander, in der die Genderattribute angeordnet sind, an denen sich die für Männer und Frauen vorgesehenen Rollenskripte orientieren. Auf mal platte, mal raffinierte, mal rebellisch-postpubertäre, mal erwachsen-ironische, aber meist lustige Weise spielt sie mit den Klischees dessen, was man heute üblicherweise unter dem Begriff der Heteronormativität zusammenfasst. Dass in ihrer Musik Punk, Techno und R’n’B zusammenfallen, erfüllt bestens den antirockistischen, antiessentialistischen Zweck. Der eigentliche Schauplatz ihres Angriffs auf die Heteronormativität ist aber ihr Körper – als Thema ihrer Texte, aber auch als Mittel ihrer Performance.

Im Jahr 2000 schickte sie dem Berliner Label Kitty Yo eine Kassette mit den Teaches Of Peaches, die sie in ihrer Wohnung in Toronto aufgenommen hatte. Dann zog sie hinterher. Als The Teaches Of Peaches bald darauf erschien, war es nicht ganz abwegig, dass Frauen außer ihren Gesichtern und Brüsten auch noch ihre Vulvas gemäß des herrschenden Schönheitsideals modellieren lassen würden. Die vaginale Schönheitsoperation war aber noch nicht state of the art des kalifornischen Glücksprogramms, das Psyche und Körper als Gegenstand stetiger Verbesserung versteht: Warum hässlich, dick, alt und antriebslos sein, wenn du auch schön, jung und gut gelaunt sein kannst, noch dazu mit einer makellosen Top-Muschi ausgestattet? Von den Teaches Of Peaches machte »Fuck The Pain Away« die größte Karriere. Das Stück war in Sofia Coppolas Lost In Translation genauso zu hören wie in Folgen von South Park und True Blood. Der eigentliche Signature Track dieses ersten Albums, vielleicht aber für Peaches überhaupt, ist »Diddle My Skittle«. Das Urban Dictionary schlägt dafür folgende Übersetzung vor: »To touch the female genitals until orgasm.«

Das Video zu »Diddle My Skittle« zeigt Peaches in pinkfarbenen Leggings, schon das eine Aneignung und Umcodierung von Pinkness als Verniedlichungsprogramm. Sie nimmt die klassische Pose des Hetero-Rockers ein, die Beine breit, das Becken nach vorne geschoben, Symbol der männlichen Aneignung der Welt durch Penetration. Allerdings gibt es in diesem Peaches-Szenario weder Penis noch Phallus, sondern zwei silberne Kugeln, die Sexspielzeug sein könnten, genauso gut aber asiatische Klangkugeln. Peaches bewegt sie an den Oberschenkeln auf und ab, führt sie dann entlang der Schamlippen und steckt sie in ihre Leggings, links und rechts der Vulva positioniert. Peaches befingert die Dinger, so wie es Machomänner all over the world machen, seht her, das sind meine dicken Eier. »You think I’m little, wanna play me like a fiddle?«, fragt Peaches, und ihre Antwort kommt prompt: »I’m not so brittle. Come diddle my skittle ’cause there’s only one peach with the hole in the middle.« »Diddle My Skittle« ist auch auf musikalischer Ebene ein antirockistisches Manifest. Wie wichtig dieses Stück Popmusik immer noch ist, kann man daran sehen, dass es bis heute auf YouTube kommentiert wird. Einer wundert sich, dass der Clip nicht als Pornografie eingestuft wird: »One of the most disturbing things I’ve ever seen … almost couldn’t jack off to it.« Vielleicht ist das aber auch ironisch gemeint, wer weiß.

Peaches hat sich in Los Angeles, ihrem Zweitwohnsitz, in einer Garage ein Studio eingerichtet. Ein Jahr lang hat sie an Rub gearbeitet. In Zehn-Stunden-Schichten tüftelte sie mit ihrem alten Freund Vice Cooler Sounds und Beats aus und dachte sich dann dazu ihre Lyrics aus. Kim Gordon und die alte Freundin Feist schauten für Gastauftritte vorbei, man kann sie auf dem ersten und letzten Stück hören. Vice Cooler kommt aus der Noise-Szene um die alten Hardcore-Punk Helden Fugazi, seine erste Band hieß XBXRX, erzählt Peaches. Der Sound von Rub, eine eher düstere, aber umso verführerischere Mischung aus Dark Wave und Techno, ist um Klassen besser als so manche etwas dünne frühere Peaches-Produktion. Dave Pensado wurde als Mixer engagiert. »Kennen Sie Dave Pensado?«, fragt Peaches. Ich glaube nicht. »In seiner Web-Show ›Pensado’s Place‹ erklärt er immer neue kleine Tricks, um einen Mix besser zu machen. Wenn jemand Dave Pensado kennt, weißt du: Das ist ein richtiger Geek. Das Mastering hat Emily Lazar gemacht. Ich wollte dafür eine Frau haben, abgesehen davon ist sie sowieso die beste. Wir haben versucht, einen Sound zu produzieren, der sehr dicht ist, sich aber auch bewegt.« Electroclash transportiert die Energie von Punk mit elektronischen Mitteln, auf Rub soll das jetzt auf die Höhe zeitgenössischer Produktionsstandards gebracht werden, »ohne es zu übertreiben«, wie Peaches sagt. »Es sollte real bleiben.« So klingt Rub nach einer unwahrscheinlichen Mischung eines aktuellen R’n’B-Albums und Musik, die man eher in Clubs hört als im Radio, was ziemlich genau dem Status von Peaches als Künstlerin entspricht, die erfolgreich auf der dünnen Linie zwischen underground credibility und Massenappeal balanciert. Peaches widerspricht: So außergewöhnlich sei das nicht, und eher rohe Produktionen wie die von Kanye West könne man ja auch im Radio hören.

Peaches hat Hunger, beißt in ihr Sandwich: »Excuse me for eating.« – »Peeing and eating is fine with me«, sage ich, daraufhin sie mit vollem Mund: »Not at the same time.« Zum ersten Mal kichert sie. Das scheint mir der passende Moment für eine Grundsatzfrage zu sein: »Die Szene hat sich stark verändert seit The Teaches Of Peaches, es gab Screamclub, mit denen Sie zusammengearbeitet haben …« Peaches unterbricht: »Und es gibt Mykki Blanco, vielleicht muss man in dem Zusammenhang auch Nicki Minaj erwähnen. Das alles passiert genau jetzt, und ich bin ein Teil davon.« Jedenfalls ist die queere Szene groß und laut geworden, und es gibt viel mehr Aufmerksamkeit für die Fragen, die Peaches immer wieder gestellt hat, setze ich nach. Das könnte einen doch zu der Frage bringen, ob man sich als Künstlerin weiterhin damit beschäftigen muss? »Ich sage Ihnen mal was: Ich habe diese Woche die Geburtstagsparty des Vice Magazins in Berlin mitorganisiert«, sagt Peaches. »Ich habe ›Vaginoplasty‹ gespielt, dann kommt dieser Idiot von MC Bomber daher, legt mir den Arm um die Schultern und sagt: ›Now it’s time to get hetero!‹ Männer hatten keine sexuelle Revolution, Frauen schon. Es geht nicht nur um Sex. Es geht darum, keine Angst mehr zu haben, vor sich selbst und dem eigenen Körper. Es ist ein politischer Akt, die Leute dazu aufzufordern, sich wohlzufühlen mit dem, was sie sind. Das ist das Schwerste überhaupt. Es macht die Leute nervös, wenn ich darüber rede: Sich in den Arsch ficken zu lassen, ist für Männer strukturell, physiologisch besser als für Frauen. Männer wollen das mit Frauen machen, lassen Frauen aber nicht in die Nähe ihres Arschs kommen.« Auch auf Rub fehlt der Aufruf zur sexuellen Revolution der Männer nicht. »Dick In The Air« handelt davon, dass Frauen im Pop lange genug mit dem Po gewackelt und ihre Brüste geschüttelt haben, jetzt sei Zeit, mal die Stellung zu wechseln. »Kennen Sie dieses Stück von 2 Live Crew, in dem es heißt: ›Face down, ass up, that’s the way we like to fuck?« Ich sage: Face down, dick up, that’s my command, take it like a real woman. Das ist meine Lieblingsstelle«, sagt Peaches.

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Sie hat sich sechs Jahre Zeit gelassen, um ein neues Album zu schreiben. Dazwischen liegen das am Berliner HAU inszenierte autobiografische Musical Peaches Does Herself und ihre Adaption von Jesus Christ Superstar, die sie alleine unter dem Titel Peaches Christ Superstar performt. Außerdem sang sie, ebenfalls in Berlin, die Titelrolle in Monteverdis L’Orfeo. Dass diese Aktivitäten allesamt in Berlin stattgefunden haben, wo sie immer noch wohnt, bringt einen zu der Frage, wie sie die Stadt heute findet? »Ich hoffe, das enttäuscht jetzt niemanden: Ich finde es großartig hier. Es gibt natürlich Probleme, und es ist gut, dass es jetzt eine Mietpreisbremse gibt, auch wenn es ein bisschen spät kommt. In Berlin kannst du aber immer noch machen, was du willst. Nackte Leute, die am Sonntagnachmittag in einem Club tanzen, das gibt es nirgends sonst auf der Welt. Hier kannst du loslassen, ohne dich schämen zu müssen. Es gibt hier eine so lange Geschichte der Scham, dass sich daraus Toleranz entwickelt hat. Es gibt natürlich immer Leute, für die früher alles besser war. Der Unterschied zu damals besteht darin, dass Berlin heute eine internationale Stadt ist, die Leute kommen von überall her.« Was heute ihr Lieblingsort in Berlin ist, will sie nicht sagen. Immerhin wissen wir jetzt aber, was der erste Laden war, in den sie vor 15 Jahren ging. Das Sniper von Safy und Rosa am Hackeschen Markt.

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen. Das Heft kann nach wie vor ohne zusätzliche Versandkosten online bestellt werden.

SPEX präsentiert Peaches live
09.12. Berlin – Huxleys
10.12. Hamburg – Grünspan
12.12. München – Technikum
13.12. Frankfurt – Mousonturm

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