Peaches über Prince – »Am I straight or gay?«

Bild: Coverartwork des Albums Dirty Mind (1980)

Ein Loblied auf die totale Oversextheit und auf Gitarrensolos in High Heels: Zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 2008 schrieb Peaches für SPEX über den großen Gender-Bender Prince.

Man weiß es heute zwar kaum noch, doch Prince ist der Mann, dem die Welt zu verdanken hat, dass es »Parental Advisory«-Sticker gibt. Der Song »Darling Nikki« von seinem Album Purple Rain war es, der im Jahr 1985 Tipper Gore, die Frau von Al Gore, dazu veranlasste, in den USA das »Parents Music Resource Center« zu initiieren, welches besagte Warnaufkleber anregte – sie hatte mitbekommen, wie ihre elfjährige Tochter »Darling Nikki« in ihrem Zimmer hörte.

In dem Song singt Prince darüber, wie er seine »Sexfreundin« Nikki in einer Hotellobby beim Masturbieren erwischt, um sich anschließend mit ihr die ganze Nacht in Nikkis Schloss mit allen möglichen Sexspielzeugen zu vergnügen. Das Stück endet mit einem orgiastischen Finale und Prince singt: »My body will never be the same.« Tipper Gore war schockiert.

Prince ist möglicherweise der erste Vertreter einer Gesellschaft, die Kategorien wie Rasse und Gender hinter sich gelassen hat.

Immer wieder hat Prince superexplizite Songs wie »Darling Nikki« geschrieben – »Dirty Mind«, »Head«, »Little Red Corvette«, die Liste scheint endlos. Bemerkenswert aber ist, dass Prince dem Thema der totalen Oversextheit noch einen zusätzlichen Spin gegeben hat – mit seiner ganz eigenen Art des Gender Bendings. Vor Prince trauten sich im Pop nur wenige Männer, mit den Rollen zu spielen – Little Richard, David Bowie, Lou Reed. Doch Prince hat das Spiel viel weiter getrieben. Bezeichnend ist schon allein, dass er sich ein Logo designte, das zu gleichen Teilen aus dem männlichen und dem weiblichen Symbol besteht. Und auch sein Styling war vieldeutig: Er ist weder eine Drag Queen, noch ist er eine Frau, die ihre maskuline Seite betont. Nein, er ist trotz allem dieser absolute Machotyp, der sich aber wie selbstverständlich aufrüscht und in High Heels und Reizwäsche herumstolziert. 1981 trat er so in Los Angeles im Vorprogramm der Rolling Stones auf, außer einem kleinen Damenhöschen hatte er nichts an. Die Stones-Fans prügelten ihn von der Bühne.

Prince ist so möglicherweise der erste Vertreter einer Gesellschaft, die Kategorien wie Rasse und Gender vollkommen hinter sich gelassen hat. Es ist ihm gelungen, sämtliche Genderzuschreibungen konsequenter ad absurdum zu führen, als es jemals wieder jemand wird schaffen können. Vor allem hat er nie groß darüber geredet – schon gar nicht thematisierte er seine Genderüberschreitungen offiziell, etwa, indem er sie zu seinem Programm erklärt hätte.

Ich sage: Weil es bei Prince so beiläufig passierte, war es bei ihm besonders stark. Das bekannteste Beispiel ist natürlich sein Song »Controversy« von 1981, in dem er singt: »Am I black or white? Am I straight or gay?« Noch konsequenter aber ist »If I Was Your Girlfriend«, eine Single aus seinem Album Sign O’ The Times von 1987. Der Song ist eine Liebeserklärung an eine Frau, in der Prince mit künstlich hochgepitchter, androgynisierter Stimme darüber singt, selbst zur Frau werden zu wollen – um als diese zunächst die ›beste Freundin‹ und dann die ›Freudin‹ seiner Freundin zu werden. Dabei geht es natürlich auch um eine klassische Männerfantasie – lesbischen Sex –, gleichzeitig transzendiert Prince aber die übliche Männerrolle, weil er als Frau mit einer Frau Sex haben möchte.

Ein weiteres Beispiel: Das Machomäßigste, was man im Pop tun kann, ist noch immer, ein wahnsinnig schnelles Gitarrensolo zu spielen. Prince tut dies natürlich – er ist immerhin der beste Gitarrist des Pop. Aber in High Heels? Und mit einer Gitarre, die designt ist wie ein Phallus, und an der er dann in unmissverständlicher Pose herumhantiert? Princes Projekt ist es, von Stereotypen wegzukommen, und er erreicht dies, indem er alles so lange hochsext, bis sich die Kategorien einfach verflüchtigen. Dass er damit sogar ein Riesenpublikum erreicht und seine Songs ›trotz‹ dieser komplexen Inszenierung weltweit auf Platz eins der Charts landen konnten, ist sein historischer Verdienst. Ich kann mit meinem ironischen Peaches-Bart und meiner Dildoshow im Vergleich dazu einpacken. Denn natürlich werde ich immer nur von einem bestimmten Publikum wahrgenommen – von einem Underground, der im Grunde längst aufgeklärt ist.

Hochinteressant ist auch, wie Prince im Laufe seiner Karriere immer wieder mit verschiedenen Musikerinnen zusammengearbeitet hat. Ich denke da nicht nur an die fantastische Sheila E, die Drummerin seiner Band The Revolution, sondern vor allem an die Frauenbands, die er Anfang der Achtzigerjahre produzierte: Vanity 6 und Apollonia 6. Das waren Trios, die er selbst zusammencastete, teilweise hatte er auch Affären mit den Mitgliedern. Man könnte also denken, dass diese Bands die üblichen schmierigen »Baby, ich bring dich groß raus«-Projekte darstellten, die es in der Musikindustrie gibt.

Aber sogar Vanity 6 und Apollonia 6 waren Teil von Princes großem Post-Gender- und Post-Race-Programm: Er castete die Musikerinnen nicht nur multi-ethnisch zusammen – es gab immer eine Schwarze, eine Weiße und eine asiatisch Aussehende –, er wählte die Frauen vor allem als weibliche Pendants zu sich selbst, als Zwillingsschwestern sozusagen, als weibliche Prince-Inkarnationen. Die Frauen sahen ihm teilweise unglaublich ähnlich.

Kein Wunder, dass er als Produzent damals auch dafür sorgte, dass die Musik dieser Bands genauso gut war wie die, die er unter seinem eigenen Namen veröffentlichte. Das Vanity-6-Album ist fantastisch! Ich bekam es in Toronto von einem Freund geschenkt, der sich The Captain nennt, das war, als ich die Arbeiten an meinem Debütalbum »The Teaches Of Peaches« gerade abgeschlossen und den Entschluss gefasst hatte, nach Berlin zu ziehen. An meinem letzten Tag in Toronto, auf dem Weg zum Flughafen, traf ich ihn zufällig auf der Straße, er drückte mir diese Platte in die Hand und meinte: »Die brauchst du!« Den ganzen Flug über starrte ich ungläubig auf das Cover – die drei Frauen posieren wie in einem Erotikmagazin, sie tragen aufreizende Negligées und Strapse. Dieses Album war die erste Platte, die ich mir in meiner neuen Heimat Berlin anhörte.

Prince wird wie James Brown auf der Bühne stehen, bis er tot umfällt.

Natürlich könnte man noch stundenlang über Prince als Ikone der Gender-Bewegung sprechen, doch man darf auch nicht vergessen, dass er einfach ein grandioser Performer ist. Ich würde ihn als James Brown seiner Generation bezeichnen. Und zwar nicht nur, weil er sich eine Menge Tricks von James Brown abgeschaut und sie weiterentwickelt hat – zum Beispiel, wie er den Mikrofonständer auf den Boden stößt und mit dem Fuß wieder hochkickt –, sondern vor allem, weil er wie James Brown auf der Bühne stehen wird, bis er tot umfällt.

Prince ist jetzt zwar 50 geworden, doch ich würde sagen, dass er noch nicht mal die Hälfte seiner Karriere hinter sich hat. Er ist nach wie vor unermüdlich, immer wenn er ein Konzert gibt, spielt er danach noch ein mindestens fünf Stunden langes Aftershow-Konzert. Genauso hat es James Brown gemacht. Immer weiter. Schwer zu sagen, ob dieser Hang zur totalen Verausgabung pathologisch ist. Ich schätze, es ist einfach das Schicksal geborener Musiker.

Dieser Text von Peaches ist in SPEX N° 315 – Juli / August 2008 erschienen. Das Heft kann hier versandkostenfrei online bestellt werden.

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