Paula Temple im Interview: »Affinität statt Identität«

Paula Temple   FOTO: Luca

Die britische Produzentin Paula Temple verfasste in diesem Jahr das Noise Manifesto, unterstütze female:pressure und legte die hervorragende Single »Colonized« auf R&S Records sowie einen brutalen Remix von Planningtorocks »Human Drama« vor. Anlässe genug also für ein Interview über Kolonialismus, Gendergerechtigkeit und Handlungsmöglichkeiten.

Paula Temple, gerade finden sich überall die großen Jahresendauswertungen. Wie haben Sie 2013 erlebt und welche Veröffentlichungen sollte man Ihrer Meinung nach nicht verpasst haben?

2013 war mit Abstand mein bisheriges Lieblingsjahr. Zwei Alben haben mich aus unterschiedlichen Gründen in die Luft gehen lassen: The Knife Shaking the Habitual und Kool Thing Kool Thing auf dem Label Mad Dog & Love.

Sie haben das sehr erfrischende »Colonized« in diesem Jahr bei R&S Records veröffentlicht. Wer ist hier die Kolonialmacht? Negri & Hardts Empire, die westliche Kultur oder doch der Kapitalismus selbst?

Ah ja, das ist sicherlich der Kapitalismus, der sich allerdings aus westlichen Attitüden speist. Aber auch das proud empire, dem man nur schwerlich entkommen kann, wenn man während eines Jubilee-Jahres in England lebt. Ich sah das damals in Kontrast zu den Kämpfen meiner Mutter, des Postkolonialismus und des Rassismus, der ihr entgegen trat als jemand, der kurz nach der sehr brutalen Zerteilung Indiens durch das britische Empire in England geboren wurde und aufwuchs. Sie wusste weder, wer ihr Vater war noch wo eher herkam. Und dann begann ich die heutigen, alltäglichen Kämpfe zu reflektieren, und wie wir alle kolonialisiert werden vom corporation empire, das Regierungen kontrolliert, übertüncht von »Demokratie« als PR-Fassade. Die Energie von »Colonized« wurde oft als Wut gegen diese Sachen interpretiert. Für mich geht es aber eher um diesen unglaublichen machtvollen Raum, den Musik dir verschaffen kann, unangetastet von den kolonialen Mächten.

Wie kann man diesen Bedrohungen sonst noch ihrer Meinung nach entgegen treten?

Ehrlich gesagt, habe ich dafür weder eine individuelle noch eine kollektive Lösung. Das ist einer der Gründe, warum ich mich derart explizit rund um den politischen Kontext dieser Veröffentlichung äußere: Ich will die Diskussion voranbringen. Die Menschen wollen sich wirklich gegen diese deregulierte Gier und das Leiden ihrer Mitmenschen auflehnen. Mich interessiert, wie wir ein globales Netzwerk der Unterstützung aufbauen können, indem wir von gewaltfreien Bewegungen wie denen der Zapatistas in Mexiko, der isländischen Bevölkerung bzw. ihrem Umgang mit Korruption und Schulden oder Occupy! lernen. Ich selbst versuche, wo immer ich kann, kleine Veränderungen zu machen, die meine Verwicklung mit diesen Bedrohungen reduzieren. Das wird aber größtenteils von den Communities ermöglicht, in denen ich mich in Berlin bewege, weshalb ich verstehe, dass es anderswo nicht so leicht sein kann. In England war es das jedenfalls nicht. Dazu gehört, Freunde für die Herstellung deiner Kleidung zu bezahlen, wo immer es möglich war fair einzukaufen, oder Gruppen zu unterstützen, die ihre Energie in die Neugestaltung unsere Wertesystems im Sinne der Gerechtigkeit, sei es in der Bildung, der Arbeitswelt, Wirtschaft, Pflege, dem Gesetz etc.

Was hat Sie überzeugt, nach 30 Jahren als erste Solokünstlerin bei R&S unter Vertrag genommen zu werden? Und warum diskreditiert sich das Label durch die lange Zeit der Unfähigkeit nicht selbst?

Da musste keinerlei Überzeugung geleistet werden. R&S liebte ganz einfach die Musik. No gender, no trends. Es ging nur um Kreativität und die Energie der Musik und meinerselbst. Und gut, dass Sie das ansprechen, denn schließlich wäre es ja auch einfacher gewesen, mich nicht unter Vertrag gewesen, anstatt nach 30 Jahren auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

female:pressure war einer der meistdiskutiertesten Initiativen des Jahres. Sie selbst haben bei einer Ihrer Veranstaltungen aufgelegt. Sehen Sie 2013 als Wendepunkt für Gendergerechtigkeit und Multidiversität innerhalb der Pop- und Untergrundkultur?

Ich denke: ja. Ausflüchte wie: »Wir schauen ausschließlich auf die Qualität.«, nebenbei eine der faulsten überhaupt, wurden schlicht zu lange toleriert. Es gab vorher allerdings schon viele andere Wendepunkte. Es wird sicherlich noch Weitere bedürfen, aber es hätte wohl mehr Durchschlagskraft, wenn Leute jedes Genders und Nicht-Genders zeitgleich agieren könnten – bis dieses kreative Ökosystem wirklich gerecht ist.

Jam Rostron alias Planningtorock ist ebenfalls bei female:pressure. Jetzt haben Sie Ihre neue Single »Human Drama« geremixt. Wie kam der Kontakt zustande und worin überschneiden sich Ihre Arbeiten und Ansichten?

Ich bin Anfang des Jahres mit Jam in Kontakt getreten, gerade nachdem ich gehört hatte, sie sei aus Bolton! Ich bin aus der Nachbarstadt Preston und deshalb haben wir uns von Beginn an gut amüsiert, als ich im Frühling nach Berlin kam. Ich wusste, dass ich hierher ziehen will, und habe Jam als erste um Rat gebeten. »Living It Out« hatte ich bis zum Erbrechen gehört und mich danach weiter mit Planningtorock befasst. Ihre Botschaften sind fantastisch und ich dachte mir: Das ist jemand, dem ich vertrauen kann! Jam hat wirklich ein großes Herz und den besten Sinn für Humor. Wir sind gute Freunde geworden, treffen uns, um über alles Mögliche von Aufnahmetechniken, Technologie, queeren Inspirationen bis zu Musik zu sprechen. Uns interessieren besonders soziale Innovationen im Studio und die gegenseitige Unterstützung im Ausdruck wirklich positiver Dinge in unserer Kunst – als Gegengift zu jeglichem unterdrückenden Scheiß.

In Ihrem Remix von »Human Drama« haben Sie das Groß des Textes weggelassen. Erst kürzlich hatte ich eine rege Diskussion mit Freunden über die vermeintlich oder tatsächlich begrenzte politische Aussagekraft rein instrumentaler Musik. Wie Sehen Sie das?

Ich liebe den gesamten Text von »Human Drama« und habe nicht bewusst einen instrumentalen Ansatz gewählt, um politisch zu sein. Aber ich wollte unbedingt die politische Reibungshitze dieses fantastischen Stücks noch weiter aufdrehen! Als beschloss ich, mich auf einzelne Worte und Phrasen zu konzentrieren, um diese brutal klare Botschaft hervorzustellen: GENDER IS JUST A LIE! Das erklärt sich hoffentlich von allein! Dann: SEXUALITY! Denn ich mag die Idee, dass die Leute zu diesem Wort tanzen, statt Angst davor zu haben. Für das Ende habe ich noch »It’s liquid, it’s living, there’s no rules, no convention.« herausgepickt.

Zudem habe ich den Klang absichtlich »brutal« gemacht. Im Techno hat sich diese Idee eingeschlichen, dieser Sound wäre irgendein Ausdruck von »Maskulinität«. Ich wollte als Produzentin aber zeigen, dass das völliger Unsinn ist und dass Maskulinität auf Techno-Tanzfläche keinen exklusiven sozialen Status genießt.

Innerhalb des von Ihnen jüngst veröffentlichten Noise Manifestos erklären Sie sich zu »cyborg artists«, die dem herkömmlichen Konzept des Egos überlegen sind. Warum?

Das ist natürlich etwas von Donna Haraways Cyborg Manifesto inspiriert. Ich liebte das Spielerische, das ihre Verwirrung der Identitäten mit sich brachte. Im »cyborg artist« steckt die Hoffnung, den Fokus von Identität hin zu Affinität zu verschieben. Das wollen wir besonders mit unserem Kollaborationsprojekt erreichen, das wir 2014 mit dem Label beginnen werden. Ich hoffe jedenfalls, das es nicht überlegen zu was auch immer ist, das würde nur schmälern, worauf das Manifest selbst abzielt! Im Noise Manifesto steckt definitiv ein Bedürfnis nach einem sehr genauen Bewusstsein für die gegenwärtige Musikindustrie – und den Impulsen, das zu entstellen. Es geht etwa um Gender-bezogene Befangenheiten.

Und jede*r, der sich dem Noise Manifesto anschließen will, muss diese Impulse im Einklang mit dem Manifest verstehen und ist dann eingeladen, auch ein »cyborg artist« zu werden. Warum? Nun, es ist einfacher, sich einen Cyborg, einen Körper aus der Verschmelzung von Technik und Mensch, als frei von Gender, Klasse, Rasse etc. vorzustellen, als uns selbst mit all unseren Identitäten und den Wegen und Barrieren, die aus diesen entspringen. Ich werde mich weiter noch neuen, diversen Talenten umschauen, um diese mit Etablierteren zu verbinden, in der Hoffnung, ein wirkliches Netzwerk gegen diese unausgesprochenen, marginalisierenden Barrieren zu unterstützen. (Weiter nach dem Video)


Spank Protest »Anti-Orgasm« ist eine der ersten Veröffentlichungen auf Noise Manifesto.

Sie haben vor kurzem das Berliner CTM Festival auf ihre persönliche Blacklist gesetzt, nach dem anscheinend ein Versuch, Sie für deren nächste Ausgabe zu buchen, scheiterte. Was war der Grund für den Disput?

Zunächst war ich begeistert über die Einladung des Kurators, das finale Set einer der Festivalnächte zu spielen. Ich nahm an, er wollte mich als frisch hier angekommene, aufstrebende Künstlerin und die Projekte, die wir 2014 via Noise Manifesto machen werden, unterstützen. Das hätte auch absolut mit deren Oberthema »Discontinuity« funktioniert. Was folgte, überraschte mich, vor dem Hintergrund, dass dies ein richtungsweisendes Festival für die Unterstützung des Berliner Netzes elektronischen Musik sein sollte, vollends.

Erst einmal war er überhaupt nicht an Noise Manifesto interessiert. Er wollte mich lediglich für eine lächerlich niedrige Summe buchen und meinen Agenten ausquetschen. Ich verstehe ja, dass es begrenzte Budgets gibt, aber ernsthaft: Er wusste, dass ich meine Gage, ohne Hotel- oder Reisekosten, bereits auf das Niedrigstmögliche gedrückt hatte, nur für ihn. Das ist aber nicht der Punkt, der mich stört. Es ist der Missbrauch seiner einflussreichen Position inner- und außerhalb eines Festivals, das behauptet, anders und unterstützend für Künstler aus »gegenwärtigen Diskursen« zu sein. In diesem unnötigen, ausbeuterischen Machtzug, sperrte er nicht nur mich, sondern auch ein an meinen Arbeiten interessiertes Publikum aus.

Ich unterstütze gerne graswurzelbasierte Non-Profit-Veranstaltungen, aber damit muss ein Dialog verbunden sein, der gegenseitige Unterstützung und eine Transparenz der flächendeckend gesenkten Gagen herausstellt. So, wie dieser Kurator mit mir verhandelte, zeigte er, dass er sich nur um CTM selbst scherte. Das wurde ganz klar, als er, nachdem ich in einem Facebook-Post meiner Enttäuschung Ausdruck verliehen hatte, mich anschrieb, um mich zu zensieren, es mich herunternehmen zu lassen. Es gab kein Versuch des CTM, die Ebenen des von mir aufgedeckten Probleme zu verstehen. Wenn sie wirklich ein Festival sind, das Berlin an den Grenzen elektronischer Musik repräsentiert, dann wären sie mutig genug gewesen, diese Problematiken mit einzubeziehen und sich öffentlich der eigenen Kritik zu stellen.

Vor ein paar Jahren haben Sie an der Entwicklung eines MIDI-Controllers mitgewirkt. Denken Sie darüber nach, auch wieder in diesem Feld zu arbeiten?

Definitiv! Tatsächlich diskutieren wir in den Studios schon länger eine Idee dieser Art, die wir gerne einmal realisieren würden. Das Konzept ist absurd lustig, wir haben einfach bislang nicht die Zeit dafür gefunden, da wir alle sehr vertieft in unsere Musik sind.

Vor ein paar Monaten erzählten Sie in einem anderen Interview, dass Sie 2014 einen Melodic-Techno-Stück veröffentlichen werden. Ändern Sie gerade Ihren Stil?

Mir geht es nicht so sehr über die Veränderung von Stilen, denn im Studio produziere ich permanent in verschiedene Richtungen. Ich freue mich, sie ab 2014 aber auch endlich zu veröffentlichen. Das ist ehrlicher meiner Kreativität gegenüber und die Leute, die mich verstehen, werden es begrüßen, dass ich mehr als nur eine Art elektronischer Musik mache.

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