Paul Dano – Der über den Schulhof schlurft

In puncto Sozialverhalten das eine oder andere Defizit: Paul Dano verliert in seinen Rollen wenige Worte. Jetzt spielt er die Sechziger-Jahre-Version des Beach Boys Brian Wilson im gestern gestarteten Biopic Love & Mercy. Ein Blick in die ganz eigene Welt des Ausnahmedarstellers.

In keine der Schubladen, die Hollywood für junge Schauspieler bereithält, will er wirklich passen. Paul Dano ist keiner dieser Schönlinge, die derzeit an der Seite weiblicher Heldinnen durch postapokalyptische Welten jagen. Kein muskelbepackter Sportler, der Channing Tatum künftig die Action- oder Stripperfilme streitig macht. Nicht mal als waschechter Nerd, der in Prollkomödien für die Gags am Rande sorgt, geht er durch. Schon allein weil ihm die Brille fehlt. Stellt man sich die Filmbranche als High School vor, dann ist Paul Dano der stille Einzelgänger, der von allen unbemerkt über den Schulhof schlurft.

Dass es aber gerade die vermeintlich unauffällige Durchschnittlichkeit sein kann, die den Blick des Kinopublikums magisch auf sich zieht, bewies Dano schon früh. Mit 17 Jahren, als der gebürtige New Yorker bereits ein paar kleine Broadway-Auftritte hinter sich hatte, stand er für seine erste große Kinorolle vor der Kamera. Das eindringliche Drama L.I.E. von Homeland-Macher Michael Cuesta erzählt von der komplexen Freundschaft zwischen einem vom Leben enttäuschten Teenager und einem Pädophilen. Danos zwischen Unschuld und Verzweiflung schwankende Verkörperung einer gebrochenen Jugend geht durch Mark und Bein.

Noch heute, mit 30 Jahren, verleiht ihm sein blasses, rundes Gesicht mit der markant großen Nase, das damals an Babyspeck gemahnte, eine gewisse Jugendlichkeit. Und auch die Vorliebe für anspruchsvolle, ja schwierige Stoffe, mit denen man weniger zum Teenie-Idol als zum Charakterdarsteller wird, ist geblieben. Abstecher in den Mainstream wie den Tom-Cruise-Flop Knight And Day oder den Sci-Fi-Western Cowboys & Aliens kann man in Danos Karriere an einer Hand abzählen. Lieber dreht er – und sei es auch in Nebenrollen – mit Regisseuren wie Ang Lee (Taking Woodstock), Kelly Reichardt (Meek’s Cutoff) oder Richard Linklater (Fast Food Nation), spielt in 12 Years A Slave einen Sklaventreiber oder in Prisoners einen geistig zurückgebliebenen Mordverdächtigen.

Danos bis heute wohl bekannteste Filme könnten unterschiedlicher kaum sein. Im tragikomischen Überraschungserfolg Little Miss Sunshine spielte er 2006 den grübelnd schweigenden Teenagersohn einer Chaosfamilie – ein Jahr später starb er in Paul Thomas Andersons Meisterwerk There Will Be Blood als seltsamer Pastor den Tod durch Bowlingkegel. Gemeinsamkeiten weisen diese Rollen trotzdem auf. Am liebsten spielt Dano verkopfte, selten durchschaubare Typen, die wenig Worte verlieren und in puncto Sozialverhalten das eine oder andere Defizit aufweisen. Zufall dürfte das kaum sein, schließlich schrieb ihm auch Lebensgefährtin Zoe Kazan einen solchen Part auf den Leib: In deren Komödie Ruby Sparks verkörperte er ein ehemaliges Literaturwunderkind, das die Sache mit dem Zwischenmenschlichen so wenig auf der Reihe hat, dass es sich seine Traumfrau einfach an der Schreibmaschine erfindet.

Insofern passt auch Danos neuer Film bestens in seine Filmografie: das Musiker-Biopic Love & Mercy, in dem er niemand geringeren als Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson spielt. Eine Rolle, die von Anfang an Respekt einflößt, wie er im Interview verrät: »Ich mache zwar selbst auch Musik und spiele in einer Band, aber das hat meine Ehrfurcht nur noch größer gemacht. Brian ist ein Ausnahmemusiker – und ein Ausnahmemensch. Deswegen konnte ich letztlich auch nicht widerstehen, gleich als erstes Klavierspielen zu lernen.« Die äußerlichen Ähnlichkeiten mit der Poplegende halten sich eher in Grenzen, und auch mit John Cusack, der den älteren Wilson verkörpert, bringt man Dano optisch nur bedingt zusammen. Aber daran, wie er sich umringt von Studiomusikern regelmäßig in Trance zu orchestrieren scheint – »im Originalstudio, in dem Brian Pet Sounds aufnahm, mit echten Live-Musikern!«, schwärmt Dano – und auch im privaten Alltag zusehends in seine eigene Welt und Richtung Psychose abdriftet, kann man sich bei aller darstellerischer Intensität fernab der üblichen Schubladen auch diesmal wieder nicht sattsehen.

Love & Mercy
USA 2014
Regie: Bill Pohlad
Mit Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks u. a.

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