Patti Smith »M Train. Erinnerungen« / Review

M Train, Patti Smiths literarische Erinnerungsreise Teil II, erscheint morgen in der deutschen Übersetzung bei Kiepenheuer und Witsch.

Auch in M Train, dem Nachfolger zu Just Kids (2010), ihrem vielgelobten Erinnerungsbuch an Robert Mapplethorpe, schreibt Patti Smith über das Schwerste im Leben, nämlich darüber, einen geliebten Menschen zu verlieren: 1994 verstarb ihr Ehemann Fred ›Sonic‹ Smith, Gitarrist der MC5, mit nur 44 Jahren. In zutiefst melancholischer, aber nie sentimentaler Weise schildert Smith in M Train beispielsweise, wie das Paar eine abenteuerliche Reise nach Saint-Laurent-du-Maroni unternahm, um in der Grenzstadt im Nordwesten von Französisch-Guayana die Überreste einer französischen Strafkolonie aufzuspüren. In Tagebuch eines Diebes hatte der poète maudit Jean Genet dieses Lager für Schwerbrecher als einen ihm unerreichbar gebliebenen Sehnsuchtsort beschrieben. Smith brachte von dort eine Handvoll Sand und einige Steine mit zurück nach New York, die sie dem kranken Dichter überreichen wollte. Genet aber verstarb, bevor es dazu kam. Am Ende deponierte die Musikerin die Proben in seinem Grab.

»Dass die Dinge uns überleben, ist für Smith ein Trost.«

Diese Episode ist typisch für M Train, in dem es neben der Trauerarbeit über den Verlust ihres Lebensmenschen auch um wichtige Inspirationsfiguren geht, denen Smith ihren Tribut zollt: Autoren wie W.G. Sebald oder Haruki Murakami, doch auch der Wissenschaftler Alfred Wegener oder die Malerin Frida Kahlo erweisen sich als ihre Hausgötter.

M Train enthält faszinierende Beschreibungen der Pilgerreisen, bei denen sie den genius loci der Orte aufzuspüren sucht, an denen ihre Idole lebten. Oder um sich dort jene Dinge anzusehen, die neben den Kunstwerken vom Leben der Vorbilder übriggeblieben sind. Dass die Dinge uns überleben, ist für Smith aber ein Trost. Deswegen gelten auch nicht wenige ihrer poetischen Meditationen alltäglichen Besitztümern, oder sie beschwört die Aufenthalte in ihrem New Yorker Lieblingscafé, das sie eines Tages für immer geschlossen vorfindet. Denn allein in der Literatur, so weiß sie, kann man das festhalten, was uns verlässt. »Bitte bleibt für immer, sage ich zu den Dingen, die ich kenne. Geht nicht fort.«

Diese und weitere Literaturkritiken sind in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Zur versandkostenfreien Heftbestellung geht es hier.

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