Schüttelwahn & Auschwitz

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Foto — Micha Eckl

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Regisseur, Schauspieler, Produzent und Fotomodell: Wenn Patrick Wengenroth Theater macht, dann ist er gleich überall involviert, maximal involviert, wie er wohl selbst sagen würde. Am HAU2 in Berlin bringt Wengenroth gerade zwei der kontroversesten Köpfe der Republik zusammenRainald Goetz, erst letzte Woche anlässlich der Verleihung des Berliner Literaturpreis an ihn hoch verehrt, und Franz Josef Wagner, Dadakettenraucherikone und Lieblingsbriefeschreiber der deutschen Reaktionären. Auf der Bühne treffen sie nun aufeinander, Goetz mit seinem Lyrikmeisterstück Katarakt, Wagner mit dem ihm eigenen Brief an Deutschland. Da prallt Hochkultur auf Boulevard, um ein Abbild Deutschlands und des Deutschseins entstehen zu lassen, und mitten hinein setzt Wengenroth, der auch schon mit Die Türen zusammenarbeitete, die Wahlberliner von Ja, Panik. Nach der ersten Aufführung von Katarakt/Brief an Deutschland am Freitag fragte sich Cord Riechelmann in der FAS, wie er in diesem ganz realen Deutschland, überleben konnte, »ohne irre zu werden.« Heute, am 2. April, läuft die vierte und vorerst letzte Vorstellung.

  Beim Interview am Beginn eines Probentags trägt Wengenroth seine Insignien: ein dicker schwarzer Schnäuzer und eine lilafarbene Adidas-Jogginghose, natürlich mit Retrologo.

Heute schon die BILD gelesen?
PATRICK WENGENROTH:   Nein, wir verlegen das in die Probe. Die Regieassistentin hat eine lange Zugfahrt nach Berlin, dann kauft sie sich die BILD und ist froh, dass sie etwas Lektüre hat. Natürlich nimmt sie die dann mit zur Probe und wir lesen sie dort, komplett. Man muss ja wissen was passiert. Und dann kann man blättern, Kaffee machen, und Eva Löbau, die Katarakt spricht, kann ihren Text lernen.

Du arbeitest währenddessen mit Vivien Mahler, Verena Unbehaun und Niels Bormann an den Wagner-Postionen. Wie ist das Stück aufgebaut?
   Es ist tendenziell in zwei Teilen angelegt. Mit Hilfe des Wagner-Textes wird ein Panorama von Deutschland entworfen, denn seine Biographie ist mit den historischen deutschen Geschehnissen, die ihm wichtig waren und die er als Journalist erlebt hat, maximal verknüpft. Daran schließt der Monolog eines Alten von Goetz. Wenn man so will, wird bei uns die deutsche Realität – individuell empfunden von Franz Josef Wagner ab 1943 bis heute – auf die Meta-Ebene von Reinhold Goetz gebracht. Beide Positionen lassen sich noch weiter synchronisieren: Der Text von Goetz ist relativ melancholisch, bei Wagner regiert eine vorherrschende Depression. Man glaubt eigentlich, die ganze Zeit vor der Welle zu surfen, doch dann merkt man relativ schnell, dass dieser Mann maximal depressiv ist. Und Depression ist wiederum ein Seelenzustand, der sinnbildlich für Deutschland steht.

Und den mit Katarakt auch ein Werk von 1993 auch aktuell widerspiegeln kann?
   Total. Anlässlich der Wiedervereinigung fragte sich Goetz für Festung, maximal erschüttert: Verändert sich jetzt das Reden über Auschwitz und das dritte Reich? Goetz antizipierte vieles, was da später kam – Du bist Deutschland!, die Fahnen überall. Katarakt ist zeitlos, weil es da nur eine abstrakte Fiktionsebene  gibt, in der sich jemand  – ähnlich wie bei Huxley und auch wenn das vielleicht kitschig klingt – in einer Art Fegefeuer, einem Ablösungsmoment von Seele und Körper befindet. Und diese Stimmung spürt man.
    Es ist der Abschluss der Trilogie, die sich ganz klar mit einer doppelten Stunde Null – 1945 und 1989 – beschäftigt. Und auch Wagner kommt aus seiner Depression nicht heraus. Alles führt zurück auf seine Mutter – quasi, im BILD-Bild, das »Trümmerfrauen-Pin-Up« – und die fehlende Vaterfigur. Es gibt in diesem Buch keine Beschreibung von Liebe, außer als er, in Verbindung zum Mauerfall, beschwingt eine Kellnerin anbaggert. Insofern existiert für Wagner die Liebe nur zur Mutter und zur Wiedervereinigung – maximal freudianisch gekoppelt.

Wieso hast du dich gerade für die Zusammenführung von Goetz und Wagner entschieden? Als Gegenpol zu Wagner hätte sicherlich auch ein anderer Autor, z.B. Christian Kracht, funktioniert.
   Stimmt. Aber ich mag Goetz einfach lieber (lacht). Zunächst: Ich hege für beide Autoren ein absolutes Fantum. Beide sind – sowohl Goetz als auch Wagner – in dem was sie tun persönlich, beide nehmen Deutschland maximal persönlich. Alles was in diesem Land passiert, schleusen sie durch sich hindurch. Und da ist es mir auch egal, ob man sagt: Aber Wagner macht das nur oberflächlich mit seinen 40 Zeilen, Goetz stattdessen in der Hochkultur. Es geht darum, dass man zwei maximal unterschiedliche Westdeutsche zusammenbringt, die beide an der Schnittstelle von Journalismus und literarischen Schaffen surfen.
   Beide fädeln sinnbildlich immer wieder durch das selbe Loch, aber auf ihre höchst unterschiedliche Weise. Trotzdem berühren sie sich dabei zwangsläufig. So haben beide die selben historischen Ereignisse erlebt. Goetz hat den Wimbledon-Sieg von Boris Becker gesehen und verarbeitet – Wagner eben auch. Und so sind wir alle durch diese Momente synchronisiert, ich ebenfalls. Wenngleich mich als Wessie in Hamburg die Wiedervereinigung etwa, zumindest damals, maximal nicht interessiert hat.

Wagner neigt zu Widersprüchen, schreibt mitunter manisch an der Grenze zum Irrsinn.
   In seinem Leben sind alle Klischees drin: Die starke Mutterbindung, das Aufwachsen in der Nachkriegszeit, die Ahnung von Auffanglagern. Da kommt eben ein maximal entwurzelter Typ heraus, der gar keine andere Wahl hat, als das Tagesgeschehen persönlich zu nehmen, weil er eben auch maximal verunsichert als Mensch, der sich aus einer Deutschlandgeschichte rekurriert oder eben auch nicht. Ich finde es bisweilen schön, wenn ihm der Bildblog seinen Mumpitz nachweist, aber das zielt an der Qualität der Texte völlig vorbei. Die Briefe sind mehr Lyrik als faktenbasierter Journalismus. Es ist wie Schüttelwahn, wie selbstkreierte Haikus, die nach bestimmten Regeln funktionieren.

Wie fügt sich dann die österreichische Pop-Band Ja Panik in dieses westdeutsche Zweiergespann hinein?
   Klar, diese Gegensätze sollen sich befeuern. Sowohl Goetz als auch Wagner sind – für ihren Bereich und in ihrem Stil – gewissermaßen virtuos. Ja, Panik sind das in ähnlichem Maße ebenfalls und machen – das ist wieder reines Fantum – wahnsinnig tolle Musik. Der finale Kick, die Band zum Mitmachen zu fragen, resultierte aus ihrem Lied DMD KIU LIDT,  ebenfalls eine Art Autobiographie. Tatsächlich ist dieser Song für mich das Motto des Abends: »Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.«; diesen Satz können Goetz wie Wagner und auch ich voll und ganz unterschreiben! DMD KIU LIDT wird in voller Länge von der Band live performt, Sänger Andreas Spechtl verwandelt sich somit in den dritten Autor des Abends, der auf seine 28 Lebensjahre rekurriert – wobei egal ist, wieviel davon Österreich, wieviel Berlin ist.
   Biographie ist ohnehin für mein gesamtes Theater-Schaffen sehr wichtig. Auch bei Planet Porno habe ich die ganze Zeit Autobiographien verwurstet. Die Hauptfrage bleibt: Was erzählen Autobiographien wie die von Heino, Oliver Kahn oder Wolfgang Joop über die Sehnsüchte, die in der Gesellschaft vorherrschen.

Soll so eine kollektive Erinnerung bzw. Identität aus diesen drei einzelnen Perspektiven geschaffen werden?
   Ja, hin zu dieser neuen These, dass sich die Geschichtsschreibung, vom Punkt aus, an dem man sich gerade selbst in der Zeitleiste befindet, immer wieder neu definiert. Geschichte ist somit permanentem Wandel unterworfen und niemals abgeschlossen, auch wenn der Orkus Springer uns das bestimmt gerne weismachen möchte. Mir geht es also darum, anhand dieser drei Autoren klarzumachen, dass es vermeintlich reale, historische Gegebenheiten gibt, die eine Gesellschaft vermeintlich synchronisieren, dass diese aber komplett unterschiedlich gewertet werden können. Während 9/11 etwa bei Wagner so gar nicht vorkommt, ringt Goetz seitdem um seine Sprache ringt, der er sich vorher noch relativ sicher war. Und dann kommt hier – mit mir – hier ein verschiedenes Spektrum von vier Generationen zusammen.

Goetz formulierte in Abfall für alle, dass ein Kürzen und Demontieren seine Texte befürworte und ein Regisseur gegen ihn »an inszenieren« solle. Betreibt ihr auch Textzerstörung an Katarakt?
   Wir zerstören ihn nicht, aber es gibt eine Maximalsetzung: Es ist kein alter Mann, der spricht, sondern eine vierzigjährige Frau. Das lässt natürlich Vieles anders erscheinen, der ganze Kitsch, den mancher mit dem vermeintlichen Nazi-Oberen verbindet, fällt weg. Mir geht es darum, den Text hörbar zu machen, als Text über die Welt. Er soll letztendlich aus der Schauspielerin hinaus entstehen, was gewohnheitsmäßig ebenso schwierig wie verhältnismäßig lustig für sie und das Publikum werden wird.
   Und ich bin mir gar nicht sicher, ob Goetz auch hier eine Zerstörung wollen würde. Die Festung als Mediencluster kann man drehen und wenden wie eine Matschkugel, Katarakt aber würde ich aber maximal Unrecht tun, wenn ich die Schlusssätze nicht die Schlusssätze sein ließe, weil mit diesem »Hm, naja.« alles in Frage gestellt wird und doch vorbei ist. Ein besseres Ende für einen Theaterabend kann ich mir nicht denken.

Gleichzeitig stellt Goetz im selben Text fest, dass das Leitwort beim Schauspieler fällt. Du bist selbst auch Schauspieler und nimmst als solcher ebenfalls am Stück teil.
   So wird das üblicherweise rezipiert, aber ich bin kein gelernter Schauspieler. Nur wenn man heute dreimal auf der Bühne steht ist man es gleich. Wahrscheinlich werde ich mitspielen. Grundsätzlich ist der Weg des Probenprozess immer ähnlich: Zunächst, was können die Schauspieler machen? Was ist ihr Bereich? Welche Texte haben die? Meine Funktion entscheidet sich dann erst sehr spät. Bei Die letzten Tage der Menschheit vor zwei Jahren habe ich am Ende das Bühnenbild abgerissen und Subito – auch wieder Goetz – gemacht. Bei Katarakt ist es versöhnlicher. Jemand schaut den eigenen Synapsen beim Denken zu, ohne eingreifen zu können.

Es herrscht Kontrollverlust.
   Genau. Man durchleidet Vieles, ist aber auch dankbar für die Abgabe von Verantwortung. Und das ist auch das Perfide am Komplex Festung: Es gibt Erlösung, selbst dann, wenn man 5.000 Menschen umgebracht hat. Das ist die innewohnende Provokation.

Wo kommt der Anspruch, das – wohlmöglich – eigene Deutschsein auf der Bühne erlebbar zu machen und historisch einzuordnen?
   Ich merke mir eben den ganzen Quatsch; die Nutella-Werbung aus den 80ern, Schlagertexte. Gleichzeitig war und bin ich Medienjunkie, abonniere ebenso die Zeit wie die Bravo. Dabei habe ich gemerkt, dass – und deshalb auch Planet Porno – die Realität den Porno immitiert, wie Pedro Almodóvar sagt. Die realen Vorgänge sind maximal gaga. Da brauche ich keinen Autor dafür, der mir das schreibt, und kann auch mit neuerer deutscher Dramatik nichts anfangen

Dabei löst sich der allgemeine Grundkanon auf. Junge Menschen wachsen wieder ohne den Fernseher auf, die Poplandschaft ist zersplittert und von Überfluss geprägt. Die kollektiven Bilder werden immer weniger.
   Genau das macht es auch so schwierig und meine Arbeit umso wichtiger, weil alle diesen genuinen Identitätsverlust beklagen. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass man – trotz aller Aufsplitterung in Milieus, digitalen Welten, Diviersierung der Gesellschaft durch Subkultur usw. – sich komplett von allem lösen könnte. Mir – wie Goetz – geht es immer darum, dass das Heute das Gestern definiert und wie man darüber redet. Durch Goetz etwa lesen wir jetzt seit drei Tagen auf der Probe nur Luhmann, bei Festung war es Adorno; einfach auch als Einstieg, dass man merkt: Es gibt etwas, es gibt Quellen, das Heute wurde im Gestern vorbereitet. Nur muss man sich das immer wieder neu erarbeiten. Da sehe ich eine potentielle Chance, der Nichtigkeit von Theater zu begegnen. Indem man nicht den hundersten Jungdramatiker aus der Tasche zieht, sondern mit Verweischarakter ein Werk aufarbeitet, etwa mit viel Witz und Musik über den Emile von Rosseau lacht.
   Bei diesem Stück geht letztendlich immer um die Frage nach der Autobiographie, nach Selbsteinschätzung, -Überhebung und -Bewusstsein. Check ich, was ich da gerade mache? Was macht die Welt mit mir? Und wann kommt mein Deutschsein?

   Heute, um 20 Uhr, läuft im HAU2, Berlin, die letzte Vorstellung von Katarakt/Brief an Deutschland. Restkarten sind noch an der Abendkasse erwerbbar.

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