Parquet Courts „Wide Awake“ / Review

Auch wenn Parquet Courts nicht gefällig sein wollen, suchen sie auf Wide Awake den Happening-Charakter im movement. Mobilmachen im Unpolitischen.

Paradoxerweise war es das öffentliche Schweigen der jungen Emma González, das zeigte: Die USA sind nach wie vor das Land der großen Rhetoriker. Ungebrochen ist der Glaube an die Kraft der Rede, der nirgendwo anders so tief verankert ist in das politische Selbstverständnis seiner Entitäten. Damit ist nicht das vernünftige Wort gemeint. Die USA waren immer weniger Stätte der Philosophen als die der Prediger und Juristen. Auch im Pop. Gesucht ist immer das Pathos eines überzeugenden Sprechens, das sich von Klugheit bis Wut, von Spitzfindigkeit bis Schweigen gewaltigen Registern zu bedienen weiß und in dem nur eine Tonlage fehlt: der Zynismus, der Zungenschlag des Nihilisten.

„Expressing anger constructively“, erklärt deshalb auch die Band Parquet Courts als ausgemachtes Ziel ihrer fünften Platte. „But without trying to accommodate anyone.“ Denkt man diese beiden Dinge zusammen und im Kontext dieser kleinen rhetorischen Kulturgeschichte, dann wirkt ihr Punkrock plötzlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit wie der Sound der Stunde. Und tatsächlich, mit Wide Awake haben Parquet Courts dem Pogo ins Nichts, diesem Grundgefühl der Jahrtausendwendendekade, eine dezidierte Stoßrichtung verliehen. Die Hände bescheuert von sich strecken, ein semidelirisches Kopfnicken zum Bummtschack, womöglich Hüpfen. Parquet Courts machen aus einer dämlichen Geste eine politische.

Parquet Courts machen aus einer dämlichen Geste eine politische.

Man hört Wide Awake so gerne, weil die Band den hybriden Charakter ihrer Songs begreift. Mal klingen Parquet Courts wie die Sleaford Mods aus Brooklyn, Schaum vor den Lippen, statt Bierdosen, rote College-Party-Plastikbecher ins Publikum schleudernd. Dann eiert ihr Sänger und Gitarrist A. Savage in Freebird II zu einer Sechzigerjahre-Orgel zwei Strophen lang ins Mikro wie Mick Jagger in einer frühen Stones-Nummer – bis er sich, getrieben vom Bruder am Schlagzeug, für Momente in einem Green-Day-Duktus verirrt. Zuletzt, noch dazu im Titelstück, ein Samba-Funk-Riff mit Kuhglocke und Trillerpfeife, wie man es sonst vielleicht nur den Beastie Boys verziehen hätte. Dann wieder Strokes-Rock und so weiter.

Parquet Courts können sich diese Eskapaden auch erlauben, weil Sean Yeatons naives Bassspiel unabhängig vom Genre prätentionsbefreit munter zwischen Terzen und Quinten wandert und damit den Laden zusammenhält. Über all diese musikalischen Exkurse erheben Savage und Co-Frontmann Austin Brown Anklage, schrecken dabei nicht zurück vor großen Worten wie „Menschlichkeit“ und sperrigen wie „Finanzzentren“. Sie reflektieren die letzten Jahre, die Repolitisierung New Yorks, die Rückkehr von Bewegungen wie Occupy Wall Street oder den March For Our Lives und die Angst davor, dass diese im Sande verlaufen könnten. „If it stops now / If it stops now / If it stops now / I’m having an unshakeable nightmare.“

Auch wenn Parquet Courts nicht gefällig sein wollen, suchen sie den Happening-Charakter im movement. Mobilmachen im Unpolitischen. Das mag für europäische Diskurspopisten mitunter etwas arglos klingen, ist aber eingedenk der juristischen Diktion des New York Pop-Positivismus plausibel. We’re gonna fight by the right to party.

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