Parquet Courts – Kleine Geschichte des Zynismus

Foto: Ben Rayner

Auf Sunbathing Animal machen Parquet Courts Indierock mit Hammer und Zirkel und haben es damit auf Platz 8 der SPEX-Alben des Jahres geschafft. Zeit, diese Band genauer unter die Lupe zu nehmen – der Einklang aus SPEX °353.

Die Band Parquet Courts ist ein Gitarrenrock-Generator. Je nachdem, mit welchen Vorgaben man ihn füttert, spuckt er Television-, Feelies-, Pavement– oder Wire-Songs aus, meistens in Zuständen, die auf eine Vorliebe für die ramponierteren Seiten des Ausgangsmaterials schließen lassen. Mit Sunbathing Animal, der zweiten Platte der texanischen Brooklyn-Expats, kommt noch mehr dazu: Das Album ist zwei Songs kürzer und 15 Minuten länger als das letztjährige Debüt Light Up Gold, es enthält einen Sprechgesangsblues, zwei siebenminütige Erzählstücke, die nach kaum variierter Stonerlogik funktionieren, eine Mundharmonika und die Raserei seines Titelstücks, vergleichbar nur noch mit der Ekstase, in die sich die engagiertesten Prediger amerikanischer Hinterwaldskirchen hineinsteigern können. Oder mit den Pixies vor Indie Cind.

Die Band Parquet Courts hat aber auch eine Mission, und Andrew Savage kann sie erklären. Der Sänger und Gitarrist hat sich zwischen ihren Alben einen Künstlerlook mit Schnauzbart und Physiklehrerfrisur zugelegt, auf nochmalige Vereinfachung des Gruppensounds gedrängt und schließlich folgende Frage in den Raum gestellt: Wann ist Zynismus zum Standardstatus unserer Kultur geworden? »Zunächst«, sagt Savage, »war Zynismus noch ein wunderbares Mittel der Gegenkultur, um die Heuchelei des Status Quo zu entlarven. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte man ihn, um sich gegen die Autoritäten aufzulehnen.« Um das abzukürzen: Als nächstes entdeckten die Autoritäten den Zynismus für sich selbst, die Werbung zog nach, sie versaute die Jungen, und schließlich kamen wir dort an, wo Savage uns heute sieht. »Wer wirklich an etwas glaubt und dafür einstehen will, wird vom Rest der Gesellschaft einfach weggelacht. Zynismus ist zur Waffe der Bequemen und Konformen geworden

Parquet Courts sind deshalb eine Band mit Messer zwischen den Zähnen. Hinter ihrer Hyperreferenzmusik steckt die Absicht, erst einlullen und dann vor den Kopf stoßen zu wollen. Bei ihren Konzerten erweisen sich die Songs als flüssig: Sie werden gestaucht und gestreckt, an einer Stelle abgebrochen, an einer anderen zu Ende gespielt. Auch Sunbathing Animal reizt die Geduld seiner Hörer aus. Wenn es um eingebildete Freiheit und endlose Einsamkeit geht, muss die Musik das auch lautmalerisch umsetzen. Im ersten Song »Bodies« gibt es ein grandioses, haarsträubendes Gitarrensolo (43 Sekunden, 101 Töne), die Vorabsingle »Sunbathing Animal« gab es zunächst nur auf Notenblättern. Weil die Komposition beinahe ausschließlich aus einem hundertfach runtergebretterten B-Akkord besteht, sah sie immerhin aus, wie sie klingt. Savage gesteht einen Scherz ein, sagt aber auch: »Es ist nicht unsere Aufgabe, das Bedürfnis des Publikums nach sofortiger Befriedigung zu stillen. Parquet Courts sollen keine Wegwerfband sein.

Dass ihr Scharf- und Eigensinn nicht allein reichen wird, um Amerika den Zynismus auszutreiben, zeigt die bisherige Berichterstattung über die Band. Weil es auf Light Up Gold Songs über Kifferfressflashs und das Warten auf Inspiration gab, sah sich die amerikanische Presse veranlasst, Parquet Courts als sorglose Slacker-Strokes zu porträtieren – was natürlich die Frage aufwirft, wer hier wirklich berufsmüde ist. Savage sieht nicht nur in den Musikmedien, sondern gleich in weiten Gesellschaftsteilen einen Wettbewerb toben: »Es geht im Prinzip darum, wer das größte Maß an Gleichgültigkeit demonstrieren kann. Wem ist alles am egalsten?« Bevor sie da einsteigen, spielen Parquet Courts lieber noch ein paar B-Akkorde und eckige Gitarrensoli. Savage lässt sich dafür auch gerne selbstgerecht nennen. »Zynismus ist auch für uns ein legitimes Stilmittel, aber unsere Haltung definiert er nicht. Wir verstecken uns nicht dahinter, denn gute Kunst stellt sich der Angst.«

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX °353, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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