Der Fantasy-Thriller Paradise Hills hätte das Zeug zum progressiven Blockbuster. Würde er am Ende nicht mal wieder allen anderen helfen – nur nicht jungen Frauen.

Eigentlich macht dieser Film fast alles richtig. Eine junge Regisseurin erzählt mit einem diversen Hauptcast eine Geschichte mit starker feministischer Botschaft. Eine Geschichte über den Ausbruch aus tradierten Rollenbildern und patriarchalen Strukturen. Ein Film für unsere Zeit, möchte man meinen. Und doch bleibt bei Paradise Hills, der in diesem Jahr auf dem Sundance Festival lief und nun in den Kinos zu sehen ist, die Begeisterung aus.

Gedreht hat den Fantasy-Thriller die spanische Filmemacherin Alice Waddington, die unter anderem für Harper’s Bazaar und Pepsi Cola arbeitete, bis sie sich 2014 dazu entschloss, dem kommerziellen Videodreh den Rücken zu kehren. Ihre erste künstlerische Produktion, ein Horror-Kurzfilm namens Disco Inferno, war mit 63 Festival-Nominierungen und zahlreichen Auszeichnungen dann auch gleich ein Wahnsinnserfolg. Und so dachte man hocherfreut, dass endlich mal wieder ein neuer Stern am Regisseurinnen-Himmel geboren sei, an dem es bis heute ja leider ziemlich düster aussieht. Schade nun, dass auch Waddington an diesem Zustand bis auf Weiteres nichts ändern wird.

Paradise Hills
Der Trend geht zur traditionellen Geschlechterrolle (Illustration: SPEX / Manuel Wesely).

Die Hauptrollen sind mit Action-Legende Milla Jovovich und It-Girl Emma Roberts besetzt. Erstere spielt die diabolische Leiterin einer paradiesisch anmutenden Erziehungsanstalt für höhere Töchter, letztere die rebellische Uma, die gegen ihren Willen auf der Inselanlage mitten im Meer festgehalten wird. Der Grund: Uma, deren Name vermutlich als ironischer Seitenhieb auf die von Uma Thurman verkörperte Braut in Kill Bill gedacht ist, soll auf die standesgemäße Ehe mit einem jungen Mann vorbereitet werden, den sie partout nicht heiraten will.

Und sie ist nicht die einzige, die zwangsweise in Isolation ausharren muss: Ansonsten gibt es auf der Insel noch eine Sängerin mit Alkoholproblem, ein dickes Mädchen und eines mit einer generalisierten Angststörung. Vier junge Frauen also, denen man erzählt hat, dass sie erst dann wieder zurück nach Hause dürfen, wenn sie die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen, die an sie gerichtet sind. Dass die Optimierungsversuche à la Germany’s Next Topmodel bloß Makulatur sind, wissen sie dabei zunächst nicht.

Mit diesem Setting ist man im übertragenen Sinne natürlich sofort mittendrin in der Lebenswirklichkeit einer Heranwachsenden, die gerade eben noch als gleichwertiges Mitglied auf dem Bolzplatz des Lebens stand und nun damit klarkommen muss, dass sie mit fortschreitender körperlicher Entwicklung an dessen Rand gedrängt wird. Auf einmal wird von ihr nicht mehr erwartet, dass sie möglichst viele Tore schießt, sondern dass sie perfekt zurechtgemacht und jubelnd beim Spielverlauf zusieht. Ob als Lover, Ehefrau oder Mutter ist dabei herzlich egal, da dies sowieso aufs Gleiche hinausläuft: Schmückendes Beiwerk und Trophäe, seelische Stütze und menschlicher Abfalleimer sind schließlich alle drei (für irgendwen muss sich die ganze Schinderei ja lohnen). Wer diese patriarchalen Hierarchien aufrechterhalten will, muss mit der Indoktrinierung früh beginnen.

Wer sich jetzt fragt, warum Waddington zur Illustrierung dieses Problems ausgerechnet ein gleichgeschlechtliches Internat als Dreh- und Angelpunkt ausgewählt hat, der sei an das historische Vorbild erinnert, die sogenannten Höheren Töchterschulen, die mit Beginn des 18. Jahrhunderts junge Frauen aus der Oberschicht auf ihre häuslichen Pflichten vorbereiten wollten.

Echte Heldinnen dürfen nur junge Mädchen vor der Pubertät sein

Ein Lebensweg, den viele nicht bereit waren einzuschlagen. Was zu verzweifelten Kämpfen mit dem Elternhaus führte. Wie bei der späteren Schriftstellerin und Münchner Bohemienne Fanny zu Reventlow etwa, die keine Lust auf Benimmunterricht und Handarbeit hatte, eigentlich Künstlerin werden wollte und ihren Eltern nur unter größten Mühen die Erlaubnis zur Ausbildung als Lehrerin abringen konnte. Weitaus üblicher hingegen war der Werdegang, den die Hauptfigur aus Emmy von Rhodens 1885 erschienenen Roman Der Trotzkopf durchlief. In der Geschichte, die trotz ihres antiquierten Frauenbilds in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verfilmt wurde, fügt sich ein freiheitsliebendes Mädchen namens Ilse schließlich den Erziehungsmaßnahmen des Internats. Bezeichnenderweise aber erst dann, als sie vom Schicksal einer Schulkollegin erfährt, die durch ihre trotzige Art den Verlobten verschreckt haben soll und deshalb selbst Geld verdienen muss. Diese Lebenssituation erscheint der Hauptfigur so unerträglich, dass sie am Ende der Geschichte mit dem Sohn des Landrats anbandelt, angeblich, weil sie verliebt ist, selbstverständlich aber auch, um die finanzielle Sicherheit der Ehe zu gewinnen.

Schon allein diese Erzählung zeigt, dass viele der sogenannten Mädchengeschichten im Prinzip nichts anderes sind als heteronormative Propaganda, die eine Jugendliche in die gesellschaftlich für sie vorgesehene Richtung lenken soll. Dies fängt bei den Grimm’schen Märchen an, denen von der Märchenforschung  immer wieder ein feministisches Moment nachgesagt wird, weil sie ursprünglich von Frauen erfunden wurden und meistens Frauenfiguren in ihrem Mittelpunkt stehen. Das muss aber letztlich zumindest für diejenigen Märchen verneint werden, die von jungen Frauen wie Aschenputtel, Dornröschen oder Schneewittchen handeln. Denn an deren Ende steht doch nur wieder der rettende Prinz. Echte Heldinnen durften bereits damals nur die ganz jungen Mädchen vor der Pubertät sein. Oder wie ist es zu erklären, dass ausgerechnet Gretel ihren Bruder vor der Hexe rettet? Oder dass sich das Mädchen in der italienischen Version des Rotkäppchens gemeinsam mit der Großmutter aus den Fängen des Wolfes befreit, während ihre älteren Geschlechtsgenossinnen ständig nur wartend herumsitzen oder gleich so komatös sind, dass jede aktive Handlung unmöglich ist?

Nun darf aber niemand glauben, dass die Geschichten von Aschenputtel und Co. überholt sind. Auch heute noch finden sich diese Narrative überall. In Pretty Woman holt ein reicher Geschäftsmann eine Sexarbeiterin von der Straße, in Bridget Jones futtert eine Sekretärin so lange frustriert Schokolade, bis sich ihr Chef zu einem Techtelmechtel herablässt. Und in 10 Dinge, die ich an Dir hasse muss die große Schwester laut Vater erst einmal verkuppelt werden, damit die kleine auf den Abschlussball gehen darf. Auch Paradise Hills, dessen Drehbuch mit Nacho Vigalondo und Brian DeLeeuw übrigens von zwei Männern verfasst wurde, verfolgt zunächst das altbekannte Narrativ von den wehrlosen jungen Frauen, die ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt werden sollen. Zwar unfreiwilliger als in den meisten anderen Erzählungen – die Teenager aus dem Thriller besitzen ein erstaunliches Selbstbewusstsein –, dafür aber umso verstörender.

Denn da selbst die beste Typ-Umwandlung den hohen Ansprüchen der auftraggebenden Familien nicht genügt, so glaubt es zumindest die Institutsleiterin, werden die Mädchen jede Nacht mit einem angeblichen Glas Milch unter Drogen gesetzt und anschließend bis ins kleinste Detail vermessen. Dabei entstehen Persönlichkeitsprofile, die als Vorlage für die Erschaffung der idealen Töchter dienen. Diese sind jedoch keine Roboter wie in Bryan Forbes patriarchatskritischer Dystopie Die Frauen von Stepford aus dem Jahr 1975, sondern aufstrebende mittellose Frauen, die so lange operiert und trainiert werden, bis sie den eigentlichen Töchtern bis aufs Haar gleichen. Und wenn es soweit ist, werden die Originale einfach umgebracht.

Heute heißt der Kuppler Kapitalismus

Doch dann gibt es in Paradise Hills eine unvorhergesehene Wendung, die von den herkömmlichen Frauen-sind-Opfer-Geschichten abweicht. Denn anstelle miteinander zu konkurrieren, verbünden sich Uma und ihre Doppelgängerin. So kommt es, dass die Ursprungstochter anders als ihre Vorgängerinnen nicht zum Verjüngungsbrunnen der blutsaugenden Institutsleiterin wird, sondern gemeinsam mit ihrem Klon nach Hause flieht. Dort angekommen bringt die Kopie den Ehemann noch in der Nacht der Hochzeitsfeier um, während das Original mit wehendem Umhang in die Dunkelheit entflieht. Dieser Handlungsverlauf ist in so vielen Aspekten unkonventionell, dass man die Besprechung an dieser Stelle eigentlich beifallsspendend beenden könnte.

Es lohnt sich aber, dieses moderne Märchen, das ohne „und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ auskommt, noch mal genauer anzuschauen. Denn trotz der grundsätzlichen Aktualität des Stoffes stellt sich natürlich die Frage, inwieweit eine Geschichte zum Thema Heirat heute überhaupt noch zeitgemäß ist? Immerhin ist ja gerade überall von offenen und polyamoren Beziehungen die Rede, oder zumindest davon, dass man sich nicht mehr bis ans Lebensende binden will. Da scheint die klassische Ehe doch eher ein Auslaufmodell zu sein. Oder stimmt das für die Generationen Y und Z, für die dieser Fantasy-Thriller gemacht ist, nur bedingt? Ist es vielleicht sogar so, dass die Tendenz, sich das Ja-Wort zu geben, gerade wieder steigt? Ein Blick in die Erhebungen des Statistischen Bundesamts zeigt, dass zumindest die Deutschen gerade wieder vermehrt zum Standesamt rennen. Und ein Besuch bei Instagram bekräftigt den Verdacht. Allein der Hashtag wedding liefert 158 Millionen Ergebnisse zum Thema Hochzeit. Hinzu kommen etliche Hashtag-Variationen, unter denen sich Millionen Fotos von Brautpaaren aus der ganzen Welt, Hochzeits-Locations, mehrstöckigen Torten und üppigen Blumenbuketts sammeln.

Aber wie konnte eine derart traditionelle Veranstaltung zum neuen heißen Scheiß werden? Eine mögliche Antwort ist schnell gefunden: Laut einer aktuellen Studie der Malisa-Stiftung verhalten sich Influencer_innen erschreckend stereotyp. Während sich die Männer in den sozialen Medien über humorvolle, politische und sportliche Inhalte vermarkten, präsentieren Frauen vor allem Schönheitsprodukte, Mode und Essen und verkörpern damit ein Rollenbild, das eigentlich als völlig überholt gilt. Nach Meinung der Forscherinnen tun sie dies, um möglichst viele Unternehmen als Werbepartner gewinnen zu können. Die beißen vor allem dann an, wenn die Zielgruppe möglichst eindeutig umrissen ist. Und mit welchem Ereignis ließe sich besser Geld verdienen als mit einer Hochzeit, die ja gemeinhin als freudiges Ereignis wahrgenommen wird und damit besonders viele Likes generiert, also ein Fest für Product-Placement ist? So kommt es, dass ständig eine neue Influencerin ihre Heirat bei Instagram ausschlachtet.

Erst kürzlich postete Heidi Klum Bilder ihrer Hochzeit mit Tokio-Hotel-Mitglied Tom Kaulitz und bekam dafür mehr als 830.000 Likes. Und es ist noch gar nicht lange her, dass ein New Yorker Influencer_innen-Paar eine Art mehrtägige Hochzeits-Schnitzeljagd veranstaltete, gesponserte Schmuckstücke und Hochzeits-Make-up inklusive. Wenn man jetzt noch weiß, dass sich die Follower_innen ihren Idolen laut Studie in Mimik, Gestik und Ästhetik peu á peu angleichen, hat man den neuen Verantwortlichen für den Hochzeitsboom gefunden: Heute heißt der Kuppler Kapitalismus, und der Wunsch zu heiraten, ist mehr denn je internalisiert.

Repräsentation oder doch nur Zielgruppenmaximierung?

Aus diesem Schlamassel bietet Waddingtons Paradise Hills eine intelligente Exit-Strategie, indem sie die Märchenhochzeitsästhetik kurzerhand mit einer anderen Erzählung besetzt. Denn in ihrer Geschichte stehen die weißen Kleider, die üppigen Blumendekorationen und festlichen Banketts, mit denen die Kulisse auf beeindruckende Weise vollgestopft ist, plötzlich nicht mehr für den angeblich schönsten Tag im Leben sondern für das genaue Gegenteil. Mit dieser Vorgehensweise stellt sich die Regisseurin in die Traditionslinie der Riot-Grrrl-Bewegung, die das Patriarchat durch unerwartete Verknüpfungen und Überzeichnungen zu unterwandern versuchte. Eine beliebte Taktik von Kommunikationsguerillas wie den Yes Men, deren Aktionen wiederum eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Waddingtons Ansatz haben. Bei ihrem ersten Projekt in den neunziger Jahren, der sogenannten Barbie-Befreiungsaktion, vertauschten die Aktivist_innen kurzerhand den Mikrochip eines sprechenden Barbie-Modells mit dem einer G.I.-Joe-Figur, was dazu führte, dass die Barbie militärische Befehle herausposaunte, während die männliche Action-Figur von Shopping sprach.

Trotzdem bleibt nach Paradise Hills dasselbe komische Gefühl zurück, das einen auch beim Anblick eines feministischen Statement-Shirts beschleicht. Was daran liegen könnte, dass sich der Film auf ästhetischer Ebene dann eben doch zu makellos in die süßliche Instagram-Ästhetik einreiht. Denn anders als in Das melancholische Mädchen von Susanne Heinrich wird die rosafarbene Welt in Paradise Hills nicht durch einen Brechtschen Verfremdungseffekt (Verzicht auf lineare Erzählung, distanzierte Spielweise, Kommentare ans Publikum) ironisch gebrochen, sondern bleibt über den gesamten Zeitraum des Films intakt. Weshalb eine heilsame Desillusionierung nicht stattfindet. Und auch seine empowernde Botschaft hält einer näheren Betrachtung nicht wirklich stand. Denn ist es doch seltsam, dass Uma ausgerechnet ein Hologramm mit einer liebevollen Vater-Tochter-Szene bei sich trägt, während die älteren Frauen der Story allesamt als böse Hexen stilisiert werden. Ein weiterer Rückgriff in die staubige Märchenkiste.

Langsam nervt es, dass man es hier schon wieder mit einer Coming-Of-Age-Geschichte zu tun hat, in der die weibliche Hauptfigur erst mal einen riesigen Aufriss machen muss, bevor sie sich eventuell, vielleicht den wirklichen Abenteuern des Lebens zuwenden kann. Was ist schon ein Leben auf der Flucht vor dem Patriarchat, wo es doch an jeder Ecke lauert? Eine sonderlich feministische Botschaft ist das jedenfalls nicht.

Außerdem wird es mit der Zeit ein bisschen langweilig, dass in Paradise Hills auch die Handlungsebene so flach wie ein Instagram-Bild ist: Die sisterhood der Schülerinnen, der Kampf gegen das System – alles reine Behauptungen, wirklich nachempfinden kann man nichts. Dies liegt vermutlich auch am Cast, der mit einer dicken Frau und einer US-amerikanischen Rapperin mit asiatischen Wurzeln doch sehr berechnend erscheint. Ob diese Diversität dem Zweck der Repräsentation dient oder doch nur kapitalismuskonformes Mittel zur Zielgruppenmaximierung ist, bleibt unklar. Klar ist auf jeden Fall, dass wieder einmal die nach heteronormativen Schönheitsvorstellungen hübscheste Frau im Zentrum des Geschehens steht und übrigens auch diejenige ist, die den Internatsaufenthalt als Einzige überlebt. Da haben wir ihn also wieder, den Feminismus, der jung und weiß und sexy ist, und damit vor allem Marktinteressen dient. Sonderlich innovativ oder gar hilfreich ist das nicht.

Paradise Hills
Spanien 2019
Regie: Alice Waddington
Mit Milla Jovovich, Emma Roberts, Eiza González, Awkwafina, Danielle Macdonald u.a.
Startete am 29.08.