Paper Bird „Cryptozoology“ / Review

Den Bildern von Gemütlichkeit und Todessehnsucht trotzend – den Klischees also, die man so von Wien haben könnte – wuselt seit geraumer Zeit eine kleine, aufgekratzte Szene zwischen den Polen Lo-Fi-Punk, Post-Hardcore und Folk durch die österreichische Hauptstadt und zeigt sich dabei eher vom rappeligen DIY-Charme von Labels wie K Records inklusive Beat Happening oder dem freundschaftlichen Netzwerkcharakter und der Bandmitgliederrotation, wie sie beispielsweise bei Saddle Creek praktiziert wird, denn von zurückgelehnter Kaffeehauselektronik beeinflusst. So entsteht unter diversen kollegialen Überschneidungen und Verästelungen rund um die beiden Labels Fettkakao und Seayou Records mit Bands wie Vortex Rex, Go Die Big City! oder A Thousand Fuegos ein lebendiges Spannungsfeld zwischen rotzig runterschrammelter Gitarre, vorwärts gewandtem Country, genialem Dilettantismus und groß angelegtem, schepperndem Pop. Nicht selten ruft dabei der kollektive Überschwang an allerlei Geklöppel und Gerassel Großtaten von Architecture in Helsinki oder Broken Social Scene ins Gedächtnis.

Paper Bird – Cryptozoology (Seayou Records / Cargo)

    Innerhalb dieses Geflechts steht die ursprünglich aus dem kärtnerischen Klagenfurt stammende Anna Kohlweis alias Paper Bird für einen reduzierten, unaufdringlich funkelnden Folkentwurf: Singer/Songwriter, könnte man sagen. Auf ihrem tatsächlich fantastischen, zweiten Album »Cryptozoology« gelingen ihr kunstvoll gearbeitete Stücke, die dabei stets von großer Leichtigkeit durchweht werden. Meist kommen sie mit nicht wesentlich mehr als sachtem Gitarrespiel und der zwischen Singsang und freundlich leierndem Plauderton changierenden Stimme von Kohlweis aus, hier schiebt sich leises Getröte und Geklimper – ist es ein Glockenspiel, ein Xylophon, Melodika oder Akkordeon? – in den Song, dort erklingt ein dezent den richtigen Ton umspielender Chor.

    Per Definition befasst sich die Kryptozoologie mit der Erforschung von dem Menschen unbekannten, verborgenen Tieren, ist also schon in ihrer eigentlichen Aufgabe eher rätselhaft. In unprätentiöser, nachgerade berauschender Poesie werden bei Paper Bird nicht unbedingt einfach zu entschlüsselnde Texte entworfen, die sich zwischen »Sea« und »Woods«, allerlei »Sheep«, »Wolves« und »Fishes« verstärkt aus Natur- und Tiervokabular speisen – langweilig werden sie nie. Man könnte die intimeren Momenten von Bright Eyes oder,  jawohl, Joni Mitchell als Referenzpunkte auf den Plan rufen, davon wird Paper Bird aber wohl nur wenig hören wollen. Mit »Cryptozoology« hat sie sich schließlich ihr eigenes Universum entworfen Es ist ein mehr als bezauberndes.

LABEL: Seayou Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 09.05.2008

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