Palm – Die Gleichzeitigkeit der Dinge / Feature & SPEX präsentiert live

Palm sind eine Gitarrenband aus Philadelphia, sie sind aber auch eine komplexe Angelegenheit. Wer aus ihrem zweiten Album Rock Island schlau werden möchte, sollte ein anderes hören. Und darüber erst Recht kein Interview führen. 

„Die Kaffeeautomaten an den Tankstellen dort machen echt tollen Cappuccino“, sagt Kasra Kurt. Es ist seine Antwort auf die Frage nach den Erfahrungen, die er und seine Band Palm auf ihrer ersten kleinen Europatour gemacht haben. Aber vielleicht ist es auch die Antwort auf alles. Mit anderen Worten: Man wird nicht schlau aus diesem Typen. Und erst recht nicht aus seiner Musik. „Wir werden oft mit Don Caballero und King Crimson verglichen, dabei hat sich niemand von uns mit diesen Bands beschäftigt“, erklärt der Gitarrist. Womit man sich beschäftigt hat? Mit den Beach Boys zum Beispiel. Oder dem verstorbenen Teklife-Kopf DJ Rashad. Oder mit dem Soundtrack des Nintendo-Klassikers Zelda: Ocarina Of Time. Möchte man den Sound dieser Band also auf einen Nenner bringen, könnte man sagen: echt toller Cappuccino.

„Unsere Musik ist gar nicht so komplex wie die Leute denken.“

Kurt und seine Jugendfreundin Eve Alpert lernten Bassist Gerasimos Livitsanos und Drummer Hugo Stanley vor fünf Jahren dort kennen, wo jede Bandgeschichte beginnt: auf dem College. Mit dem Debütalbum Trading Basics und einigen Live-Shows brachte man es schnell zu einer kleinen Fanbase in New York City. Trading Basics stand durchaus noch dem Math Rock nahe: Ständig wechselnde Rhythmen, gegeneinander laufende Gitarrenriffs, ein Fest der Komplexität. Oder wie Kurt es sagt: „Unsere Musik ist gar nicht so komplex wie die Leute denken.“ Alle Mitglieder haben sich ihre Instrumente weitestgehend selbst beigebracht, alles sei sehr impulsgesteuert: „Wir sagen einander nicht, was die anderen spielen sollen, sondern alle machen ihr Ding. Für mich hört es sich manchmal an, als würden wir versuchen vier Songs auf einmal zu spielen.“ Wenn es einen Nenner gibt, dann dieses ständige Ziehen und Schieben, die Gleichzeitigkeit unzähliger Lieder in einem.

Inzwischen wohnen Palm in Philadelphia, wo das Leben bezahlbarer ist als in den meisten amerikanischen Großstädten. Das erlaubt, mehr Zeit in die Band zu investieren. Rock Island ist das Resultat dieser Fokussierung. Palm sind darauf zugänglicher geworden, haben aber nichts an impulsiver Durchgeknalltheit eingebüßt. Neu sind die vielen kleinen shiny Pop-Momente, die im Chaos aufpoppen. Neu ist auch eine deutliche Verschiebung zum Elektronischen im Vergleich zum gitarrenlastigen Vorgänger. In Kurts Worten: „Wir sind immer noch völlig gitarrenbasiert! Alle elektronischen Sounds, die auf dem Album zu hören sind, kommen von einem Midi-Tonabnehmer in meiner Gitarre, der Saitenanschläge in elektronische Signale umwandelt.“ Da werde noch mal jemand schlau draus.

Dieser Text ist erstmals in SPEX No. 378 erschienen. Das Heft kann wie alle anderen Back Issues versandkostenfrei online bestellt werden.

SPEX präsentiert Palm live
26.05. Berlin – Urban Spree
27.05. Jena – Glashaus
28.05. Hamburg – Hafenklang
29.05. Köln – Bumann & Sohn

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