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Diverse „Kitsuné Boombox. Mixed By Jerry Bouthier“ / Review

Wie lange wird man ihn noch reiten können, den alten Gaul? Mittlerweile ist er wirklich schon ein bisschen müde. Für die Zusammenstellung und standesgemäße Verkabelung ihrer ersten Mix-CD haben die sympathischen Menschen von Kitsuné den Exil-Franzosen Jerry Bouthier ins neonfarbene Gummiboot geholt. Der hat sich, den französischen Meistern im Zusammendenken von Mode und Musik nicht unähnlich, in seiner Funktion als Resident-DJ der Londoner Clubnacht »Boombox« schon vor geraumer Zeit die heute unvermeidliche Verquickung von diesem und jenen auf die Fahnen geschrieben: Synthiepop hier, Indie-Gitarren da, angepunkte Rotzigkeit sowie so ziemlich alles, was die äußerst lose Klammer ›Electro‹ gerade noch zusammenzuhalten im Stande ist, darf verbraten werden. Stilpluralismus als Dogma und ein zehnmal durch die Verzerrer gejagter, alles und jeden gleich machender Soundbrei.

    Der Name »Boombox« passt dabei freilich so gut wie die Tabletten in den Tänzer: Wie das scheppert, dröhnt und freundlich brummt! Auf einem nicht nennenswert variierenden Intensitätsniveau wird um maximale Aufmerksamkeit geheischt, Spannungsbogen, bitte melden! Bouthier versammelt nicht ausschließlich Kitsuné-Acts, immerhin aber fast durchgehend Verbündete und Assozierte, häufig wird mithilfe der beliebten Ausdrucksform ›Remix‹ Kontakt zur Bodenstation gehalten.

    Überraschend begrüßt uns im Eröffnungsstück Ex-Sugababe Siobhan Donaghy, danach darf mit mäßigem Sensationsappeal Partyalarm ausgerufen werden: Zwischen den üblichen Simian Mobile Disco, Riot In Belgium oder Digitalism tummeln sich die neuen Hoffnungen Big Face und Revolte, Guns N Bombs dürfen Chromeo ihren vergleichsweise subtil schillernden Glam wegballern und Feists »1,2,3,4« liefert in der Version der Australier von Van She einen bescheidenen Höhepunkt.

    Schön, dass man nicht die Katze im Sack kaufen muss, die Boombox bringt zweifellos Funktionales für die Motorik und füllt den Boden in der Indie-Disco ohne Gnade. Wie meinten Justice, zwei Brüder im Geiste, kürzlich in einem Interview: »They say we make superficial music for kids. But why, it’s true.« Dieser Offenheit möchte man nichts hinzufügen.

LABEL: Kitsuné Maison

VERTRIEB: Intergroove

VÖ: 26.10.2007

Richard James

Richard James legt eine Platte vor, die nicht größer sein will, als sie ist. »The Seven Sleepers Den« heißt sie, und ein wenig verschlafen ist sie, zugegeben. Verschlafen wie ein kleiner Junge, ein hübsches Mädchen, attraktiv und süß also. Vor allem aber ist »The Seven Sleepers Den« unaufdringlich, daran ändert das offenkundig in einer Kathedrale aufgenommene Intro bzw. Outro nichts.

    Daran ändert auch das einigermaßen üppige Instrumentarium nichts, mit dem Richard James seinen träumerischen Folk aufpeppt – aber nicht überlädt. Unter anderem Glockenspiel, Zither, Steel-Gitarre, Sampler, Akkordeon, dazu Chöre schmücken die Musik an ihren Rändern und in den Winkeln. Doch selbst wenn sich der Waliser, der bis zum vorigen Jahr bei der Liebhaber-Band Gorky´s Zygotic Mynci mitspielte, bei »Wanna See You Die« in die Rockpose schmeißt: der Eindruck, neben den sphärischen Instrumentals gäben auch Songs wie »Tir  Mor«, »My Heart’s On Fire« und »I Wait For Your Love« auf einer Mix-Kassette nicht mehr als Übergangslieder ab, dieser Eindruck verschwindet auch nach wiederholtem Hören nicht. Bescheidenheit ist in diesem Fall eine Zier.

    Denn James’ erstes Solo-Album, in der Wahrnehmung eines Kritikers des britischen Magazins Mojo »von brillantem Schimmer«, gewinnt mit jedem Durchlauf. Das mag daran liegen, dass solche Platten womöglich rar geworden sind. Die nicht lärmen, die nicht ein großer Wurf sein, die einfach schöne Musik transportieren wollen. Hör- und spürbar ist der Wille zur fein gearbeiteten Miniatur. Mit schlafwandlerischer Eleganz spannt James den Bogen, dessen Fülle sich trotz aller Anspielungen auf den Zustand »zwischen dem Schlaf und dem Wach« (Tomte) selbstredend ganz wach, vielleicht in einem Überlandbus, bestens genießen lässt.

LABEL: My Kung Fu

VERTRIEB: RTD

VÖ: 23.11.2007

These New Puritans: »Elvis«

Von wegen klare Linien, von wegen King of Rock&Roll. In dem Video zu »Elvis« sieht man die sonst so adrett von Hedi Slimane eingekleideten jungen Herren aus Southend, Essex, barbusig und mehr als übernächtigt. Ihre Körper weisen dabei unangenehm wirkende Verformungen auf, von den zahlreichen Prellungen und Schürfwunden mal ganz abgesehen.

    Nur: was sagt uns der auf die Handfläche gemalte Code? Ein neuer QR? Vielleicht kann man das noch rausbekommen, bevor am 08.02.2008 das These New Puritans-Debüt »Beat Pyramid« bei Domino veröffentlicht wird.

    Und Slo-Mo, das scheint das Ding von Regisseur Saam zu sein.

 

VIDEO: These New Puritans – Elvis

Redaktionscharts 2007: Songs

Ein Jahr und seine Lieder. Nicht nur 5.000 CDs (bzw. Alben) – auch eine weitaus höhere Zahl an Singles und einzelnen Songs haben das Jahr 2007 geprägt. Neben der Frage nach den 50 wichtigsten Alben gingen wir auch den besten Stücken nach. Wichtig erschien es uns, den Zeichen der Zeit gerecht zu werden und die Auswahl nicht sklavisch von den Veröffentlichungslisten der Labels abhängig zu machen. So findet sich etwa HALs Bastard-Mix von Tocotronics »Manifest« (ursprünglich eine 7"-B-Seite) und Pantha du Prince' genialem Minimal-Techno-Track »Saturn Strobe« (ursprünglich eine instrumentale 12" auf Dial) auf Platz eins der Redaktions-Charts wieder – obwohl der Mix nie offiziell und somit nur als Bootleg erschienen ist.

    Die folgenden 50 sind die unserer Ansicht nach relevanten Songs des Jahres 2007. Kompiliert und kommentiert von Max Dax, Martin Hossbach, Jan Kedves und Walter Wacht.

TocotronicVsPanthaDuPrince01 TOCOTRONIC VS. PANTHA DU PRINCE
»Manifest (DJ HAL Mix)« (Bootleg, ohne Label)
Hier wurde zusammengedacht, was zusammengehört: Pantha du Princes »Saturn Strobe« und Tocotronics humorvolles Manifest.

AmyWinehouse02 AMY WINEHOUSE
»Rehab« (Island / Universal)
»Ich geh’ nicht auf Entziehungskur! / Nö! / Nö! / Nö!« Ein hypnotischer Song geriet Winehouse zur Self Fulfilling Prophecy.

ChicksOnSpeed03 CHICKS ON SPEED
»Art Rules« (Chicks On Speed Records)
Eurotrash zum großen Art-Sellout – mit Kunststar Douglas Gordon am Gastmikro: »Are you a nobody? Well, die and get famous!«

Radiohead 04 RADIOHEAD
»15 Step« (Radiohead / XL / Beggars)
Ein Red-Bull-Espresso-Beat begleitet Thom Yorke bei der Gesangsperformance seines Lebens – das beste Stück vom neuen Album.

MIA 05 M.I.A.
»Jimmy« (XL / Beggars / Indigo)
Boney M goes Worldbeat via Darfur: der irritierendste und zugleich einleuchtendste Moment auf M.I.A.s Album »Kala«.

KommandoSonn-Nmilch 06 KOMMANDO SONNE-NMILCH
»Holzfäller« (Buback / Indigo)
Kompromisslosigkeit, Wut, Stolz – das Hamburger Quintett fegt uns mit seinen Gitarrenwänden aus der Bequemlichkeitszone.

TheGoodTheBadAndTheQueen 07 THE GOOD, THE BAD & THE QUEEN
»Kingdom Of Doom« (Honest Jon’s / EMI)
Albarns Abrechnung mit Tony Blair: »Schon den ganzen Tag gesoffen – mein Land befindet sich im Krieg«. Kapitulation the English way.

RoisinMurphy 08 RÓISÍN MURPHY
»Overpowered« (EMI)
Da torkelt der Floor vor Freude: Miss Murphy stöckelt mitten ins Bermudadreieck zwischen Acid House, Chic und fein patiniertem Electro.

Justice 09 JUSTICE
»Phantom (Parts 1 & 2)« (Ed Banger / Warner)
Symphonie in Bratz: Justice ohne Kindergequäke, dafür mit proggigem Zwei-Teile-Konzept und Streicherpause. Génial!

Yeasayer 10 YEASAYER
»Sunrise« (We Are Free / Cargo)
Koyoten heulen, Hände klatschen, Vögel kreischen, der Himmel öffnet sich – und ein Beat für die Ewigkeit. Werden wir die Sonne sehen?

NellyFurtado 11 NELLY FURTADO
»Say It Right« (Geffen / Universal)
So melancholisch, so desinteressiert, so toll: eine Melodie wie diese, und wir verzeihen Furtado den Stadionrock von früher.

SmithNHack 12 SMITH N HACK
»Falling Star« (Smith N Hack / Hard Wax)
Tribute to Giorgio: Die seit zehn Jahren anonym operierenden Berliner Technoaktivisten mit schmissig-radioaktivem Moroder-Sound.

KingCreosote 13 KING CREOSOTE
»Fine Horseman« (Honest Jon’s)
Avant-Folk aus Schottland auf einer herbsauren Elektronikwiese – basierend auf einem Stück der Songwriterlegende Lal Waterson.

MaximoPark 14 MAXÏMO PARK
»Russian Literature« (Warp / RTD)
Dringlichkeit besteht immer! Heute und jetzt gleich sofort: »I can’t live my life being nervous about tomorrow.« Der beste Track von Maxïmo Park war dieses Jahr keine Single.

CadenceWeapon 15 CADENCE WEAPON
»Oliver Square« (Big Dada / Ninja Tune / RTD)
Angeravter Bleep-Hop mit messerscharfen Beats und zersägten Holzfäller-Keyboard-Sounds aus Kanada. Was geht, USA?

HotChip16 HOT CHIP
»My Piano« (!K7 / RTD)
Nicht jeder mochte die in Akkordschlachtermanier zusammengepastete »DJ-Kicks!« von Hot Chip. Ihr Exklusivtrack aber war funky.

RobynFeatKleerup17 ROBYN WITH KLEERUP
»With Every Heartbeat« (Konichiwa Records / Ministry of Sound / Edel)
Als hätte der bessere Superpitcher am Regler gesessen: Melancho-House von der Schwedin, die noch fest an die Liebe glaubt.

LCDSoundsystem18 LCD SOUNDSYSTEM
»All My Friends (John Cale’s Version)« (DFA / EMI)
Der clevere Bastard John Cale mischte David Bowies »Heroes«, Joy Divisions »Atmosphere« und LCDs »All My Friends« zu einem Malstrom der Leidenschaft. Zum Erhängen schön!

NinANastasiaAndJimWhite19 NINA NASTASIA & JIM WHITE
»Our Discussion« (Fat Cat / PIAS / RTD)
White spielt das Schlagzeug freestyle, völlig überraschend akzentuiert, Nastasia antwortet mit ferner Stimme – Konversation auf Augenhöhe.

BornRuffians20 BORN RUFFIANS
»Hummingbird« (Warp / RTD)
Ein Licht am Horizont: Die Born Ruffians führen uns aus der Indierock-Ödnis in das gelobte Land – 2008 dann auch auf Albumlänge.

WuTangClan21 WU-TANG CLAN
»The Heart Gently Weeps« (Bodog Music / Edel)
Das geht, Kanada: Auf ihrer total durchgeballerten und zugleich herzerweichenden Comeback-Single kollaboriert der Wu-Tang Clan aus NYC mit George Harrisons Sohn Dahni. Meh’ Dope geht nicht!

RihannaFeatJay-Z22 RIHANNA FEAT. JAY-Z
»Umbrella« (Def Jam / Universal)
Unter Rihannas Regenschirm ist Platz für uns alle – für Jay-Z, die Redaktion und die Leser. Das liegt an der in diesem Falle unschlagbaren Kombination von Drumgroove und Eighties-Bass.

MichaelJSheehy23 MICHAEL J. SHEEHY
»Song For Davey« (Glitterhouse / Indigo)
Der unterbewertetste Singer/Songwriter seiner Generation mit einer Jahrzehntballade über einen jungen Mann, der seine Zukunft versäuft.

Studio24 STUDIO
»Out There« (Information / PIAS / RTD)
Studio lassen in »Out There« Erinnerungen an die frühen neunziger Jahre und die Haçienda in Manchester aufleben – obwohl wir uns gar nicht mehr daran erinnern können.

JaRuleFeatLilWayne25 JA RULE FEAT. LIL’ WAYNE
»Uh-Ohhh« (Universal)
Der heißeste Rapper der Stunde, Lil’ Wayne, rappt über seine Hochachtung vor dem Wu-Tang Clan. Auch das geht in Amerika.

BritneySpears26 BRITNEY SPEARS
»Gimme More« (Sony BMG)
»It’s Britney, bitch!«, leiert eine müde Stimme durchs Telefon, dann folgen die 4:11 Minuten, die das Comeback der Gefallenen markierten.

Stars27 STARS
»The Ghost Of Genova Heights« (Arts & Crafts / City Slang / Universal)
Das ist die ganz große Handwerkskunst: ein lupenreiner Popsong, mit Streichern und Bee-Gees-Gesängen, in der unsterblichen Tradition von ABC und Prefab Sprout.

Milanese28 MILANESE
»Barry Dub« (Planet Mu / Neuton / NTT)
Breakbeatattacken aus dem Orchestergraben: Der Engländer Milanese scheint seinen Darkdance in einem durchgefrosteten Kühlhaus geplant und aufgenommen zu haben.

DuranDuran29 DURAN DURAN
»The Valley« (Sony BMG)
Alle Regler auf Werksound, eine Prise herrliche Bescheuertheit und ganz viel Zynismus. Duran Duran erleben ihren dritten Frühling mit Stil.

EinstuerzendeNeubauten30 EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
»Unvollständigkeit« (Potomak / Indigo)
Wenn Blixa Bargeld bei Minute 6:54 zu schreien anfängt, gerinnt die Mayonnaise im Kühlschrank. Das ganz große Comeback der Neubauten, perfekt für Stadtautobahnfahrten.

AbdelHadiHalloAndTheElGustoOrchestraOfAlgiers31 ABDEL HADI HALO & THE EL GUSTO ORCHESTRA OF ALGIERS
»Win Saadi« (Honest Jon’s)
Achtminütige, exzessive Einführung in Chaabi, den ›Blues des Maghreb‹, aufgenommen von Damon Albarn in der Kasbah Tangers. Neustart der Hörgewohnheiten!

Caribou32 CARIBOU
»Melody Day« (City Slang / Universal)
Mit Sixties-Superpop ist er modernen Formeln der Romantik auf der Spur. »Melody Day« erinnert an Brian Wilson und die Beach Boys.
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Boxcutter33 BOXCUTTER
»Glyphic« (Planet Mu / Neuton / NTT)
Eine beeindruckende Soundkathedrale mit unendlich vielen versteckten Gängen und Geheimtüren, auf einem Fundament aus platinen Dubstep-Stelzen.

SonicYouth34 SONIC YOUTH
»I’m Not There« (Columbia / Sony BMG)
Für alle Beteiligten Coolness rückkoppelnde, weil strategische Räume öffnende SY-Coverversion eines verschollen geglaubten Basement Tapes von Bob Dylan aus dem Jahr 1967.

Feist35 FEIST
»Sea Lion Woman« (Universal)
Nina Simone popularisierte dieses Traditional – Feist zaubert daraus einen kompakten, nach hinten hübsch ausartenden Indierock-Jam.

JensLekman36 JENS LEKMAN
»Sipping On The Sweet Nectar« (Secretly Canadian / Indigo)
Lambada auf dem Sonnendeck des Love Boat, aber statt des gegerbten Louie Austen singt ein sonorer Schwede mit Sonnenbrand – apart!

Uffie37 UFFIE
»First Love« (Ed Banger / Discograph)
Da quäkt sie wieder: Das hotte Huhn im Ed-Banger-Stall rekapituliert zu hübsch grenzdebilem Electro die Story ihrer Teenagerliebe.

SallyShapiro38 SALLY SHAPIRO
»Hold Me So Tight« (Diskokaine / Klein Records / RTD)
Italo-Disco-Zuckerle aus Schweden: »I know you’ll be mine / In the moonshine« – zu besten ZYX-Zeiten hätte das nicht süßer geklungen.

FlyingLotus39 FLYING LOTUS
»Tea Leaf Dancers« (Warp / RTD)
Man denkt, die Boxen wären kaputt, oder die Ohren sagen zum Abschied leise Tinitus, dabei haben Flying Lotus nur ein Plug-In angeklickt, das dieses Monster von einem Track vibrieren lässt.

Gravenhurst40 GRAVENHURST
»Hollow Men« (Warp / RTD)
Zarte Akustikgitarren und ekstatische, elektrische Gitarren feedbacks entladen sich in ätherisch-solidem Songwriting.

PublicEnemy41 PUBLIC ENEMY
»Harder Than You Think« (SlamJamz / Cargo)
Yo, Chuck, das musstest du mal wieder laut sagen zu den Leuten! Dass Hiphop 2007 wieder kicken würde, wer hätte das gedacht …?

BeachHouse42 BEACH HOUSE
»Master Of None« (Bella Union / Coop / Universal)
Mondsüchtiger Slowmotionpop mit Beats aus der ausgeleierten Heimorgel: Beach House aus Baltimore, zum Erdtrabantenanschmachten schön.

AfrikanBoys43 AFRIKAN BOY
»One Day I Went To Lidl« (ohne Label)
»One day I went to Lidl / I was really really hungry«: Afrikan Boy aus Nigeria punktet mit dieser Grime gewordenen Ode ans Shoplifting.

TraceyThorn44 TRACEY THORN
»King’s Cross« (Virgin / EMI)
Das Plastik wurde ersetzt durch weiches Holz: Tracey Thorn mit einer tief ergreifenden Akustikversion des Pet-Shop-Boys-Klassikers.

BassekouKouyateAndNgoniBa45 BASSEKOU KOUYATE & NGONI BA
»Bassekou« (Out Here Rec)
Malis Bassekou Kouyate int erpretiert auf seiner Ngoni-Laute traditionelle Weisen, die auf Hochzeitsfeiern immer wieder neu arrangiert werden. Zeitlos modern.

ViniciusCantu46 VINICIUS CANTUÁRIA
»Para Tom« (Naïve / Indigo)
Der Erneuerer der Bossanova singt eine federne Schmachtballade für seinen großen Helden, den verstorbenen Carlos »Tom« Jobim.

HappyMondays47 HAPPY MONDAYS
»Jelly Bean« (Sanctuary / RTD)
Nach zwölf Pints in Manchester: Shaun Ryder sprechsingt wie eine Muppetfigur – über den stumpfest denkbaren Backbeat. Hick!

TheGossip48 GOSSIP
»Listen Up!« (Red Ink / RTD)
Beth Ditto wirft ihr bebendes Soulorgan an, dazu knackt der Punkfunk – und dann ist aber wirklich Schluss mit Kuhglocken!

JahWobble49 JAH WOBBLE
»The Sweetest Feeling« (Trojan / RTD)
Jah Wobbles warmer Bass birgt die Rettung all jener Seelen, die dem tiefen Soul von Massive Attacks »Blue Lines« nachtrauern.

JoseGonzalez50 JOSÉ GONZÁLEZ
»Down The Line« (Peacefrog / RTD)
Die kubanische Nueva-Trova-Musik ist sein Elixier; dieser nur mit der Gitarre begleitete Song ein erstes, melancholisches Meisterwerk.

Die 50 wichtigsten Alben des Jahres 2007 findest du hier. In Kürze folgen auf Spex.de die Leser- und Autorencharts. Wie immer gilt auch hier: Rückmeldung ist herzlich willkommen. Welche Songs haben wir vergessen? Welche tauchen zu Unrecht in dieser Liste auf? Für was konnten wir dich interessieren? Sag es uns!

Redaktionscharts 2007: Alben

Ein Jahr und seine Alben. Wir haben uns als Redaktion dieses Jahr mit rund 5.000 CDs auseinandergesetzt – mit konservativ gezählt etwa 50.000 Songs. Wir befragten, wie schon unserer Vorgängerredaktionen es taten, uns selbst und unsere freien Autoren nach einer Auswahl der besten Alben; die folgenden 50 sind unserer Ansicht nach die wichtigsten des Jahres 2007. Kompiliert und kommentiert von Max Dax, Martin Hossbach, Jan Kedves und Walter Wacht.

MIA01 M.I.A.
»Kala« (XL / Beggars / Indigo)
M.I.A. cuttet rappende Aborigines, The Clash und Bollywood über Londoner Beat Science – die Welt schrumpft zur Handgranate. Bumm!

Justice 02 JUSTICE
»†« (Ed Banger / Warner)
Vorsprung durch ›technique‹ und immer gleich auf die Douze: this year’s konsensfähiger Bratzsound, protegé par Myspace.

KommandoSonne-nmilch 03 KOMMANDO SONNE-NMILCH
»Jamaica« (Buback / Indigo)
Jens Rachuts massives, Unabhängigkeit von allem und jedem behauptendes Punkmonument ist ein existentialistisch-kathartisches Werk.

Burial 04 BURIAL
»Untrue« (Hyperdub / Cargo)
Auf seinem melancholischen, vocal-geprägten Zweitwerk redefiniert der Brite Dubstep, die Neuerfindung von Drum’n’Bass und 2-Step.

AmyWinehouse 05 AMY WINEHOUSE
»Back To Black« (Island / Universal)
Like smack in my veins: Titelseiten, Trouble und Tranquilizer. Genial-stompendes Sixties-Soul-Album mit exakt 32:17 Minuten Laufzeit.

PanthaDuPrince 06 PANTHA DU PRINCE
»This Bliss« (Dial / Kompakt)
Poesie und Techno, hier ergibt die Fusion Sinn. Hendrik Weber produzierte zehn Tracks – wie das Schimmern der Unendlichkeit.

PandaBear 07 PANDA BEAR
»Person Pitch« (Paw Tracks / Cargo)
Solo noch besser als im Verbund mit Animal Collective: verhallter, zerschlierter Beach-Boys-Pop, durchwoben von wabernden Loops.

TheGoodTheBadAndTheQueen 08 THE GOOD, THE BAD & THE QUEEN
(titelloses Album) (Honest Jon’s / EMI)
Neue Richtung in Damon Albarns Karriere: ein London-Album mit Starbesetzung – geniale Reggae-Basslines, afrikanisches Drumming.

NinaNastasiaAndJimWhite 09 NINA NASTASIA & JIM WHITE
»You Follow Me« (Fat Cat / PIAS / RTD)
Das Fräuleinwunder: Nastasias delikat-traurige Stimme schwebt über dem jederzeit maximal minimalen Schlagzeugspiel Jim Whites.

ChromeHoof 10 CHROME HOOF
»Pre-Emptive False Rapture« (Southern Records / Soulfood)
Mosher, Ed-Banger-Fans und Exzentriker – sie alle konnten sich auf den brachialen Heavyfunk der tight lärmenden Chrome Hoof einigen.

Tocotronic 11 TOCOTRONIC
»Kapitulation« (Vertigo / Universal)
Tocotronic waren die Profiteure postmoderner Verdrossenheit – im selben Moment nahmen sie den vakant gewordenen Slot Blumfelds ein.

TheFall 12 THE FALL
»Reformation Post TLC« (Sequel / Sanctuary / RTD)
Auf dem 117. Album gelingt Mark E. Smith das Unerwartete: Im Akt der Dekonstruktion wandelt sich Wut zu Zartheit, Krach zu Wohlklang.

Cornelius 13 CORNELIUS
»Sensuous« (Warner Music Japan)
»La musique du 21° siècle«: brillanter Astro-Sound des Japaners, der unser gesammeltes Popgedächtnis in elliptische Orbits schießt.

KanyeWest 14 KANYE WEST
»Graduation« (Def Jam / Universal)
Der smarte Rapper mit dem gigantischen Ego bastardisiert den Rap in Sound, Ästhetik und Attitude. Der ganz große Hiphop-Progress.

JensFriebe 15 JENS FRIEBE
»Das mit dem Auto ist egal, hauptsache dir ist nichts passiert «(ZickZack / Indigo)
Der zukunftsweisendste deutschsprachige Popentwurf des Jahres bezieht sich deutlich auf die NDW. Jetzt fehlt nur noch der Erfolg, denn ohne ihn verkümmert jeder Sänger.

Chloe 16 CHLOÉ
»The Waiting Room« (Kill The DJ / Nocturne)
Porträt des weiblichen DJs als Sonntagmorgen: Chloé switcht von den Decks zur Gitarre und spukigem Sprechgesang. Rettet den Party-Comedown.

Caribou 17 CARIBOU
»Andorra« (City Slang / Universal)
Überdrehte One-Man-Band, die noch am ehesten wie Panda Bear klingt – wie Brian Wilson auf Prozac, aber ohne Schlieren.

LCDSoundsystem18 LCD SOUNDSYSTEM
»45:33« (DFA / EMI)
Jogging Music: Warm-Up, Fettverbrennung, Endspurt, alles zu knackigem Disco-Funk – besser als das Album »Sound Of Silver« …

Bishi 19 BISHI
»Nights At The Circus« (Gryphon)
So einfach kann Neuland betreten werden: Die Newcomerin Bishi hängt sich die (traditionell im Sitzen gespielte) Sitar um wie eine Gitarre und zeigt dem englischen Pop neue Topoi und Klangwelten auf.

Gravenhurst 20 GRAVENHURST
»The Western Lands« (Warp / RTD)
Nick Talbots raumgreifende Engelsstimme wird kontrapunktiert von monströs-krachigen, in die Musik eingearbeiteten Feedbacks.

Studio 21 STUDIO
»West Coast« (Information / PIAS / RTD)
Atmosphärische Trance-Überraschungstüte zweier blutjunger Schweden. Ihr Inhalt: Gezügelt-schleppender Slow-Rave mit Kongas, Bongos und Wah-Wah-Gitarren.

KIZ 22 K.I.Z.
»Hahnenkampf« (Royal Bunker / Universal)
Wer das liest ist doof: Berliner Sprücheklopfer metzeln sich von Kreuzberg bis Neuruppin. Wenn es nicht so entsetzlich komisch wäre …!

PJHarvey 23 PJ HARVEY
»White Chalk« (Island / Universal)
Sie mutet ihren Hörern die Leiden ihres lyrischen Ichs zu – Trennung, Todes fälle, Kindsverlust. Kammermusikalisch adäquat instrumentiert mit Piano, Banjo und Stimme.

DizzeeRascal 24 DIZZEE RASCAL
»Maths & English« (XL / Beggars / Indigo)
Auf seinem neuen Album verquirlt Dizzy Rascal sämtliche britischen Dancestile der letzten zwanzig Jahre, dazu gibt’s wie immer gepfefferte Spuckreime.

PublicEnemy 25 PUBLIC ENEMY
»How You Sell Soul To A Soulless People Who Sold Their Soul???« (SlamJamz / Cargo)
Public Enemy hatte keiner mehr auf der Umhängeuhr. 25 Jahre nach ihrem Debüt wollen sie den jungen Wilden noch einmal den Weg weisen: mit ungemindertem Zorn.

AnimalCollective 26 ANIMAL COLLECTIVE
»Strawberry Jam« (Domino / Indigo)
Mmmmh, lecker! Mit Acid und Marihuana versetzte Klangmarmelade, die sich süß auf ein Brot mit gesunden Kakophoniekörnern legt.

Feist 27 FEIST
»The Reminder« (Universal)
Mutti mag’s gern heiß: Feist eroberte sich ein Massenpublikum mit porentief arrangierten Traditionals und astreinen Popsongs.

PatrickWolf 28 PATRICK WOLF
»The Magic Position« (Loog / Universal)
Ein bisschen schwul, ein bisschen cool, immer ein bisschen dazwischen: Noisepop, opulente Streicher und bouncende Beats – Borderline Pop.

EinstuerzendeNeubauten 29 EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
»Alles wieder offen« (Potomak / Indigo)
Triumph des Wollens: Auf ihrem besten Album seit zwei Jahrzehnten beziehen sich die Dadaisten des Pop labyrinthisch auf sich selbst.

BatForLashes 30 BAT FOR LASHES
»Fur And Gold« (She Bear / EMI)
Hirschgeweih und Pfauenfeder: Inspiriert von Lynch, peitscht Natasha Khan R&B, Electro und kühle Kinderchöre in Richtung Popmusik.

MaximoPark 31 MAXÏMO PARK
»Our Earthly Pleasures« (Warp / RTD)
Ausdauernder Power-Britpop: Mit ihrem zweiten Album knacken Maxïmo Park die Indie-Disco, unschlagbar kraftvoll und leidenschaftlich.

RicardoVillalobos 32 RICARDO VILLALOBOS
»Fabric 36« (Fabric / RTD)
Exodus zu Geblitzel und Geplöckel: Der Prophet der Minimal-Gemeinde findet selten ein Ende, diesmal aber außerdem die Erlösung.

JensLekman 33 JENS LEKMAN
»Night Falls Over Kortedala« (Secretly Canadian / Cargo)
Gebrochenes Herz auf Kreuzfahrt: Der schwedische Jungcrooner gießt sein Leiden an der Liebe in schmalzigen Sample-Pop.

RoisinMurphy 34 RÓISÍN MURPHY
»Overpowered« (EMI)
Surprise aus der Discokugel: Die Moloko-Stimme legt ihren Majorlabelvorschuss in schicken Dancefloor-Outfits an und geht Camping mit Divine. Selten hatte Trash mehr Glamour.

BondeDoRole 35 BONDE DO ROLE
»With Lasers« (Domino / RTD)
Eigentlich ungerecht: Drei brasilianische Mittelstandskids kapern Baile Funk, den Booty-Sound aus den Ghettos von Rio – und haben damit mehr Spaß als alle Originators.

ScoutNiblett 36 SCOUT NIBLETT
»This Fool Can Die Now« (Too Pure / Indigo)
Alles wird schwarz: Vierzehn grungige Selbstzerfleischungen – unterstützt vom Seelenverwandten Bonnie »Prince« Billy.

Efdemin 37 EFDEMIN
»Efdemin« (Dial / Kompakt)
So amtlich kann es bei Dial werden: funktionaler Minimal Techno von Philip Sollmann – mit Trance, aber ohne Käse.

TheDirtyProjectors 38 THE DIRTY PROJECTORS
»Rise Above« (Rough Trade / RTD)
Henry Rollins mit Östrogenspritze: »Damaged« von Black Flag – genial schrullig nachgespielt von den New Yorker Indie-Darlings.

DieTueren 39 DIE TÜREN
»Popo« (Staatsakt / Indigo)
Die Digitale Bohème kriegt Schiss: Die Türen witzeln über das Ende der Laptop-Lockerheit und schunkeln zum Showband-Sound.

AJHolmes40 A.J. HOLMES
»The King Of The New Electric Hi-Life« (Pingipung / Kompakt)
Ein englischer Pantoffelheld auf dem Weg in den Süden: Holmes adaptiert den westafrikanischen Hi-Life-Sound. Locker, flockig, elegant.

Grinderman41 GRINDERMAN
»Grinderman« (Mute / EMI)
Von der Bigband zum Quartett geschrumpft, erinnert der vom Balladeer zum Bandleader bekehrte Nick Cave an seine Sekundärtugenden – Power, Power und Potenz.

Robyn42 ROBYN
»Robyn« (Konichiwa Records / Ministry Of Sound)
Repeat, Repeat, Repeat: Eine kesse Schwedin knallt mit inspiriertem Synthiepop und »With Every Heartbeat« um die Ecke. Selten war ein Sommerhit melancholischer.

VonSuedenfed43 VON SÜDENFED
»Tromatic Reflexxions« (Domino / RTD)
Die lang angekündigte Kollaboration von Mouse On Marse und Mark E. Smith verspricht viel und hält alles: feinknusprige Digitalsounds und leiernd-unverständliche Monologe.

LadySaw44 LADY SAW
»Walk Out« (VP / Groove Attack)
Riddims, so heiß wie glühendes Cannabis. Die Königin des jamaikanischen Dancehall mit einem rastlosen Album ohne Füller.

Kassin+245 KASSIN +2
»Futurismo« (Luaka Bop / V2)
Mit Störgeräuschen angeschmutze Soundperlen, die sich mit Kennerschaft elegant durch die brasilianische Pophistorie schlängeln.

RhythmKingAndHerFriends46 RHYTHM KING AND HER FRIENDS
»The Front Of Luxury« (Kitty-Yo Digital / Finetunes)
Sirenengesang und heiße Groovebox-Kicks versöhnen Party mit Politik – die B-52’s landen im Berliner Queer-Aktivisten-Camp.

Boxcutter47 BOXCUTTER
»Glyphic« (Planet Mu / Neuton / NTT)
Geiler Braindance mit schwerer Dubstep-Schlagseite: herb, morbide, glasklar und kompromisslos verrückt. Wenn einem Burial zu poppig ist….

TheGoTeam48 THE GO! TEAM
»Proof Of Youth« (Memphis Industries / Cooperative Music / RTD)
Pop will eat itself: So klingt Hyperventilation im Jahr 2007. Abgezockt, auf die Zwölf, wo haben die bloß die gute Laune her?

WareikaHillSounds49 WAREIKA HILL SOUNDS
»Wareika Hill Sounds« (Honest Jon’s)
Melancholischer, meist instrumentaler und herrlich bläserlastiger Roots Reggae des Posaunisten Calvin Cameron vom Label Honest Jon’s, gemastert von Moritz von Oswald.

Radiohead50 RADIOHEAD
»In Rainbows« (Radiohead / XL / Beggars)
Das Vertriebsgedöns war interessanter als das Album selbst. Aber immerhin: Das Download-Spätwerk schließt passgenau an den Klassiker »OK Computer« von 1997 an.

Die 50 wichtigsten Songs des Jahres findest du hier. In Kürze folgen auf Spex.de die Leser- und Autorencharts. Wie immer gilt auch hier: Rückmeldung ist herzlich willkommen. Welche Alben haben wir vergessen? Welche tauchen zu Unrecht in der Liste auf? Für was konnten wir dich interessieren? Sag es uns!

Ark – Verspultentechno unterwegs

ArkDas Paris dieser Tage steht klar im Zeichen des maximalen Digital Pop. Dabei aber darf nicht vergessen werden, dass die dortige Posse rund um Karat und Katapult längst auch ein Standbein des Minimal Techno ist. Ark ist an dieser Entwicklung in nicht unerheblichem Maße beteiligt gewesen, um das mal in der Sprache des Medienmannnes dieser Tage, Claus Kleber, zu sagen. Denn Ark, ehemals Gitarrist in einer Funkband, veröffentlicht bereits 1997 zwei EPs, auf denen sich radikale Reduktion und Rad-ab-Aspekt »Hey, Dude« zurufen. Le spleen et le techno werden sich fortan nicht mehr trennen im Oeuvre des Guillaume Berroyer. In den jetzt kommenden Wochen spielt er massiv in Deutschland auf.
   Ob das Batofar an der Seine oder die Panorama Bar in Berlin, überall, wo dieser haltlose Maniker bisher aufgetreten ist, hat er seine Spuren im kollektiven Ausgehgedächtnis hinterlassen. Ark mixt nicht nur so überraschend wie wildstyle und gekonnt, sondern neigt auch dem Mischkonsumieren von Drogen zu und fängt dann auch schonmal an, seine Vinylplatten in die Menge zu schmeißen. Schön, dass dieser Botschafter des Freakout auch in der Provinz haltmacht. Willkommen, Plauen im Vogtland und Betzdorf/ Westerwald im Kalender des Techno-Jetset!

Ark – Partys
15.12.2007 Hamburg – Diynamic Records Nacht (Übel&Gefaehrlich, live)
16.12.2007 Hamburg – Golden Pudel Club After Party, live
24.12.2007 Betzdorf – Help Club, live
18.01.2008 Offenbach – Robert Johnson, DJ
19.01.2008 Nürnberg – Zoom, DJ
07.03.2008 Plauen – Zooma (mit Les Cerveaux Lents)
08.03.2008 Berlin – Club 103 (mit Les Cerveaux Lents)

Wedding Dress #2 – Bewerbungsphase läuft

WeddingDressFolgende Aufgabenstellung: Du betreibst eine Wohnungsbaugesellschaft und willst deinen Stadtteil Berlin-Wedding entwickeln. Ziehe junge, kreative Menschen an, mache sie im Bezirk ansässig und gehe das Ganze möglichst cool und unkonventionell an. Nur wie? Die DEGEWO-Gruppe entscheidet sich nun zum zweiten Mal für einen Kreativ-Wettbewerb, nachdem im Januar 2005 mit »Wedding Dress #1« erstmals junge Modedesigner gefragt waren und sich mit Hilfe des Immobilienriesen im Wedding präsentieren konnten. Die Neuauflage – das Festival »Wedding Dress #2« – hat sich nun noch etwas mehr zum Ziel gesetzt: Diskussionsabende, Performances, Vernissagen und Parties sollen Anwohner und Besucher mit einbeziehen. Vom 25. Januar bis zum 10. Februar 2008 wird der Kiez erlebbar gemacht und zwischen Kreativen, Politikern und Anwohneren ein inspirierender Diskurs angeregt. Rund um die Brunnenstraße wird unter dem Motto »Urbane Mode und Kunst« in zwei Wochen ein ganz anderes Straßenbild entstehen.
Damit das auch nach der Veranstaltung noch lange so bleibt, schrieben die Veranstalter den Wettbewerb »Create your own Wedding Space« aus, der die überzeugenden Laden- oder Installations-Konzepte belohnen will. Modemarken, Designer, Architekten, Künstler, Gastronomen und alle anderen, die spannende Projekte betreiben, sind aufgefordert sich bis zum 29. Februar 2008 zu bewerben. Die besten Ideen zum Thema werden nach dem Festival in einer Ausstellung vorgestellt, durch eine Jury prämiert und für eine temporäre Nutzung realisiert. Als Belohnung winkt unter anderem die Nutzung eines Ladenlokals an der Brunnenstraße, in dem der Gewinner sein Projekt ein Jahr lang ausstellen kann. Alle Infos zum Festival und zur Bewerbung gibt es hier.

Foto: Angermann | CC-Lizenz

Louis Philippe An Unknown Spring

Endpunkte, verwirklichte Aufgaben, kann man sich so was leisten? – Louis Philippe zählt zu jenen, die beständig eine Leerstelle im Werk Brian Wilsons bearbeiten. Bevor alle Welt  auf die Frage nach dem besten Album »Pet Sounds« jubilierte, spielte sein Bandprojekt The Border Boys 1983 Surf als Beat. Mit der nächsten Bandidee The Arcadians hatte sich Philippe dann schon zu der offenbaren Leerstelle vorgewagt und umkreiste die Pastorale von »Surf´s up« in stiller Referenz. Sein erstes Soloalbum »Appointment With Venus« mag als Meilenstein in der Variation Wilsonscher Techniken gelten.

    Enttäuscht davon, es nicht gewürdigt zu finden, boykottierte ich die Spex, glücklicherweise nur für zwei Ausgaben. Die LP bot älteren Teenagern aber einfach auch zu schöne Angebote an aufregend verfeinerter Identifikation. Ein Debüt, welches in einer Ästhetik des wissentlich inszenierten Experiments von Unschuld erzählte. Noch knapp zwei Jahre hielt Philippe das Niveau und versank dann in eine Routine die keiner Aktualität standhielt.

    Erst 2003 gelang Sportreporter Philippe eine verblüffende Rückkehr zur Form, »My Favourite Part Of You« schlug alles, was sich in den letzten Jahren auf dem mittlerweile völlig überfüllten Parcours der Wilson-Eleven tummelte. O´Hagan wusste das, andere auch, außer der Kundschaft. Aber der kommerzielle Misserfolg mag die Weichen zu »An Unknown Spring« gestellt haben. Klack, klack auf eine richtige Schiene, Ziel nicht bekannt. Dabei scheint es doch längst markiert. Als er einst auf der Single »Anthony Bay« Sunshine-Pop an Guillaume Dufay anschloss, war dies noch der Programmatik des él! Labels geschuldet (The Old Testament to the new Instruments).

    Der unbekannte Frühling belebt nun in seinem Sehnen nach Vollendung Vorstellungen vom 19. Jahrhundert. Philippe folgt der These, »Pet Sounds« sei die Kammermusik der Pop-Ära. Er formt einen Liederkreis aus oft als Miniaturen angelegten Stücken in denen die Exploration des Themas mehr interessiert als ein Strophe-Refrain-Schema. Die bekannten Pauken und Cymbals tragen den bekannten Rhythmus zu Piano-Moll-Akkorden, gezupften Bass-Saiten und all dem üblichen Instrumentarium. Aber hier lebt es auf, befreit sich noch einmal und findet, was die anderen Wilson Schüler niemals erahnten. Philippe ist ihr Primus und schwänzt die Streberschule. Lieber spaziert er durch Park-Landschaften. Nicht nur das Coverbild erinnert an die Stimmungen Yang Fudongs Video »Seven Intellectuals In Bamboo Forest«. Ein Bewusstsein in ungreifbarer Weite an einem Ende angelangt zu sein, kein Weiter auf diesem Weg mehr zu wissen ohne sich selber zurückzulassen, verbindet Bilder und Musik. »Walking On Air« nennt er die Einsicht.

    Erwachsen geworden in einer Musik, die ihrem mythischen Ursprung nach so viel Angst davor hatte, dass sie reiner Geist werden wollte und unsanft auf den Boden fiel. Anders als sein Lehrmeister stand Philippe stets im Leben und fand Geschichten, Spuren in Gesichtern, Unvermeidliches. In entrückten Harmonien und feinsten Verzierungen erzählt das Album nun unentwegt davon, von Liebe, Tristesse, Frühling, Winter – und selten war all dies Empfinden so präsent.

LABEL: Dandyland

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 02.11.2007

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