Ought »Sun Coming Down« / Review & Tourankündigung

Ought geht es um nicht weniger als Leben und Tod. Trotzdem muss man ständig grinsen. SPEX präsentiert die Tour zum zweiten Album der Kanadier.

Wie der Zufall es so will, sehe ich keine 48 Stunden, bevor ich diesen Text schreibe, Harold And Maude von Hal Ashby. Der Film aus dem Jahr 1971 ist humorvoll und anarchistisch, er fasst seine exzentrischen Charaktere in einen einladenden, wohlgeschliffenen Rahmen mit eigenwilliger Struktur – ohne dabei an Scheu zu verlieren, sie nackt zu machen. Die Protagonisten sind so emanzipiert gezeichnet, dass man schnell ziemlich nah bei ihnen ist und ihre Handlungen, Aussagen und die Performance selbst in ihrer Absurdität als sinnvoll erachtet. Nein, bloßgestellt werden sie wirklich nicht, es handelt sich eher um eine einfühlsame Zeichnung im realistischen Sinne. Als Zuschauer ist man amüsiert ob ihres Witzes und ergriffen, wenn man ihnen in die Tiefe folgt.

Am stärksten begeistern an Harold And Maude die Berührungspunkte von Tragik und Komik. Einmal ist eine Häftlingsnummer auf dem Arm der 79 Jahre alten Maude zu sehen, eingestochen in einem deutschen Vernichtungslager. Plötzlich erscheint ihr Humor in einem ganz neuen Licht. Dieser Humor ist dann Selbstverteidigung, Selbstbehauptung, auch vor dem eigenen Wahn. Indem dieser Mechanismus in einem Spielfilm auftaucht, wird er weit darüber hinaus anschlussfähig – etwas, das auch eine Schallplatte leisten kann.

Was ich hier in meiner Begeisterung über einen Kultfilm des Kinos der Siebzigerjahre behaupte, lässt sich auch über die Band Ought aus dem kanadischen Montreal sagen: Genau wie in Ashbys Film ist der Kern des Ganzen ein ernster. Es geht um nicht weniger als Leben und Tod. Trotzdem muss man ständig grinsen. Und es wird eine Schaubühne geboten: Menschen, die ihren Spleen in die Welt schleudern, werden zu modernen Helden. Da, wo in Harold And Maude ein junger, weirder Teenager seine Todessehnsucht mit dem Trauma einer durch das Leiden an der Shoah »verrückt« gewordenen alten Dame zusammenschmeißt und dabei die Liebe findet, da wirft bei Ought Sänger und Gitarrist Tim Darcy seinen intelligenten Charme in den musikalischen Glanz seiner Bandkollegen. Die Wirkung ist vergleichbar: groß!

Etwas mehr als ein Jahr nach ihrem Debüt veröffentlichen Ought ihr zweites Album. Eine starke EP und ein Jahr auf Tour liegen zwischen Auftakt und Zweitling, und die acht Stücke auf Sun Coming Down klingen mindestens so gut wie das bisherige Werk. So kann es kommen, wenn Menschen ein Anliegen haben und es gleichzeitig stilbewusst zu inszenieren wissen: Die vier Freunde kommen alle aus der DIY-Szene, leben in einem Künstlerloft, gehen gemeinsam zur Universität, beteiligen sich an den Studentenaufständen in Quebec 2012. Sie haben es sich auf diesem Wege augenscheinlich beigebracht, verantwortungsvolle Musik zu erschaffen, die trotz ihres Engagements leichtfüßig daherkommt.

Musikalisch lassen sich Ought in jener Suppe verorten, in der viele Ausläufer des Neunzigerjahre-Post-Hardcore schwimmen: Sie erinnern an French Toast, nur mit mehr Blues und mehr Gezerre, an Karate, nur mit mehr Coolness, und sie haben auch ihre Postpunk-Lektion gelernt. Ought klingen eigen – trotz absolut naheliegender Referenzen: Im ersten Stück »Men For Miles« lassen sich Anspielungen an die frühen Wire entdecken, dann an Minutemen oder auch mal an Modest Mouse (bei »Passionate Turn« etwa), in der Spritzigkeit manches Zwischentons taucht David Byrne auf, und in den häufigen, endlosen Repetitionen – kurz bevor es nervt – Mark E. Smith.

Das Highlight der Platte, der Song »Beautiful Blue Sky«, lässt sich Zeit. Er entfaltet eine musikalische Schönheit, wie sie in dieser Form zuletzt vielleicht bei »I Love You Golden Blue« von Sonic Youth zu hören war. Tim Darcys tiefe, tragende Stimme klingt, als würde er die Dichte an Wörtern direkt aus der Luft schneiden, die ihn umgibt. Er schwelgt in der Musik, verliert aber nie seine Aufregung. So hat er ein wenig Ähnlichkeit mit Harold, dem 18-jährigen Partner Maudes: dünn, langbeinig, wallendes schwarzes Haar. Und seine Tanzbewegungen und die schlaksige Intensität in seinem Auftreten schicken dann auch noch den jungen Jarvis Cocker ins Rennen der Vergleiche. Einen so ernsthaften und gleichzeitig witzigen Sympathen hat es lange nicht mehr gegeben.

SPEX präsentiert Ought live
18.11. Berlin – Berghain Kantine
20.11. Hamburg – Nochtspeicher
21.11. Offenbach –Hafen 2

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