Oscar-Gewinner 12 Years A Slave: Kein feel-good

Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor in 12 Years A Slave
Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor in 12 Years A Slave

Während Kanye West die US-Gefängnisindustrie als heutige Form der Sklaverei anprangert, blickt der britische Regisseur Steve McQueen zurück auf das 19. Jahrhundert. Sein gerade mit dem Oscar als »Bester Film« ausgezeichnetes 12 Years A Slave erzählt die Lebensgeschichte eines in die Südstaaten entführten und dort versklavten Musikers als quälende Abfolge von Erniedrigungen, Hieben, Tritten, Schüssen, Lynchmorden, sexuellen Gewalttaten. Peitsche statt feel-good, lebenslängliches Trauma statt Happy End.

War 2013 das Black-History-Jahr in Hollywood? Zuerst Quentin Tarantinos Sklaverei-Rache-Fantasie Django Unchained, dann Lee Daniels’ The Butler, die als Feel-good-Drama vermarktete und mit Oprah Winfrey, Robin Williams, Vanessa Redgrave, Jane Fonda, Cuba Gooding Jr. und so weiter Blockbuster-mäßig starbesetzte Geschichte um einen Plantagenarbeiter, der zum Hausdiener befördert wird und dabei so viel Geschick offenbart, dass er von 1952 bis 1986 als Butler im persönlichen Dienst des jeweiligen US-Präsidenten arbeitet. Der von Forest Whitaker verkörperte schwarze Mann im Weißen Haus gerät in einen politisch aufgeladenen Bilderbuchgenerationskonflikt mit seinem Sohn (David Oyelowo), der die dienende Tätigkeit des Vaters ablehnt und sich in der Bürgerrechtsbewegung und später bei der Black Panther Party engagiert.

Wie The Butler, der die inzwischen wohldokumentierte Lebensgeschichte von Eugene Allen als nationales Versöhnungsepos inszeniert, beruht auch 12 Years A Slave auf realen Ereignissen. Im gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1853 hat Solomon Northup sein Leben niedergeschrieben, der Untertitel lautet: Narrative of Solomon Northup, a citizen of New-York, kidnapped in Washington city in 1841, and rescued in 1853, from a cotton plantation near the Red River in Louisiana.

Der Afroamerikaner lebt in den 1840er Jahren mit seiner Frau und zwei Kindern als freier Bürger in Saratoga, New York. Dank seiner Fähigkeiten als Geigenspieler wird er von zwei (weißen) Männern für einen Auftritt im Zirkus engagiert. Beim anschließenden Abendessen flößen die beiden Fremden Solomon Northup reichlich Alkohol ein. Am nächsten Morgen erwacht er, entführt und in Ketten gelegt, um auf einem Sklavenschiff nach Louisiana abtransportiert zu werden. Beim Versuch, sich zu befreien, wird ein Mitgefangener von einem der Sklavenhändler ermordet. Northup und ein weiterer Sklave müssen den Leichnam über Bord werfen. Dabei fällt der Satz: »Ihm geht es besser als uns.« In den folgenden zwei Stunden des Films passiert nichts, was diese Ahnung widerlegen würde.

Der entführte Solomon Northup wird verkauft und seiner Identität beraubt, er bekommt den Namen Platt und landet zunächst bei einem relativ humanen, gottesfürchtigen master, Plantage (Paul Dano), der versucht, Platt zu lynchen. Nach diesem Vorfall wird Platt von seinem master verkauft, und – was man kaum glauben möchte – alles wird noch viel schlimmer. Der Geschundene landet auf der Baumwollplantage des Edwin Epps.

Michael Fassbender legt den berüchtigten nigger-breaker Epps als durchgeknallten Manisch-Depressiven an, der seine Sklaven mit sadistischer Hingabe quält – besonders Platt, den Besonderen. Regisseur Steve McQueen, Brite mit Vorfahren aus Grenada, zeigt die Torturen in epischer Breite: die Musterung der splitternackten Sklaven und Sklavinnen, die zum Verkauf stehen und von einem Arzt angepriesen werden wie auf dem Viehmarkt; die von master Epps dirigierten allabendlichen Auspeitschungen derjenigen, die zu wenig Baumwolle gepflückt haben; die alltäglichen Erniedrigungen durch die Sklaventreiber; die allgegenwärtige Gewalt, Hiebe, Tritte, Schüsse; die Lynchmorde; die sexuellen Übergriffe.

Seine Lieblingssklavin Patsey (Lupita Nyong’o, die dafür mit einem Oscar als »Beste Nebendarstellerin« ausgezeichnet wurde) nötigt Epps regelmäßig zum Sex. Als sie sich entzieht, lässt er sie auspeitschen – von Platt, der unter Tränen und bei vorgehaltenem Gewehr gehorcht. Als er nicht hart genug schlägt, übernimmt Epps selbst und peitscht sich in einen Wutrausch, bis das Mädchen halbtot umfällt. Zuvor hatte Patsey den väterlichen Freund Platt angefleht, er möge sie töten, weil sie selbst es nicht schafft, dieser Hölle zu entkommen.

Das schicksalhaft Unentrinnbare der Situation, das von den Sklaven fast demütig hingenommen wird, das ist das eigentlich Beklemmende an 12 Years A Slave. Dass Steve McQueen nicht der dramaturgisch naheliegenden Versuchung erliegt, seinem Protagonisten eine offene Rebellion zu gestatten, einen Akt des gewaltsamen Widerstands.

Beim Zuschauer ist das Fass längst übergelaufen, da übt sich Platt noch immer in Selbstdisziplin, er weiß, dass jeder Widerstand tödliche Folgen hätte. Die Schmerzen dieses permanenten Sich-am-Riemen-Reißens spiegeln sich im meist schweißnassen Gesicht Chiwetel Ejiofors, der mit einer Oscar-verdächtigen Performance den Film dominiert. Sein Platt klammert sich an die winzige Hoffnung, der Hölle doch noch zu entkommen. Wenn er es schaffen würde, einen Brief zu schreiben an seine Angehörigen im Norden, dann könnten sie ihn, den frei geborenen Mann, aus seiner illegalen Versklavung befreien. Doch wie soll er einen Brief schreiben, ohne Tinte und Papier? Und hätte er denn einen Brief geschrieben, wie sollte er ihn mit der Post verschicken?

Ein erster Versuch scheitert. Platt hat ein Stück Papier geklaut, es mit einem selbstgeschnitzten Füller und Brombeersaft beschrieben und den Brief einem (weißen) Plantagenarbeiter seines Vertrauens zugesteckt, mit der Bitte, ihn abzuschicken. Der Arbeiter lässt die Sache auffliegen, die Strafe von master Epps folgt prompt, die Hoffnung ist dahin. Bis eines Tages, der Film ist schon zwei Stunden alt, Brad Pitt auf der Plantage auftaucht.

Er spielt einen aufgeklärten Architekten aus Kanada, der den nigger-breaker Epps über die unteilbaren Menschenrechte belehrt, mit denen die Sklaverei nicht zu vereinbaren sei. Der weitgereiste Menschenrechtler Brad Pitt spielt also gewissermaßen sich selbst, und Pitt, Mitproduzent des Films, weiß, dass der Darsteller Pitt dem Film mehr Zuschauer bringt, zumal in der Rolle des Wohltäters. Der aus guten Gründen misstrauische Platt schöpft neues Vertrauen und erzählt ihm die Geschichte seiner Versklavung. Schließlich bittet er den Fremden um einen großen Gefallen: Er möge doch seinen Angehörigen im Norden schreiben und ihnen schildern, was mit dem Verschwundenen geschehen ist. Pitt windet sich, scheut das Risiko und verschwindet.

Aber offenbar überwindet er seine Zweifel, jedenfalls erscheint bald der Sheriff auf der Plantage, begleitet von einem eleganten Herrn, der sich als alter Freund von Solomon Northup entpuppt und dessen Freiheitspapiere bei sich hat. Nach zwölf Jahren ist Northup wieder frei, die legalen Sklaven bleiben zurück bei ihrem Peiniger Epps, darunter auch die malträtierte Patsey. Als der Wagen mit dem befreiten Sklaven die Plantage verlässt, gibt es vereinzelten Applaus im Kino, ungewöhnlich bei einer Pressevorführung, man kennt das eher aus dem Charterflugzeug nach der Landung. Offenbar ein Klatschen der Erleichterung darüber, dass endlich Recht geschieht und durchgesetzt wird von einem weißen Mann.

Zurück im Staate New York ein tränenüberströmtes Wiedersehen mit der zwischenzeitlich um Schwiegersohn und Enkelkind vergrößerten Familie. Kein Happy End, wir sehen einen lebenslänglich Traumatisierten, der den Rest dieses Lebens dem Kampf um Rehabilitation widmen sollte, dem Abolitionismus und der Befreiung von Sklaven durch die Hilfsorganisation Underground Railroad.

12 Years A Slave bleibt ein Drama ohne feel-good.

Ein wirklich glückliches Ende versagt sich Steve McQueen ebenso wie die psychologisch entlastenden Racheakte, die Django Unchained so unterhaltsam machten. Dagegen ist 12 Years A Slave konventionell erzählt. Der Film lässt sich Zeit, quälend viel Zeit, wenn er zeigen will, wie viel Zeit vergeht, wenn einer gequält wird, wenn er mit einem Strick um den Hals an einem Baum hängt. Die Fußspitzen so gerade eben auf dem Boden, die Sonne brennt auf das toxisch sumpfige Louisiana, der Schweiß rinnt, die Kehle trocknet aus. Auch zweiminütige Großaufnahmen des Gesichts von Chiwetel Ejiofors gönnt sich der Film, als sollten wir es nie mehr vergessen. Vielleicht gönnt er sich den einen oder anderen Blick zu viel auf die schlingpflanzenartigen Bäume dieser halluzinativen Landschaft, man sieht die southern trees und meint, darin »Strange Fruit« zu erkennen, vom KKK oder von ganz normalen Südstaatlern gelynchte nigger, die wie seltsame Früchte in den Bäumen hängen, wie in dem Song von Billie Holiday.

Selbstverständlich würde McQueen nie auf die Idee kommen, »Strange Fruit« einzusetzen, ein viel zu derbes Zeichen. Die Musik kommt von Hans Zimmer. Der im Frankfurter Speckgürtel um Königstein aufgewachsene Oscar-Preisträger hat in so unterschiedlichen Blockbustern wie Rain Man, Black Hawk Down oder den Fluch-der-Karibik-Filmen bewiesen, dass er die Klaviatur der All-American-Seele drauf hat. Hier findet er einmal mehr auf ostentativ angemessene und mitunter aufdringlich dezente Art: den richtigen Ton. Mehr als einmal verschmilzt Zimmers Score mit dem Gefiedel des Sklaven Platt respektive des frei, behütet und gebildet aufgewachsenen Solomon Northup. Northup, so wird suggeriert, hatte das Geigenspiel erlernt, um die Klassiker des humanistischen Kanons zu spielen, nigger Platt muss den southerners den Square Dance fiddeln.

12 Years A Slave wird Oscars gewinnen (Am Ende waren es mit dem Oscar für das »Beste Adaptierte Drehbuch« drei.), und er wird an amerikanischen Schulen gezeigt werden.

Beides dem Film vorzuwerfen, wäre wohlfeil, aber es ist ja nun mal so, dass Schüler eher nicht so gern in Filme gehen, die sie in der Schule sehen müssen, zur besinnlichen Musik eines Mannes aus der Nachbarschaft von Roland Koch. Schüler und andere junge Menschen jeden Alters sehen lieber Filme über die Sklaverei, in denen Sklavenhalter leiden müssen, bevor sie zur Strecke gebracht werden, zu greller Musik von 2Pac, Rick Ross oder James Brown. Oder von Kanye West, dem »Quentin Tarantino des Rap«, wie er in einem Fan-Blog tituliert wird.

West hat im Jahr 2013 die Diskussion, die Steven Spielbergs Lincoln und Tarantinos Django Unchained bei unterschiedlichen Zielgruppen ausgelöst hatten, mit seinem Song »New Slaves« in die Popgegenwart katapultiert.

They tryna lock niggas up
They tryna make new slaves
See that’s the privately owned prison
Get your piece today

In der privaten Gefängnisindustrie sieht Kanye West eine neue Sklaverei. Heute seien mehr Afroamerikaner inhaftiert, als es im Jahr 1850 Sklaven gab. Zwischen 1970 und 2005 sei die Zahl der Inhaftierten um 700% angestiegen, darunter überdurchschnittlich viele Afroamerikaner. Wenn dieser Trend anhält, wird einer von drei schwarzen Männern, die heute geboren werden, im Gefängnis landen.

Ganz abwegig ist Kanye Wests Analogie nicht, daran erinnerte der Tod von Herman Wallace, der am 4. Oktober 2013 starb, drei Tage nach seiner Freilassung aufgrund einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Für einen Mord, den er vermutlich nie begangen hat, saß der Black Panther im berüchtigten »Angola-Gefängnis« in Louisiana, auch »Alcatraz des Südens« genannt, 41 Jahre lang in Isolationshaft. Dort mussten die Gefangenen bis zu 18 Stunden am Tag auf Plantagen arbeiten. Bevor »Angola« zum Hochsicherheitsgefängnis wurde, war es durch Sklavenarbeit bewirtschaftet.

Die plakative Großmäuligkeit eines Kanye West wäre in 12 Years A Slave deplatziert. Wäre der Film Musik, dann wohl ein Mash-up aus zwei Songs von Bill Withers: »Harlem« und »Grandma’s Hands«. Das über zwei Stunden lang fast durchweg schmerzgepeinigte Gesicht des imposanten Chiwetel Ejiofor hat, so viel Physioanalyse muss sein, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem des stets leicht bedrückten Soul-Folksters Withers. Seit dem 4. Juli 2013, dem Independence Day, ist Withers 75 Jahre alt. 12 Years A Slave schließt, positiv formuliert, wenig Kompromisse mit den Anforderungen heutiger Aufmerksamkeitsökonomie und Pophaftigkeit, um ein Publikum zu erreichen, das deutlich jünger ist als Bill Withers.

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