OOIOO Gamel

Wie kann es eigentlich sein, dass eine Frau, die seit über 30 Jahren Noise-Rock unermüdlich in neue Richtungen stößt, die in entsprechenden Kreisen, vor allem in Japan, vergöttert wird, die einem Flaming-Lips-Album ihren Namen lieh (Yoshimi Battles The Pink Robots, 2002) und das Wort Pop wenn schon nicht revolutioniert, so zumindest re-definiert hat, vom Gros der Normalsterblichen derart sträflich übergangen wird? Die Rede ist von Yoshimi »P-We« Yokota, von Haus aus Trommlerin, die mit der Diskografie ihrer bisherigen Projekte ganze Reklametafeln vollschreiben könnte. Am bekanntesten sind wohl ihre Tätigkeiten in der bahnbrechenden, seit 1986 existierenden Avant-Noise-Pop-Band Boredoms, bei Free Kitten zusammen mit Kim Gordon sowie bei OOIOO. Ursprünglich als Fake-Band für ein Modemagazin gegründet, traten OOIOO Ende der Neunziger erstmals als »richtige« Band im Vorprogramm von Sonic Youth auf und veröffentlichen nun ihr siebtes Studioalbum, Gamel.

Darauf wird man mit einem für westliche Ohren ungewohnten Klang konfrontiert, den P-We ihrem neuesten Schlagspielzeug entlockt, dem Gamelan, von dem sich auch der Name des Albums ableitet. Das Gamelan ist ein aus der javanischen Kultur stammendes Metallophonensemble mit jahrhundertelanger Tradition – man stelle sich lauter Xylophone und Kochtopf-ähnliche Schlaginstrumente vor. Diesen Faden nehmen OOIOO für das Eröffnungsstück »Don Ah« auf, in dem sie dem tradierten Klang Respekt zollen, bevor sie sich kopfüber einen polyrhythmischen Wasserfall hinunterstürzen. Dabei sind OOIOO von Anfang bis Ende von unglaublicher Energie beflügelt. Ihre Stücke wirken im Vergleich zu den Vorgängern strukturierter und direkter, was daran liegen mag, dass sie ihre typische elektronische Verzerrung weitestgehend reduziert haben. Sie bestellen ein Feld, das sich irgendwo zwischen Steve Reich, den Slits, Amon Düül und präzivilisatorischen Stammesklängen ausbreitet, und singen sich dabei fieberhaft in Trance. Wobei »singen« übertrieben ist.

Die Stimme wird auf Gamel meist als chorale Decke, entrückter Sprechgesang oder gezielt als weiteres Rhythmusinstrument eingesetzt. Generell gilt: je lauter, desto schiefer. Trotzdem: zum Mitjaulen bestens geeignet!

Wer nun verkopften Krautrock befürchtet, sei beruhigt. Zwar droht Gamel an allen Enden aus- einanderzufallen, OOIOOs Ausraster tragen ihre Improvisations-DNA auch mit Stolz, aber im Grun- de tun sie es den Vögeln gleich, die immer wieder ihre Plattencover zieren. Sie sind bei allem be- freiend unprätentiös, spielerisch, flatterhaft und sorglos.

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