Onyx Collective „Lower East Suite Part Three“ / Review

Mit einfachen Mitteln zeichnet das Onyx Collective den Zustand seiner Heimat: East Suite Part Three spiegelt die Realität Lower Manhattans in zehn faszinierenden Songs.

Jazz ist zurück. Toll, oder? Ob in London, New York oder einem Vorort von Ingolstadt: Überall sprießen derzeit Combos aus dem Boden, die das altgediente Genre, das sich innerhalb eines guten Menschenlebens vom Soundtrack des Widerstandes zur klanglichen Ohrensesselpolsterung für Bildungsbürger entwickelt hat, erneuern wollen. Das Problem: Diese vermeintliche Revolution klingt zumeist in etwa so spannend wie ein vertonter Bausparvertrag. Zu groß ist die Nähe zum Formalismus der Musikschulen, zu hoch der Anteil blutdrucksenkender Entspannungsmusik.

Näher an Matana-Roberts als am Trompeten-Diplom.

Wie es anders geht, zeigen Isiah Barr, Austin Williamson, Walter Stinson, Spencer Murphy aus New York City. Als Alt-Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug spielender Nukleus eines losen Verbunds namens Onyx Collective (zu dem gelegentlich auch mal Größen wie Dev Hynes alias Blood Orange oder Princess Nokia gehören), spielen sie nämlich Jazz in seiner aufregenden Form: Als direkte, ungefilterte, oftmals intuitive Reaktion auf die eigene Umwelt. Oder anders gesagt: Onyx Collective sind näher an Matana Roberts als am Trompeten-Diplom.

Worum es auf Lower East Suite Part Three konkret geht, ist anhand des Titels natürlich unschwer zu erraten. Wo sich die beiden nach demselben System benannten Vorgänger-EPs jedoch noch flanierend an den zahlreichen Wegmarken New Yorks entlangschoben, setzt sich ihr Debütalbum mit den Schattenseiten der Metropole auseinander. Kurz: Mit der Unmöglichkeit des Seins im südöstlichen Manhattan, dem ehemaligen Bohème-Hotspot, der sich in den letzten 20 Jahren zu einem Millionärs-Spielplatz mit der weltweit höchsten Starbucks-Dichte entwickelt hat. Dort aufzuwachsen und Kunst zu produzieren? Muss sich in etwa so anfühlen, wie das sich windende Saxofon in „Eviction Notice“ oder der schweißtreibende shuffle in „Battle Of The Bowery“. Mit einfachen Mitteln zeichnet das Onyx Collective den Zustand seiner Heimat: Die schleichende Marginalisierung von allem, was keinen Gewinn generiert, den rasenden Wandel, die ständige Angst, durchs Raster zu fallen – East Suite Part Three spiegelt die Realität Lower Manhattans in zehn faszinierenden Songs. Aufgenommen übrigens in einer Galerie auf der Market Street. Ihr alter Proberaum wird gerade zu einem Loft umgebaut.

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