Film- & Eventkritik zu Only Lovers Left Alive

Tilda Swinton & Tom Hiddleston als Jim Jarmuschs Ur-Vampirpaar

Jim Jarmusch hat seinen neuen Film Only Lovers Left Alive kürzlich in Berlin und Köln mitsamt Konzert vorgestellt. Ein Event, ebenso blass wie der dazugehörige Film, trotz allerhand coolem Wissen – die Kritik zu beiden.

Nicht die Welt, sondern das ganze Universum ist eine Scheibe. Eine sich 45-mal in der Minute drehende Scheibe mit gut sieben Zoll Durchmesser. Darin eingeritzt ist die Stimme Wanda Jacksons, die uns mit den Worten »Falling down, down, down / My mind is a blank / My head is spinning around and around / As I go deep into the funnel of love« begrüßt.

Was in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey der vom Neanderthaler geschleuderte, sich in eine durchs All walzende Raumstation transformierende Knochen ist, das ist eingangs von Jim Jarmusch‘ neuem Film Only Lovers Left Alive die Überblendung vom rotierenden Sternenhimmel hin zur sich drehenden 7 Inch auf dem Plattenspieler des bleichen Vampirs Adam, den die Kamera im Anschluss ebenso wie seine weit entfernt weilende Gattin Eve umkreist.

Das ist die erste von unzähligen direkten und undirekten Referenzen, die Jarmusch minutiös in das mittlerweile so vertraute Narrativ zeitgemäßer, sich von Blutkonserven nährender Vampire stellt. Adam und Eve sind allein dem Namen nach Archetypen, einander gegenübergestellt durch farbliche Abgrenzung: Tilda Swinton ist in elegantes, wallendes Weiß gekleidet, Tom Hiddlestons stoppeliges Gesicht wird von zotteligen schwarzen Strähnen eingerahmt. Vereint sind sie vor allem in Bleichheit und Passion.

Letztere gilt bei Eve der Weltliteratur. Sie lebt in Tanger, dem Sehnsuchtsort der Beatniks, und trifft sich mit ihrem alten Freund Christopher Marlowe, der, wir wussten es ja schon immer, tatsächlich William Shakespeares Ghostwriter war. Adam hingegen hat sich am Stadtrand der Motor, Rock & Techno City Detroit verbarrikadiert, umgeben von einer eindrucksvollen Sammlung von Gitarren und analogen Aufnahmegeräten.

Als Adam während einer Videokonferenz – sie betrachtet ihn auf dem Display ihres Smartphones, er sie auf seinem Röhrenfernseher – seinem Weltschmerz Ausdruck verleiht, reagiert Eve geistesgegenwärtig und bucht einen Flug. Sie kommt zur rechten Zeit: Adam hat sich von seinem Faktotum Ian bereits eine Pistolenkugel aus Holz anfertigen lassen. Der Selbstmord, vielleicht mehr romantische Geste denn ernsthaft geplant, wird abgewendet.

Auch das plötzliche Auftauchen von Eves Schwester Ava (Mia Wasikowska) zwingt die beiden zwar zur Flucht nach Tanger, den Konsequenzen von Adams spätpubertärer Destruktivität können sie aber entgehen. In der nordafrikanischen Küstenstadt, von der ebenso wie von Detroit kaum mehr als ein paar schummrig oder aber gar nicht erleuchtete Straßen zu sehen sind, siecht Marlowe mittlerweile dahin. Das Blut der »Zombies«, wie Adam die Menschen schmeichelhaft nennt, ist »kontaminiert«. Mit was, wird nicht gesagt.

Vielleicht mit den Übeln der modernen Welt. In der nicht nur die Mythen vom Vampir, sondern auch das coole Wissen um Kunst und Kultur bedroht wird. Adam und Eve können die Geschichte lesen – unter anderem deshalb, weil sie an ihr mitgeschrieben haben. Jetzt aber sind sie an ihrem Ende angelangt, die schwammigen, bestimmt aber unguten Vorzeichen mehren sich.

Die von Eve mehrfach antizipierte Apokalypse in Form von erbitterten Kämpfen um Wasser tritt jedoch nicht ein. Vielmehr werden die beiden von ihrer eigenen Überholtheit eingeholt und taumeln bald wie Sid und Nancy auf cold turkey durch Tanger, fallen in primitive Zustände zurück. In einer übersättigten Welt nagt der Mythos am Hungertuch. Bleibt nur die Frage, ob er sich an den Rand katapultiert hat – oder aber dorthin verdrängt wurde.

Wie so häufig in seinen Filmen begnügt sich Jarmusch mit Anspielungen. In Only Lovers Left Alive schieben sie sich vor die schnell erzählte Story und sind so mannigfaltig, dass es an Esoterik grenzt. Über die Dauer des Films, der eher von der Eleganz Swintons denn von Hiddlestons Darstellung des untoten Ewiggestrigen getragen wird, entfaltet sich der Detailreichtum nicht, er summiert sich.

Am Ende bleibt wenig Substanz, dafür jedoch viele Artefakte, Codes und Namen. Zum Beispiel der vom Komponisten des Soundtracks, Jozef van Wissem, der der psychedelischen Fuzz-Rocker White Hills und Yasmine Hamdans. Da Jarmusch nicht nur filmisch gerne auf sein eigenes Werk referiert, rundeten diese auch die Vorstellungen seines neuen Films in Köln und Berlin mit Konzerten ab. (Weiter nach dem Bild)

Nachgebaute Filmszenerie im Tresor   FOTO: Kristoffer Cornlis
Nachgebaute Filmszenerie im Tresor   FOTO: Kristoffer Cornlis

Einmal von einem der beiden hauptstädtischen Premierenkinos, dem Kino International und dem Filmtheater am Friedrichshain, zum Tresor herüber gepilgert, wird das Publikum mit Shots begrüßt. »Taste the blood!«, heißt es. Es ist fruchtiger Glühwein. Das erste Gimmick von vielen.

In den Katakomben des in einem ausgedienten Kraftwerk beheimateten Clubs riecht es nach Räucherkerzen – »Patschuli-Sandelholz«, wie eine Besucherin amüsiert bemerkt. Der olfaktorische Irrweg führt in einen kerkerähnlichen Kellerraum, in dem mit Büchern, Kerzen und orientalisch anmutenden Teppichen Sitzecken konstruiert wurden und sich sogar ein rudimentärer Nachbau von Adams Studio bestaunen lässt.

In einer Kabine können sich Besucher fotografieren und die Bilder in aufwändig gestaltete Klappkarten einpassen lassen und natürlich gibt es auch den Soundtrack auf Vinyl zu kaufen. Ein black label, ganz so wie die Platte, die Adams Handlager Ian stellvertretend für den erfolgsmeidenden (und trotzdem –anstrebenden) Underground-Puristen verteilt. Das Sounduniversum des Films auf einer Scheibe.

Details und (Selbst-)Referenzen, liebevoll aufbereitet und eingepflegt wie jede noch so kleine Anspielung im Film. Und wie in diesem verliert sich das Event darin, statt sie holistisch zu einem stimmigen Ganzen zu vereinen.

Als der niederländische Komponist Jozef van Wissem zwei Stockwerke drüber im Globus zu spielen beginnt, fällt das kaum auf. Weil der Großteil des Publikums sich bei einem Bier über den Film unterhalten will und die Soundanlage eher auf eine Bandbreite von House bis Ambient, nicht aber auf einen sich aus der Tradition der Minimal Music herschreibenden Solo-Lautenisten geeicht ist. Zola Jesus beschert dem Auftritt etwas mehr Aufmerksamkeit. Nika Roza Danilova betritt kurz und kommentarlos die Bühne und schafft es zwar, mit ihren wortlosen Vocals die Hörbarkeitsgrenze zu überschreiten, nicht aber mit der Bizarrerie der Szene zu brechen. Die Acts des Abends wirken in diesem Kontext so verloren wie Adam und Eve in der von Jarmusch nur über Andeutungen konstruierten Welt.

Der krachige, effektgesättigte Rock der White Hills – deren Gitarrist und Sänger Dave W. und Bassistin Ego Sensation die optischen Stifterfiguren für Adam und Eve zu stellen scheinen – wirkt vor der kühl-technoiden Beleuchtung und der industriellen Architektur wie aus einer anderen, primitiveren Welt. Der Sound der Siebziger beißt sich mit der Ästhetik der Neunziger. Und das leider nicht auf zeitgemäße Art und Weise. Auch die eigentlich tolle Performance von Yasmine Hamdan, die, untermalt von minimalistischen Rock-Elementen, nahöstliche Musiktraditionen in Popschemata überträgt, hat etwas Befremdliches.

Spätestens als dann Jarmusch selbst mit seiner Band SQÜRL, bei der Jozef van Wissem an der Gitarre einspringt, die Bühne betritt, wird der Anachronismus in seiner ganzen Antiquiertheit schmerzhaft offensichtlich. Das Set  des Trios ist dilettantisch. Spielfreudig, selbstverloren und nicht auf den Punkt. Das ist noch halb so schlimm. Dazu kommt aber altvorderes Gepose und sobald Jarmusch ans Mikrofon tritt, um ein paar Vocals herauszupressen, nimmt der Auftritt endgültig den Charakter einer halbgaren Schulband-Jam-Session an.

Das Publikum lichtet sich, nur ein harter Kern feiert die Band noch frenetisch. Jarmusch dürfte seinen Legendenstatus und die damit verbundene Euphorie mittlerweile gewohnt sein. Vielleicht  hat er aber genau das satt: die ihm entgegenschlagende Heldenverehrung, die in ihrer Verbissenheit genauso antik wirkt wie Adams ablehnende Haltung gegenüber den Verwertungsmechanismen der Musikindustrie, deren Nutznießer er doch eigentlich ist.

Als er früh am Abend vor der Aufführung seines Films als »genius, poet and rockstar« angekündigt wurde, wirkt sein beschwichtigendes »That’s embarassing.« müde. Fragt sich nur, warum er genau diesen Mythos mit all seinen manieristischen Rockismen so emsig bestätigt. Reine Ironie, überdehnte Satire? Oder doch ein Zugeständnis an die Leidenschaft für das Altbackene in modernen Zeiten? Wie viel von welcher Art Liebe brauchen wir, um heute noch am Leben zu bleiben?

Viele Fragen, die sich aufwerfen. Und obwohl Jarmusch diese nicht beantworten muss, hätte er sie zumindest differenzierter stellen können. Zurück bleibt so nur der ein Nachgeschmack. Fad, faul und etwas selbstgerecht.

Der Film läuft am 25. Dezember in den deutschen Kinos an.

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