Only Lovers Left Alive: Das Alte und das Neue

Kürzlich erschien Jim Jarmuschs Vampirwerk, Only Lovers Left Alive, über zwei hoffnungslose besessene Zeitenwandler auf DVD.

Viel Handlung hat Jim Jarmusch für seine Filme nie gebraucht. Von Permanent Vacation (1980) bis zu The Limits Of Control (2009) lässt etwas anderes seine Filme so aus der Kinolandschaft herausragen, als wären ihre nächsten Verwandten die bizarren Felsformationen im Monument Valley: Auch ohne großen Erzählbogen fesseln sie den Zuschauer mit ihrem Mix aus Verspieltem und Erhabenem, aus Abenteuerlust und purer Atmosphäre.

Letztere ist in Only Lovers Left Alive erst einmal dunkel und düster, schließlich geht es um Vampire. Sie heißen Adam und Eve, aber sie sind nicht das Gründungspaar der Gattung Mensch, sondern eher das ihrer zwei wichtigsten Kulturzweige: Sprache und Musik. Eve (Tilda Swinton) jedenfalls verbringt sonnenbebrillt ihre wachen Nächte in Tanger, einem Ort voller literarischer Referenzen, dem Jarmusch hier frech eine weitere hinzufügt, indem er als Co-Vampir und Eves Blut-Dealer Christopher Marlowe (John Hurt) auftreten lässt. Wer im Thema ist, wird wissen, was sich daraus zwingend als Antwort ergibt auf die Frage nach der Autorschaft der Shakespeare’schen Werke. Es ist selbstverständlich nicht dieselbe, die Roland Emmerich in seinem Anonymous gab.

Eve packt ihren Koffer voller Bücherschätze – zu denen auch schon Infinite Jest gehört –, als die Andeutungen ihres alten Geliebten Adam (Tom Hiddleston), Selbstmord begehen zu wollen, sich mehren. Adam hat sich in Detroit hinter den geschlossenen Fensterläden einer Wohnung voller Musikreliquien zurückgezogen. Gleichermaßen unterstützt wie verehrt wird er von Pop-Fan Ian (Anton Yelchin), ansonsten lehnt Adam die »Zombie«-Welt, wie er den Menschenkosmos nennt, mehr und mehr ab. Dem Vinyl und den Magnetbändern nach zu urteilen, die Adams dunkle Bude füllen, ist er zudem alles andere als ein Fan der Digitalkultur.

Adams Menschenüberdruss macht aus Only Lovers Left Alive streckenweise ein melancholisches Requiem für das Ableben der Analogkultur und all der wunderbaren Artefakte, die mit ihr verschwinden. Aber Jarmusch ist spürbar ein viel zu neugieriger Geist, um sich ganz dem Kulturpessimismus hinzugeben. Seine Vampire haben so ziemlich jeden getroffen, der kulturell in den letzten 3000 Jahren etwas zu bieten hatte: Eve schimpft über Byron und Shelley, Adam zeigt ihr das Haus, in dem Jack White seine Kindheit verbrachte. Augenzwinkernd geben sie sich als Schöpfer und Inspiratoren aus (Schubert hat auch nicht alles allein komponiert!), zugleich aber sind sie Popkulturfans wie wir alle: hoffnungslos in das verliebt, was früher war, besessen davon, Neues zu entdecken.

ONLY LOVERS LEFT ALIVE
USA 2013
REGIE: JIM JARMUSCH
MIT TILDA SWINTON, TOM HIDDLESTON, MIA WASIKOWSKA, JOHN HURT U. A.

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