Zur Geisterstunde mit Oneohtrix Point Never

Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never (Foto: Leonard Greco)
Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never (Foto: Leonard Greco)

   Der aktuelle Popdiskurs einer rückwärtsgewandten, das Wesen der Erinnerung abfeiernden Retromusik dürfte nun mittlerweile tatsächlich an niemanden mehr vorbeigegangen sein. Die idosynkratische Verwendung von ungewöhnlichen Samples, die Verarbeitung von Klangschnipseln, das Neubeziehen alter Klangteppiche und hippe Widerverwerten längst verschollener 80er Jahre Synthiewerbemelodien, zwingt den Hörer durch die Schleusen einer Zeitmaschine. Dass dieser Aufbearbeitungsmechanismus trotz aller Vorwürfe nicht unterschätzt und als Kreativlosigkeit abgestempelt werden darf, versteht sich von selbst.

   Der New Yorker DANIEL LOPATIN schwebt selbstvergessen in eben diesen flirrenden Sphären, mal seicht rauschend mit seinem Soloprojekt Oneohtrix Point Never, mal aufgedreht, melodienlastig und fast tanzbar alias Ford & Lopatin mit Mitbewohner Joel Ford. Doch genau dort, wo man als Duo sofort ins Ohr geht und ziemlich schmerzfrei mit offensichtlichen Referenzen um sich schmeißt, ist das Solo-Album Replica zunächst sperrig und entrückt. Basslose und beatfreie Versatzstücke einer ausgeblichenen Fassade reminiszieren eine längst vergangene, ätherisch im Nebel wabernde Geisterzeit. Das Verständnis kommt dann doch noch schleichend aber unweigerlich daher und es dämmert leise, wie durchdacht, liebevoll ausgewählt und akkurat arrangiert das Gesamtkonzept also dennoch sein könnte. Hier ist ein Sammler mit Liebe zum Detail unterwegs.

   In der aktuellen Spex-Ausgabe plädiert Tobi Müller für Lopatins Ideenreichtum und beschäftigt sich vordergründig mit der Frage, warum sein Schnipsel-Pop nicht restaurativ ist, sondern im Gegenteil kreative Quellenarbeit betreibt. Auch Lopatin selbst möchte fort von dem negativen Nachgeschmack eines reinen Nostalgieproduktes:

Es geht mir nicht um die Reproduktion von Nostalgie mit diesen alten Samples, es geht nicht um die Zeit als Synthesizer in der Fernsehwerbung allgegenwärtig waren. Vielmehr möchte ich auf Nostalgie hinweisen, und damit gleichzeitig ein Original schaffen, dass es in der Vergangenheit nie gegeben hat.

   Dass Lopatins Arbeitsweise großen Spaß macht und sich an einer unendlichen, niemals erschöpfenden Spielkiste voller Schätze bedient, zeigt auch sein aktuelles Video zu Replica, welches sich extrem verlangsamten Zusammenschnitten aus tierreichen Kinderzeichentrickfilmen annimmt. Das Resultat ist unglaublich verstörend und befremdlich. Was in geregelter Geschwindigkeit für Groß und Klein einmal ein unterhaltsamer Spaß war, wird hier zu einem grotesken, albtraumhaften Anhäufen von Todessymbolen, Vergänglichkeitsmetaphern und allgemeinen Topoi für Ziellosigkeit umgewertet. Eine behandschuhte, motorradfahrende Comic-Hand dreht immer wieder verzweifelt am Gas in einem sinnlosen Wunsch dieser Szenerie entgehen zu können – umsonst; der anonyme Fahrer verbleibt unverändert an Ort und Stelle bis zum bitteren Schluss. Währenddessen türmt sich eine enorme Welle, ein Tsunami, auf, bereit alle rauchenden, grinsenden, sich duplizierenden Hasen unter sich zu begraben.

   Und als wäre dies noch nicht genug an artifizieller, comichafter Verstörung für viereinhalb Minuten, greift die bekrallte Hand eines ziemlich abgedreht wirkenden Hundes mit unermüdlicher Bewegung in eine Steckdose, die – wie könnte es auch anders sein – mit einem extrem todbringendem Totenkopf versehen ist. Ob der Wunsch, diese Freakshow von Comictieren endlich ein und für alle Mal zu beenden, gelingt, werden wir nie erfahren.

   Eines ist sicher, Humor hat er, der Lopatin, und einen Hang zum Morbiden. Um sich dessen selbst vergewissern zu können, verlost Spex drei Vinylausgaben des Albums Replica und verweist auf sein anstehendes Berlin-Konzert mit der japanischen Rockgruppe Nisennenmondai. Fünf Monate zuvor wusste Lopatin noch im Vorprogramm von Caribou zu überzeugen.

   Oneohtrix Point Never Replica ist bei Software / Mexican Summer / Coop Universal erschienen, Ford & Lopatin Channel Pressure ebenfalls.

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VIDEO: Oneohtrix Point Never Replica

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ONEOHTRIX POINT NEVER live:
27.11.11 Berlin – Festsaal Kreuzberg

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