Olli Schulz & der Hund Marie

Vor knapp einem Jahr verteilte der Herr Cursor einen ca. 30-sekündigen Ausschnitt einer WDR-Doku über Stefan Hentschel, ehemalige Kiezgröße und eloquenter Typ des Rotlichtmilieus. Der erzählt dem Kamerateam gut gelaunt von der Zeit (früher), so lange jedenfalls, bis ein sichtlich angetrunkener Mann denkt, Hentschel schief von der Seite anquatschen zu müssen. Vielleicht drei Sekunden danach landet Hentschel mit der flachen Hand auf dessen Backe. »Noch ein Problem? Besser is‘ das!« Das Kamerateam wird dann schnell mit einem souverän angefügten »So, weiter. Ich hab da kein Bock, mit den Arschlöchern zu reden ?« abgespeist, fünf Sekunden später scheint die gerade erlebte Situation wieder vorbei und Hentschel ist mit einem guten Freund – »Hallo Werner« – beschäftigt. Zurück blieben nur schockiert blickende Passanten.
    Was das in einer Olli Schulz-Rezension zu suchen hat? Ich bin mir da auch nicht so sicher. Es gibt da allerdings zwei Gründe. Erstens: per Mail verschickt von »Grand Hotel Reimer«. Zweitens: Olli Schulz kommt mir manchmal wie Hamburgs Kiez vor: Da liegen Kleinkunst und großes Entertainment, Gegenkultur und Mainstream, Erfolg und Scheitern, Ernsthaftigkeit und Trunkenheit sowie Filmrisse und erinnerungswürdige Momente oft nah beieinander, wenn nicht sogar die Grenzen dazwischen verwischen. Das kann Olli gut, das mit den Grenzen und dem Verwischen: Songwriting so zu Pop machen, dass es gerade noch erträglich für die Cordjacken und nicht zu Zuckerguss für die Jugend vom Land ist. Das muss man sich mal anhören, das klingt wie Reeperbahn mit Taschen voller Geld: So Späße wie »Jetzt gerade bist Du gut«, »Dann schlägt Dein Herz« (gute Single!) und dann die »Ankunft der Marsianer«, die könnten schnell mal zu kleineren Hits werden. Und dann gibt das auf der anderen Seite diese dunklen Gassen: »Bettmensch«, »Affenbär« oder »Human of the Week«, von denen man sich fragt, wie man da reingeraten ist (Textebene). Im letzten Fall genügt da ein Blick in eine ältere Abendblatt-Ausgabe, okay. Aber sonst? Herr Schulz, Ihr erstes Album war da besser! Hier gibt das kein »Küss mich schnell …«. Muss ja auch nicht. Wäre aber schön gewesen. Na ja, sind ja auch schwierige Zeiten. In Hamburg sowieso.
PS: Das beige Album ist dieses Mal mit kaum Tieren vorne drauf.

LABEL: Grand Hotel van Cleef

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 27.06.2005

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