Die sonische Leinwand

Blickachsenmaske: Still aus Irma Vep von Olivier Assayas

   Dieses Jahr ist ein ergiebiges für Fans von Sonic Youth und die Freunde des französischen Kinos. Erstere konnten sich sowohl über den Soundtrack zum (französischen) Film Simon Werner a Disparu und die lang erwartete DVD-Veröffentlichung der 1991er Tourdoku The Year Punk Broke freuen, als auch über Thurston Moores Solo-Projekt Demolished Thoughts, das Moore übrigens im Dezember auch in Deutschland und in der Schweiz live präsentieren wird. Frankophile Cineasten hingegen bekamen im Jahr 2011 eine Bandbreite an neuen Filmen zu sehen, wie es sie im deutschen Kino seit gefühlten Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat: sie reichte von Godards Film Socialisme über Guillaume Canets tragikomisches Generationsportrait Kleine wahre Lügen bis zu Danny Boons politischem Klamauk Nichts zu verzollen.

   Nun kommen beide Anhängergruppen in Berlin auf ihre besonderen Kosten. Denn das Kino Arsenal zeigt den ganzen Oktober über eine komplette Retrospektive der bisherigen Filme des französischen Regisseurs OLIVIER ASSAYAS und dazu gehören eben nicht zuletzt seine Kollaborationen mit Sonic Youth. 1996 tauchte mit Tunic ein älterer Song der New Yorker Band im Soundtrack seiner Hong-Kong-Kino-Hommage Irma Vep (siehe Videostill oben) auf, fünf Jahre später – mitten in einer der interessantesten Phasen ihrer Karriere – komponierten Sonic Youth dann aber nahezu den kompletten Score für Assayas' semi-futuristischen Globalisierungsthriller Demonlover. Und 2005, als der mittlerweile zu einem der interessantesten Regisseure des modernen Kinos avancierte frühere Redakteur der Cahiers du cinéma die Carte Blanche des Festivals Art Rock de Saint-Brieuc erhielt, lud er die komplette Besetzung von Sonic Youth ein: Steve Shelley und Lee Ranaldo traten mit ihrem nach einem Stan-Brakhage-Film benannten Nebenprojekt Text of Light auf – zu dem auch Alan Licht und Tim Barnes gehörten. Als MIRROR/DASH gaben Kim Gordon und Thurston Moore ihrem Feedback Zucker – beide Sets sind über 50 Minuten lang nachzuvollziehen in Assayas Konzertfilm Noise, der zudem noch weitere Performances zeigt, u. a. von Metric und der auch als Schauspielerin in Assayas Film Clean bekannt gewordenen Jeanne Balibar.

   Als Filmemacher steht der 1955 geborene Olivier Assayas allerdings nicht zuvorderst für die Verwendung von Post-Punk und Noise-Experimenten. Der Sohn des Drehbuchautors Jacques Rémy hat sich nie auf ein Genre festgelegt, drehte kostümlastige Literaturverfilmungen (Les destinées sentimentales, 2000) wie moderne Liebesromanzen (Fin août, début septembre, 1998). Sein außerordentliches Stilempfinden und sein großes Interesse an Oberflächen setzt ihn zwar manches Mal den Verdacht aus, die Tiefe seiner Geschichten eher anzutäuschen, bzw. sie mit seinem Hang zur Breite zu verwechseln (bis zu fünfeinhalb Stunden dauert sein Opus Magnum Carlos – Der Schakal, 2010 ), aber es ist nicht zuletzt seine an der Situationistischen Internationalen geschulte politische Haltung, die es immer wieder lohnenswert macht, sich auch noch mit Assayas weniger gelungenen Filmen auseinanderzusetzen.

   Bis Sonntag, dem 30. Oktober, läuft die Retrospektive im Arsenal, dem Institut für Film und Videokunst e.V. in Berlin. Das komplette Programm findet sich hier.

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VIDEO: Olivier Assayas Irma Vep (1996) (Trailer)

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