Okkervil River »Away« / Review

Will Sheff besingt auf dem achten Okkervil-River-Album die Themen Tod, Vergänglich- und Vergeblichkeit und findet auch noch eine Antwort auf die Frage nach dem Wie-nur-weiter.

Dass Pop immer jung und schön und voller Träume sein muss, ist natürlich Quatsch. Nichtsdestoweniger schunkeln auch im Jahr 60 nach Gene Vincents »Be-Bop-A-Lula« immer noch viele junge Traumgestalten durch die Hitparaden. Einerseits. Was passiert andererseits, wenn die Jugend und die Schönheit und die Träume verloren sind? Wohin gehen, wenn alles aus und vorbei ist? Fragen, mit denen sich Will Sheff auskennt.

Der Mann mit den kleinen Augen und großen Brillengläsern ist Frontmann und Sänger von Okkervil River. Und einzige Konstante in einem Folk-Rock-Karussell, das sich seit beinahe 20 Jahren dreht. Okkervil River haben in dieser Zeit sieben Alben veröffentlicht, mit Away erscheint nun das Achte. Mitte der Nullerjahre, traurige Männer mit akustischen Gitarren und lyrischer Gewalt waren gerade sehr en vogue, schienen Sheff und seine Band ein kleines großes Ding zu sein. Okkervil River spielten nicht so abgedreht wie The Decemberists und nicht so rotweinschwer wie The National. Sie veröffentlichten ein paar beachtliche Alben, schrieben ein paar gute Songs und einen ganz fantastischen (»The President’s Dead«). Doch der große Wurf gelang ihnen nie.

Die Musikindustrie? Nur noch ein Schatten ihrer selbst.

»Flip a couple hundred pages«, singt Will Sheff jetzt auf »Okkervil River R.I.P.«, dem Eröffnungssong von Away. Wie sieht es da nun aus, ein bisschen weiter die Straße runter? »I was turning 38, I was a horrible sight.« Und: »I was escorted from the premises for being a mess.« Puh. Schwere Kost. War das vorangegangene Album The Silver Gymnasium noch eine fröhlich power-poppende Coming-of-Age-Platte über die eigene Jugend in der Vorstadt, rollt Sheff die Geschichte nun von der anderen Seite auf: Auf Away dominieren Tod, Vergänglich- und Vergeblichkeit. Enttäuschungen und Verluste, wo man nur hinhört. Die Familie? Stirbt weg. Die Musikindustrie? Nur noch ein Schatten ihrer selbst. »Do you remember, baby, back in 1996? When some record was enough to make you raise your fist?«

In neun Songs erzählt Will Sheff zu zart mäanderndem Indie-Folk vom Leben danach. Nach dem Hype, nach der Jugend, nach den Träumen, nach der Band. Das Schönste an dieser wirklich ganz herrlich dahingehauchten Krisenplatte? Will Sheff hat tatsächlich eine Antwort auf die Frage nach dem Wie-nur-weiter. In der finalen Viertelstunde von Away steckt mehr Seelenstreichelei als im besten Selbsthilfeseminar. »Frontman in Heaven« ist eine Lektion in Demut vor dem ganzen Mist, den wir nicht beeinflussen können. Und dann, ganz am Ende, von Wellen umspült: »Days Spent Floating (in the Halfbetween)« – eine Hymne auf die Ungewissheit.

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