Ohne Filter – Nachrichten vom Planeten Autismus

Bild: Gee Vero, The Art Of Inclusion, mit Manfred Krug

Wenn von Autismus die Rede ist, fällt den meisten zuerst der Film Rain Man mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle ein. Als zweites denken viele an den blassen, bebrillten Klischee-IT-Spezialisten ohne Gefühl für soziale Interaktionen und modische Nuancen, eine Art karikatureske Steigerung des Sozialtypus Nerd. Garantiert eher nicht in den Sinn kommt einem jemand wie Denise Linke, eine hübsche, eloquente und ansteckend fröhliche junge Frau. Die Berliner Autistin und ADHSlerin gibt das weltweit erste Lifestyle-Magazin für Autisten heraus. Und sagt: »Neurodiversität ist die größte Chance, die unsere Gesellschaft je hatte.«

Denise Linke ist weit von Sympathien für doktrinäre Correctness-Sprachschablonen entfernt, legt aber Wert auf die Feststellung, dass sie ihren Autismus weder »hat« noch unter ihm »leidet«. »Ich leide nicht. Ich habe viel unter Umständen gelitten und versucht, mich diesen Umständen anzupassen, habe aber auch unterbewusst probiert, eine Welt um mich herum aufzubauen, in der mein Autismus und mein ADHS sehr gut funktionieren.« Ihr Magazin N#MMER trägt den Untertitel Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten. »Mit den Astronauten sind die neurotypischen« – also mit neurologischer Standardausstattung versehenen – »Menschen gemeint, die das Magazin kaufen, lesen, mal angucken können und dann hoffentlich hinterher sagen ›Oh Gott, wie aufregend war das denn! Jetzt hab ich ganz viele tolle Sachen gelernt und einen ganz anderen Blick auf die Welt gewonnen.‹ Man sagt ja immer wieder, dass Autisten in ihrer eigenen Welt leben, Aliens sind. Autismus wird auch Wrong Planet Syndrome genannt.«

In den letzten Jahren ist die Fülle an Veröffentlichungen zum Thema Autismus immer unüberschaubarer geworden. Das betrifft sowohl wissenschaftliche als auch autobiografische Werke von Betroffenen, aber auch die Felder Belletristik und Film. Auch im Zuge der Debatte um die Inklusion an Schulen ist das Thema verstärkt in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Wenn man ein wenig herumfragt, hat fast jeder »neulich so eine Sendung dazu gesehen«. Und doch ist das Maß an Verwirrung, Nichtwissen und Nachgeplapper groß. Dabei muss zur Entschuldigung der Verwirrten, Nichtwissenden und Nachplappernden sofort einschränkend gesagt werden: Erstens: It’s indeed fucking complex. Ohne ein gewisses Maß an Beweglichkeit im Kopf ist das Ganze nicht zu kapieren. Zweitens: Auch wenn es angesichts der terminologisch vertrackten regen Publizistik und bunter bildgebender Gehirn-Screening-Verfahren nicht so scheint: Man weiß noch sehr wenig darüber. Drittens: Das alles ist immer noch recht neu, und die Zeiten, in denen gefühlskalte »Kühlschrankmütter« für autistische Kinder verantwortlich gemacht wurden oder Autisten als geistig behindert in Sonderschulen geschickt wurden (bevor manch einer dieser »Behinderten« es dann vorzog, in theoretischer Physik, Jura oder Medizin zu promovieren), liegen gruseligerweise noch nicht allzu lang zurück. Und auch hierzulande gibt es Eltern, die den Autismus ihrer Kinder dadurch »heilen« wollen, dass sie ihnen zwangsweise toxische und gewebezerstörende Chlorbleiche-Einläufe verpassen, die von einem amerikanischen Ex-Scientologen auch auf deutschen Esoterikmessen unter großem Applaus verzweifelter Erziehungsberechtigter als Allheilmittel gegen Aids, Krebs und eben auch Autismus angepriesen werden. Impfgegner aus Berliner Altbauwohnungen sind Bannerträger der Aufklärung dagegen.

Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation derzeit als angeborene tiefgreifende Entwicklungsstörung beschrieben, die mit einer abweichenden Art der Verarbeitung von Informationen, Umweltreizen und Wahrnehmungen einhergeht. Das Phänomen als »Störung« zu bezeichnen, ist insofern problematisch bis anmaßend, als es von der Gültigkeit einer prävalenten Norm ausgeht. Aus dem flauschigen Ohrensessel dieser Norm heraus lassen sich dann bequem Urteile abschießen, die Abweichungen von ihr als pathologisch qualifizieren. Das ist das klassische Muster von Diskriminierung. Autisten bezeichnen sich daher selbst oft lieber als anders verdrahtet, Aspies, Auties, Vulkanier (nach der Spock-Figur aus der Star-Trek-Serie) oder neurodivers. Klar ist: Es geht nicht um eine Entwicklungsverzögerung, ein Begriff, der die Möglichkeit eines Aufholens impliziert – damit aber natürlich wieder ein Ziel unterstellen würde, auf das bitte alles hinauszulaufen habe, wenn man fertiger Vollmensch werden möchte. Man darf es sich also nicht so vorstellen, dass die Entwicklung des Gehirns von Autisten einfach an irgendeinem Punkt des »Entwicklungsweges« der »Normalgehirne« stehengeblieben wäre; vielmehr ist sie anders verlaufen. Zu den Anführungszeichen beim Wort »Entwicklungsweg«: Wenn man Darwin, den man mehrmals täglich gegen seine darwinistischen Interpreten in Schutz nehmen sollte, nicht allzu oberflächlich liest, fällt auf, dass in seiner Theorie von einem teleologischen Entwicklungsweg auf ein finales Ziel hin keine Rede sein kann. Bei Darwin besteht die Evolution im Reproduktions- und Selektionsvorteil jener Organismen, die sich verändernden Umweltbedingungen (Klima, Feinde etc.) am besten anpassen. Wenn also die Mikrobe nach dem Atomkrieg eine Menge Spaß hat, während es für Homo sapiens eher gothic aussieht, dann ist die Mikrobe eben anpassungsmäßig state of the art. Zurück zur anderen Neuro-Konfiguration von Autisten: Sie führt dazu, dass bestimmte Dinge besser als bei neurotypischen Menschen funktionieren und andere schlechter. Das Dumme ist nur, dass es die neurotypische Mehrheitsgesellschaft ist, die ganz humorlos und diktatorisch festlegt, welche davon relevant sind und welche nicht.

Wie lässt sich nun grob vereinfacht die andere Wahrnehmung des Autisten fassen? Autisten nehmen Reize, seien sie auditiv, visuell, taktil, gustatorisch oder olfaktorisch, intensiver wahr als neurotypische Menschen. Die Erfahrungsberichte sind voll von Autisten, die sich die Ohren zuhalten, wenn Autos vorbeifahren, und sich in der Schule nicht konzentrieren können, weil zehn Reihen vor ihnen jemand seinen Bleistift so laut anspitzt. Sie nehmen nicht nur intensiver, sondern auch zu viel auf einmal wahr, man könnte auch sagen: Sie haben Fokussierungsprobleme. Ihnen fehlt der neurotypische Tunnelblick, der dadurch zustande kommt, dass bestimmte Wahrnehmungen sofort automatisch weggefiltert werden. Die intuitive Reizpriorisierung funktioniert nicht. Autisten müssen ohne Autopilot fliegen. Das kann dazu führen, dass sich ein Autist zwar exakt an das Teppichmuster des Raumes, nicht aber unbedingt an die Gesichter der Anwesenden in einer sozialen Situation erinnern kann. Denise Linke berichtet von zahlreichen Autounfällen, die ihr widerfuhren, weil sie immer wieder Schwierigkeiten hatte, all die verschiedenen aufregenden Reize auszublenden, die am Steuer eines Wagens so auftauchen können. Den Straßenverkehr zu überleben, bedeutet eben auch: sich vom Rot der Ampel nicht impressionistisch verführen und ablenken zu lassen, sondern es einzig als Signal »Anhalten!« zu decodieren. Viele Autisten berichten von wirklichen und Beinaheunfällen, weil ein bestimmter Schatten grad unabweisbar fesselnder als das Verkehrsgeschehen war oder sie sich komplett auf den Gesang eines Vogels einließen. Wegen solcher Filterschwierigkeiten fährt Denise Linke nicht mehr Auto.

Filtern heißt selektiv ignorieren. Gern sagt man über die akkurate Detailwahrnehmung von Autisten, sie sähen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Als mehrheitsfähig gilt es dagegen, die Bäume vor lauter Wald nicht zu sehen. »Ich sehe nicht das große Ganze, sondern lauter kleine Stückchen«, sagt Linke. Der Fachbegriff dazu heißt »zentrale Kohärenz«. Mit diesem Begriff bezeichnet man eine übergeordnete Kohäsionskraft, die im Gehirn Einzelinformationen zu einem Gesamtzusammenhang verarbeitet. Die sanfte Gewalt dieser Kohäsionskraft ist so stark, dass im Dienste eines abstrahierenden Überblicks viele Details über-blickt werden: So sehe ich nicht diesen Strauch und die knorrige Fichte und daneben, gleich hinter einem Ameisenhaufen, einen Laubbaum mit seltsamer Rindenstruktur, sondern meine zentrale Kohärenz sagt mir sofort: »Ah, ich stehe in einem Wald.« Dieser Abstraktionszwang ist bei Autisten weniger stark ausgeprägt. Man vermutet, dass das ein Grund dafür ist, weshalb sie regelmäßig besser in sogenannten Embedded-Figures-Tests abschneiden. Bei solchen Tests geht es darum, eine kleine eingebettete Figur innerhalb einer größeren zu identifizieren. Autisten können das besser. Bei neurotypischen Personen ist der kohäsive Zwang, die Einzelinformationen zum Bild der übergeordneten Figur zusammenzuziehen, stärker. Sie müssen sich zur Distanz regelrecht zwingen, um die gesuchte Figur aus ihrem Kontext lösen zu können. Autisten dagegen, so die These der Autismusforscherin Uta Frith in ihrem Buch Autismus. Ein kognitionspsychologisches Puzzle (1989), haben von Anfang an eine viel größere Distanz, einen isolierteren, nicht-integrativen Blick. Das ist nun keine irgendwie ganz interessante und originelle Wahrnehmungsmarotte, sondern etwas, das das gesamte autistische Leben prägt. Und zwar mit einer Menge an Problempotenzial hinsichtlich der Verständigung zwischen autistischen und neurotypischen Personen. Denn die umrissene schwache zentrale Kohärenz könnte auch die Probleme in der sozialen Interaktion und abweichende Kommunikationsmuster wie das Wörtlichnehmen von Äußerungen erklären. Wenn ein Asperger-Autist auf die Frage, was passiert, wenn er sich in den Finger schneidet, mit »Bluten« antwortet, dann ist dieses Verfehlen des pragmatischen Sinns der Frage möglicherweise ebenfalls das Produkt einer labilen zentralen Kohärenz. Die Antwort kalkuliert nicht ein, dass der Fragende Erfahrungswissen besitzt, das ihm sagt, dass das Schneiden eine Blutung nach sich zieht, und dass damit die Frage einen ganz anderen Sinn – in Anlehnung an die für Autisten ebenfalls schwer zu entschlüsselnde Ironie könnte man von einem »uneigentlichen Sinn« sprechen – haben müsse, nämlich den, sich nach der übergeordneten Reaktion auf das Bluten zu erkundigen. Wenn ich die Augenpartie eines Gesprächspartners nicht intuitiv wichtiger finde als die Struktur seiner Haut, werde ich Schwierigkeiten haben, seine nonverbalen Kommunikationsbotschaften zu verstehen. Die schwache zentrale Kohärenz zöge als Grundstruktur autistischer Existenz soziale Distanz nach sich und eine aus neurotypischer Perspektive fragmentierte Erfahrungswelt.

Gee Vero_The Art Of Inclusion_mit Professor Georg Theunissen
Bild: Gee Vero, The Art Of Inclusion.

Das fehlende Reizfiltern des Autisten kann ein weiteres Merkmal autistischen Weltverhaltens deuten helfen: die als Diagnosekriterium beschriebene Neigung zur Stereotypie. Diese hat viele Gesichter, aber stets scheint es dabei um das Schaffen von Vorhersehbarkeit zu gehen, die der tendenziellen Unvorhersehbarkeit einer perzeptiv wenig vorstrukturierten und damit von Reizüberflutung bedrohten Stresswelt entgegengesetzt wird. Stereotypes Verhalten kann sich als selbstberuhigendes Stimming äußern. Stimming ist die Kurzform von self-stimulatory behavior und meint das eigene Setzen eines vertrauten Reizes. Das kann das oft beschriebene autistische Wedeln mit den Händen sein, aber auch das unsichtbare Wackeln mit den Zehen. Auch mentales Stimming wie das Zählen im Stillen ist möglich. »Stimming reduziert die Reizaufnahme und verhindert so eine sensorische Überlastung«, schreibt die autistische Künstlerin Gee Vero in ihrem Buch Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung (2014). Aber auch das Ordnen und Sammeln in vielerlei Gestalt wäre eine Erscheinungsform von Stereotypie. Über ihre Kollektion von Seidenkimonos schreibt die Autistin Gabrijela Mecky Zaragoza in ihrem Buch Meine andere Welt. Mit Autismus leben (2012): »Wenn ich sammle und ordne, dann blende ich die Welt da draußen aus, dann bündele ich meine Gedanken und konzentriere mich nur auf den Gegenstand vor mir und komme dadurch allmählich zur Ruhe. Um mich herum ändert sich vieles, die Pfauenmännchen auf dem Kimono aber bleiben gleich, die Wildblumen und die Kirschblüten.« Das Glück liegt in der selbstgeschaffenen Struktur innerhalb einer oft als verwirrend und chaotisch empfundenen Welt. »Meine Wohlfühlgleichung im Alltag bleibt unverändert: Wiederholung ist gleich Struktur ist gleich Stabilität«, schreibt Mecky Zaragoza.

Beide Weisen der Weltwahrnehmung, die eher synthetische neurotypische und die eher analytische autistische, haben ihre Vorteile. Denise Linke ist davon überzeugt, dass man sie miteinander verbinden muss: »Neurodiversität ist die größte Chance, die unsere Gesellschaft je hatte, und wenn wir die nicht nutzen, sind wir Vollidioten. Wir brauchen Menschen, die verschiedene Dinge können. Wenn wir nur einen Typus von Begabung akzeptieren, werden wir für immer auf der Stelle treten. Die Menschen, die die Welt vorangebracht haben, waren oft neurologisch anders als die Gesamtheit.« Zuvor müssten eine Menge Vorurteile abgebaut werden. Der Spießrutenlauf von Autisten beginnt meist in der Schule. Dort sind sie überdurchschnittlich häufig Mobbing ausgesetzt. »Die anderen haben mir sehr früh sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mich anders verhalte als sie. Ich hab überhaupt nicht verstanden, warum man sich ausgerechnet mich als Mobbingopfer ausgesucht hat, mir kam das ein bisschen wahllos vor. Im Nachhinein kann ich mir das schon erklären. Ich war einfach anders als die anderen. Ich hab Menschen früher nicht in die Augen geguckt, bin gar nicht auf die Idee gekommen. Daraus hat man gefolgert, dass ich lügen würde. Im Nachhinein hat sich mir erschlossen, dass die das gesagt haben, weil ich mich verhalten habe wie ein Mensch, der lügt. Ich habe denen nicht in die Augen geguckt, ich bin die ganze Zeit hin und her gehibbelt, weil ich wegen meines ADHS nicht stillsitzen konnte. Das wirkt halt so, als wäre man nervös und würde lügen.« In gewisser Weise hat sie ihr Autismus in Gestalt sozialer Naivität vor den Mobbingfolgen geschützt: »Ich hab zum Glück oft überhaupt nicht gemerkt, wenn Menschen mich hart angefeindet haben.« Im Laufe der Jahre hat Denise Linke auf der Basis von fortwährender Beobachtung nichtautistisches Verhalten perfekt zu imitieren gelernt. »Wenn sie dieses angepasste Außenverhalten sehen, denken dann manche Leute: ›Oh, sie ist geheilt!‹ Sie können eben nicht in mich hineingucken.«

Dem Vorurteil, dass Autisten nicht an Freundschaften interessiert seien, tritt Denise Linke entschieden entgegen: »Freundschaften sind für Autisten extrem wichtig. Wir tun uns halt ein bisschen schwerer damit. Das Kennenlernen von Menschen wird mir für immer ein absolutes Rätsel bleiben. Ich werde niemals verstehen, wie das funktioniert. Ich verstehe auch bis heute nicht, wie ich die Menschen kennengelernt habe, mit denen ich befreundet bin. Ich tue mich auch schwer damit, ›den Kontakt zu halten‹. Ich melde mich nicht bei Menschen, weil ich einfach nicht dran denke, dass ich mal fragen könnte, wie es ihnen geht. Meine Freunde haben sich da aber aus irgendeinem Grund dran gewöhnt und fragen dann halt mich, wie es mir geht. Ich krieg dann SMS, in denen steht: ›Lebst du noch? Wie geht’s dir so?‹ Und dann denke ich: ›Ach, das ist ja schön, dass der sich meldet‹, und dann sag ich ›Ja, und dir?‹, denn ich hab gelernt, dass man dann zurückfragt.«

Gegen das Leid von Autisten an der Verständnislosigkeit ihrer nichtautistischen Umwelt gibt es für Linke ein wirksames Mittel: konsequente Inklusion: »Wenn ich das einzige Kind bin, über das es heißt: ›Das ist die Denise, die ist ein bisschen anders‹, sind Kinder immer noch grausam. Hätten wir aber inklusive Schulen, in denen von Vornherein erklärt wird: ›Das ist der Peter, der sitzt im Rollstuhl, das ist die Anna, und die ist blind, und das ist die Denise, die ist Autistin, das ist das und das, und hier haben wir den Hans, der ist ganz normal. Wir sind aber alle gleichwertige Menschen, und jeder kann was anderes und dem anderen erklären, wie seine Welt funktioniert‹, ich glaube, dann würde das wirklich funktionieren. Dafür braucht es kleinere Klassen, mehr Leute und mehr Geld. Da wird so am falschen Ende gespart! Da geht’s bei der Inklusion von hinten durch die Brust ins Auge, weil diese Menschen einfach durchs System fallen, dann kommen die auf irgendwelche Förderschulen, in denen sie hart unterfordert sind, dann in irgendwelche Werkstätten und müssen da arbeiten, könnten aber eigentlich auf den ersten Arbeitsmarkt, und sind dabei kreuzunglücklich. Ich glaube, dass es volkswirtschaftlich radikal Sinn ergeben würde, die Schulen komplett zu reformieren. Unser gesamtes Schulsystem ist so von hinten bis vorne kaputt. Allein die Vorstellung, dass das Wichtigste, was Kinder gemeinsam haben, das Alter sein soll, ist mir total unerklärlich. Meine Traumvorstellung wäre, dass man das System komplett neu denkt, dass man Lehrer, Schüler, alle Akteure, die etwas damit zu tun haben, versammelt, um in einem ausführlichen Prozess die Schule neu zu gestalten und das Beschlossene dann auch umzusetzen.«

Derzeit wird immer noch zu viel von Nichtautisten über Autismus geredet, während die Stimmen derer, um die es geht, viel zu leise sind. Nicht zuletzt, um daran etwas zu ändern, hat Denise Linke über eine Crowdfunding-Kampagne das von Autisten und AD(H)Slern realisierte, wunderbare Magazin N#MMER ins Leben gerufen. Ausgabe eins hat den Schwerpunkt Liebe, in der nächsten, im April erscheinenden wird es um Medien und Kunst gehen. Hier melden sich neurodiverse Menschen zu Wort, statt von anderen definiert zu werden. »In den USA gibt es eine fantastische Organisation namens ASAN. Das steht für Autistic Self Advocacy Network. Deren Motto lautet: ›Nothing about us without us‹. Diese Haltung habe ich verinnerlicht. Ich würde über keine Gruppe von Menschen eine gesellschaftliche Diskussion anzetteln wollen, ohne diese Menschen zu fragen und einzubeziehen.«

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 360 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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