Foto: Christian Werner

Ein Beispiel für stereotypes Zuschauerverhalten im Kunstkontext ist die Ausstellungseröffnung. Normalerweise sind Ihre Performances auf ein positives Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe ausgelegt. Eine Ausnahme macht allerdings „Syntax Error“, wo Sie mit einer Gruppe Männer eine zuvor sehr idyllische Vernissage aufmischen.
Für diese Arbeit habe ich zehn Typen engagiert und trainiert, und es ist uns gelungen, eine Situation mit 500 Besuchern vollkommen zu kontrollieren. In vielen meiner Performances geht es um eine bestimmt Art des Verführens, die Leute auf meine Seite zu ziehen und einen positiv-ekstatischen Moment auszulösen. Ich fand es aber interessant, auch einmal mit Adrenalin, Angst und Gewalt zu spielen. Ein Thema, das mich auch immer beschäftigt, sind die Rituale der Kunstwelt, zum Beispiel die Ausstellungseröffnung – die Reden, die Danksagungen, der Sekt. Alles, was in diesem hochkodifiziertem Kunstkontext stattfindet. Dieses Ritual wollte ich auf den Kopf stellen. Die Performance war ja recht schnell wieder vorbei, nach fünf Minuten haben die Leute die Normalität innerhalb der Eröffnung wiederhergestellt, das fand ich auch sehr interessant.

In einem Videostatement zu Ihrer Performance „Elixier“ sprechen Sie außerdem von den Ritualen der Popkultur.
Gerade in Westeuropa haben die religiösen Rituale deutlich an Bedeutung verloren, und starke ekstatische Gefühlsrituale gibt es nun eben noch in der Popkultur; auf Rockkonzerten und im Kino zum Beispiel. Ich finde es interessant, mir anzuschauen, wie sie funktionieren und wie diese Gefühle hergestellt werden.

„Es gehen mehr Leute auf die Documenta als auf ein Beyoncé-Konzert.“

Sie verstehen die Kunstwelt also als Teil der Popkultur?
Eigentlich müsste sich die Kunst mehr als ein Teil der Populärkultur sehen. Die Kunstwelt ist oft außen vor, deshalb interessiert mich vor allem die Schnittstelle. Ich lade meine Videos auf YouTube hoch und beobachte die Berührungspunkte mit anderen kulturellen Bereichen mit großem Interesse. Es wird ja durch Kunst eben nicht nur ein kleiner erlesener Kreis angesprochen – große Ausstellungen ziehen stattdessen hunderttausende Besucher an. Es gehen mehr Leute auf die Documenta als auf ein Beyoncé-Konzert. Ich glaube, der Grund, warum diese Unterscheidung zwischen Popkultur und Kunst gemacht wird, liegt darin, dass die Rituale andere sind. Bei einem Konzert oder im Kino ist es ja so, dass das Publikum als passive Masse dem Spektakel zuschaut, das Ausstellungsformat hingegen ist so konzipiert, dass man es alleine betritt und selbst entscheidet, wie lange man bleibt. Mir geht es darum zu fragen: Wie kann man eine Ausstellung nutzen, dass sich der individuelle Besucher mehr und emotional angesprochen fühlt? Es wäre wichtig für die Kunstwelt, den Betrachter mehr ins Zentrum zu rücken. Die Kunst wird ja nicht um ihrer selbst willen gemacht, sondern für den Betrachter. Genau dieses Ernstnehmen des Betrachters ist im Moment eine der wichtigsten Aufgaben der Kunstwelt. Ich sage zwar nicht, dass jeder Künstler seine Arbeitsweise überdenken muss. Ich denke aber, dass die Distanz zum Betrachter zu einem Problem für die Kunstwelt geworden ist.

Stimmt es, dass das Einbeziehen des Publikums zu Beginn eine pragmatische Idee war?
Ja, das stimmt. Bei meinen ersten Performances habe ich das Publikum noch nicht einbezogen. Stattdessen habe ich bühnenartige Situationen geschaffen, die die Grenze zwischen mir und dem Zuschauer unangetastet gelassen haben. Zuerst hatte ich vor, Schauspieler oder Tänzer für meine Choreografien zu engagieren. Aber irgendwann dachte ich dann: Es sind doch ohnehin schon so viele Menschen, also Zuschauer, in dem Raum, dann arbeite ich doch einfach mit denen. Ich fand die Interaktion, die ich mit den Leuten habe, wenn ich versuche, sie einzubinden, interessanter als die Choreografien, die ich mir ausgedacht hatte. Und ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich mich auf eine bestimmte Art verhalten muss, um die Leute zum Mitmachen zu motivieren. Ich habe mich gefragt: Was für ein Verhalten muss ich an den Tag legen, damit die Leute Lust haben, mitzumachen?

Und welches Verhalten ist das?
Das kommt darauf an, was ich in der jeweiligen Arbeit erreichen möchte. Generell kann man sagen: Wenn ich möchte, dass die Leuten meinen Anweisungen folgen, ist Autorität natürlich extrem wichtig. Mittel, um sich Autorität zu verschaffen, sind zum Beispiel lautes Sprechen, sehr offene Körpersprache, sich groß zu machen, sich viel im Raum umherzubewegen, allen Leuten in die Augen zu schauen.

 „In meinen Performances geht es um eine bestimmt Art des Verführens, die Leute auf meine Seite zu ziehen und einen positiv-ekstatischen Moment auszulösen.“

Sie stehen als Künstler aber ohnehin im Mittelpunkt bei einer Vernissage.
Natürlich, das kann man nicht ausschließlich auf mein Verhalten und meine Körpersprache reduzieren, denn die Tatsache, dass die Leute eigens gekommen sind, um sich meine Ausstellung anzuschauen, gibt mir schon von Anfang an eine starke Position ganz oben in der Hierarchie. Das habe ich dann wiederum als Thema genutzt: Was ist die Macht des Künstlers? Wenn man kunsthistorisch auf Performances oder soziale partizipatorische Projekte schaut, dann werden diese meistens als etwas besonders Demokratisches gesehen oder als etwas, das sich kritisch über die Macht des Künstlers äußert, wie zum Beispiel bei Beuys. Aber als ich mit meinen Performances anfing, habe ich gesehen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Um die Leute überhaupt zum Mitmachen zu bewegen, bedarf es einer sehr machtvollen Ausgangsposition. Und man muss sehr viel Autorität besitzen.

Wie haben Sie diese Autorität trainiert? Haben Sie Schauspielunterricht genommen?
Nein, ich versuche generell nicht, eine Rolle zu spielen, die außerhalb von mir selbst liegt. Es ist vielmehr eine Rolle, die der Situation angemessen ist – so wie ein Musiker, der sich auf einer Bühne anders benimmt als bei einer Familienfeier. Es geht mir auch viel um spontane Reaktionen. Wenn wir im Bild des Schauspiels bleiben, sehe ich meine Rolle als Regisseur. Ich will also das bestmögliche Verhalten bei allen Beteiligten auslösen. Manche Leute haben gesagt, dass es ein besonderes Merkmal von mir sei, dass ich also quasi der geborene Anführer sei. Das glaube ich überhaupt nicht. Deshalb habe ich vor ein paar Jahren angefangen, Performances zu machen, bei denen ich selbst gar nicht anwesend bin. Dafür habe ich eine Frau angestellt, die gerade dabei ist, alle Performances, die ich in den letzten fünf bis sechs Jahren gemacht habe, wiederaufzuführen.

Sie sprechen von der Choreografin Kareth Schaffer?
Ja. Die Arbeit mit ihr ist der Beweis, dass es auf das Verhalten ankommt und eben nicht auf meine Person. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass es an Aura, Persönlichkeit oder Charisma liegt.

Das bedeutet: Anführer sein kann jeder, wenn er nur ein paar Regeln befolgt?
Daran glaube ich. (lacht) Klar, manchen fällt das leichter als anderen, genauso wie manche Menschen leichter Spanisch lernen als andere, aber meine Analysen haben gezeigt, dass jeder theoretisch das Zeug dazu hat. Ein anderer wichtiger Punkt für mich ist: Wenn man die Kunstgeschichte anschaut, ist seit der Postmoderne die Rede von der Aura eines Kunstwerks stark dekonstruiert worden. Und niemand geht heute mehr in eine Ausstellung, schaut sich ein Objekt an und sagt: „Die Aura dieses Objekts ist so besonders“. Stattdessen denkt er darüber nach, wie das Kunstwerk entstanden ist, wie es im Raum und im gegebenen Kontext wirkt und so weiter. Ich finde, der Performance-Kunst fehlt dieser analytische Blick bisher. Die Vorstellung von der Aura des Performers ist nach wie vor extrem präsent, wenn die Leute über Performance-Kunst sprechen. Ich will diese Vorstellung aufbrechen. Es gibt zu viele Performance-Künstler, die sich die Vorstellung des Mystischen und auch den Celebrity-Kult zunutze machen, statt offenzulegen, wie solche Mechanismen funktionieren.

Dieses Interview ist in SPEX No. 365 erschienen. Die Ausgabe kann noch immer versandkostenfrei im Shop bestellt werden.

Die Berlinische Galerie zeigt vom 1. Februar bis 2. März Videoarbeiten von Christian Falsnaes. Weitere Infos gibt es hier.