Ogoya Nengo: Die spektakuläre Stille

Zum Tourstart von Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group: Das Porträt der kenianischen Sängerin aus SPEX N°356.

Anastasia Oluoch wurde 1943 in der Region Nyanza in Westkenia geboren. Sie wuchs in einer Musikerfamilie auf, und schon im Alter von 12 Jahren sang sie aufgrund ihrer außergewöhnlichen Stimme bei den meisten Anlässen rund um ihr Heimatdorf am Ufer des Victoriasees. Irgendwann nannte man sie in der Sprache ihres Volks nur noch »die Begabte«: Ogoya Nengo. Sie sang für Häuptlinge und Krieger, während der Kolonialzeit, die in Kenia bis in die frühen 1960er-Jahre andauerte, auch für die Kolonialisten, zur Unterhaltung eines Bezirksaufsehers. »Immer wenn ich das tat«, erinnert sie sich heute, »standen die Leute auf und fingen an zu tanzen.«

Die Kolonialisten sind längst in ihre Heimatländer zurückgekehrt, aber auch dort können sie bald zur Musik von Ogoya Nengo tanzen. Im Herbst wird eine Sammlung ihrer Stücke im Stil der traditionellen, zunehmend in Vergessenheit geratenden Dodo-Musik erscheinen. Das Londoner Label Honest Jon’s, das auch schon die Musik von Mark Ernestus & Jeri-Jeri einem größeren Publikum zugänglich gemacht hat und durch Damon Albarn mitfinanziert wird, übernimmt die Veröffentlichung. Nun folgt die erste Europatour in der jahrzehntelangen Karriere von Ogoya Nengo.

Einem internationalen Publikum wurde Ogoya Nengo erstmals 2011 auf dem Album Kenya Sessions von Sven Kacirek vorgestellt, das ihren virtuosen, aber unaufdringlichen Gesang in die komplexen Klangcollagen des Hamburger Percussionisten einbettete. 2013 dann reiste Kacirek in Begleitung des Fotografen und Klangkünstlers Stefan Schneider (To Rococo Rot) nach Nyanza, um ein ganzes Album mit Ogoya Nengo aufzunehmen. Schneider erwähnt eine »warme, klare, manchmal auch strenge innere Ruhe«, wenn er über die Sängerin spricht. Um ihre Musik adäquat einzufangen, wurde live und teilweise unter freiem Himmel aufgenommen. »Das klingt origineller als Aufnahmen, die im Studiostress entstehen«, sagt Ogoya Nengo, die die Stücke von Kacirek auf Kassette bekommen hat. »Ich fühle mich dann freier.« Man hört es in den flüsternden Chören, hochfrequenten Schreien und ruhiger gesungenen Zwiegesprächen von Lebenden und Toten, die sich auf dem Album gegen ein lautes Konzert nachtaktiver Insekten behaupten müssen.

Abgesehen von diesem Beitrag der Natur wird der Gesang von Ogoya Nengo und einiger weiterer Mitstreiterinnen nur von spärlich eingesetzter Percussion begleitet. Für europäische Ohren klingt ihre Musik deshalb einerseits fremd, andererseits aber auch vertraut, weil Ogoya Nengo mit ihrer Stimme und Liedern über Krieg, Mut, Leid, Freude und Trauer alle Gemütszustände abdeckt, zu denen Menschen fähig sind. »Ihre Musik ist unprätentiös«, sagt Kacirek, »und gleichzeitig klingt sie wahnsinnig groß. Sie ist auf eine stille Weise spektakulär.«

SPEX präsentiert Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group live:
14.11. Frankfurt (Oder) – Transvocale
16.11. Berlin – NK (+ Sofia Jernberg)
22.11. Bremen – Friese
25.11. Hamburg – Kampnagel (+ Sven Kacirek)
30.11. Wuppertal – Citykirche
01.12. Düsseldorf – KIT-Café
02.12. Köln – Stadtgarten (+ The Durian Brothers, Stefan Schneider)
05.12. Genf – Festival Face J

Dieser Artikel stammt aus SPEX N°356. Das Heft kann versandkostenfrei im SPEX-Shop bestellt werden.