Of Montreal The Sunlandic Twins

Wahrscheinlich kennt fast jeder diese eigenartig erleuchteten Momente, in denen man das Gefühl hat, alles um einen herum flimmere in einem ganz anderen Licht, präsentiere sich vollkommen neu und in einer herzergreifenden Befremdlichkeit. Das Bekannte hat sich die Maske des Eigentümlichen aufgesetzt und lässt einen plötzlich staunen. Existierte zu diesen seltenen Augenblicken ein Soundtrack, er müsste wohl von Of Montreal stammen, deren Sound – im Speziellen das neue Album »The Sunlandic Twins« – im Grunde so klingt, wie sich oben Beschriebenes anfühlt.
Kevin Barnes, der im Studio Of Montreal ist und sein Projekt lediglich für die Bühne mit Gastmusikern zur Band aufplustert, beweist sich auf dem neuen Album nahezu besessen von klassischen Pop-Tricks: Wie ein enger Vertrauter nehmen einen auf »The Sunlandic Twins« Harmonie-Gesänge, im Grunde simple und straighte Melodien, geläufige Synthie-Sounds, wie sie wohl jede Jugend in den 80ern begleiteten, in den Arm und installieren ein grundsätzliches Wohlbefinden. Den erstaunlichen Effekt, der dafür sorgt, dass sich die Konturen verändern, dass man diese bekannte (Sound-)Welt mit anderen Augen zu sehen glaubt, erzeugt Barnes, indem er den Vertrauten, der einen da umschlungen hält, plötzlich Purzelbäume schlagen lässt. Wortwörtlich mit Pauken und Trompeten stürzen sich Songs aus der Aufrichtigkeit in ein Dickicht, das Barnes wie mit dem Einhaar-Pinsel aus winzigen Details zeichnet, und die unter einem konzentrierten Blick auf angenehme, spannende Art verwirren. Es ist gar nicht so abwegig, diesen Trick mit dem eigentlich ja eher unsympathischen Begriff psychedelisch zu beschreiben, der im Rock nicht selten die Funktion einer verdient schrillen Frickel-Alarmglocke innehat, in Of Montreals sorgloser Pop-Welt sich aber nicht vor Albernheiten scheut. Genau die sind es, die »The Sunlandic Twins« so frisch leuchten lassen: Barnes lässt gelegentlich den Drum-Computer tollpatschig durch die zarten Melodien stapfen, seine Stimme in leicht bekloppten Effekten verlöschen oder die Gesangsharmonien an der Grenze zum Überkandidelten um die eigene Achse rotieren.
So wie Of Montreals Songs gerne mit einem Twist spielen, lässt Barnes diesmal übrigens das gesamte Album ungefähr auf halber Strecke kippen – nicht eben vollkommen aus dem Nichts heraus, aber eine deutliche Zäsur setzend. Ein halbes Dutzend blitzender Sing-alongs müssen reichen, dann hebt sich der zweite Vorhang, öffnet sich der doppelte Boden, nehmen die gerade noch bestaunten Kontraste zwischen Süße und Albernheit, Bewährtem und kühnen Tricks (p)operettenhafte Züge an und Barnes entlässt einen etwas verdutzt ins Diesseits.

LABEL: Track & Field Organisation

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 13.06.2005

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