Die Science-Fiction-Geschichten von Octavia E. Butler sind die Lektüre der Stunde. Denn die Apokalypse kommt in ihnen nicht mit einem großen Knall. Stattdessen werden die Dinge, die schon lange beschissen waren, immer beschissener.

Die Apokalypse, das ist vielleicht der größte Coup von Octavia E. Butler, sie ist nicht das Ende. Sie ist nur eine Phase. Zumindest in den Science-Fiction-Romanen Parable Of The Sower und Parable Of The Talents. „The Pox“ – so wird die Endzeit, die keine war, dort genannt – dauerte ungefähr von 2015 bis 2030 und war von einem Zusammenfallen von mehreren zeitgleich verlaufenden Krisen gekennzeichnet: klimatisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Mitten in diese „Pox“, genauer ins Jahr 2024, setzt Butler den Beginn ihrer zwei Bücher umfassenden Erzählung.

Lauren Oya Olamina, die Protagonistin der Parables, lebt zusammen mit ihren Eltern, Geschwistern und ein paar anderen Familien in einer von Mauern umgebenen Nachbarschaft in einer Vorstadt von Los Angeles. In Südkalifornien herrscht ununterbrochene Dürre, Wasser ist eine knappe Ressource. Die Erderhitzung hat den Meeresspiegel steigen lassen, immer wieder stürzen Teile der Küste in die Fluten des Pazifik. Während sich die Reichen samt ihrer Bediensteten und gepanzerten SUVs gänzlich isoliert haben, kämpft die schwindende Mittelschicht in kleinen gated communitys täglich ums Überleben. Mit Waffen verteidigen sie ihre Nachbarschaft gegen die verzweifelten Angriffe der Wohnungslosen und noch Ärmeren.

Radikale Hoffnung und die nie vollendete Arbeit an einer besseren Welt: die Science-Fiction von Octavia E. Butler (Collage: SPEX).

Fast alle staatlichen Institutionen sind privatisiert, auch Polizei und Feuerwehr. Wer sie ruft – auch im Notfall –, muss für den Einsatz zahlen. Wer echte Ermittlungen will, muss Schmiergeld drauflegen. Sicherheit bieten allein sogenannte corporate towns, Städte hinter großen Schutzwällen mit eigenem corporate Sicherheitsdienst. Wer dorthin ziehen möchte, wird in eine Schuldenfalle gelockt: Essen und Unterkunft müssen vom Unternehmen gekauft beziehungsweise gemietet werden. Gleichzeitig reicht aber das Gehalt nicht ganz aus, um diese Kosten zu decken. Wer hier lebt, gewinnt Sicherheit. Und verliert Freiheit.

Butler veröffentlichte Parable Of The Sower im Jahr 1993, der zweite Band, Parable Of The Talents, folgte im Jahr 1998. Darin taucht ein Politiker auf, der mit dem Slogan „Make America Great Again“ die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnt, und der unterstützt wird von einem fundamentalchristlichen und rassistischen Wiedergänger des Ku-Klux-Klans, von dem er sich öffentlich nie wirklich distanziert. Klingt schauerlich bekannt? Was die Akkuratesse ihrer Zukunftsprognosen angeht, schlägt Butler sowohl George Orwell als auch Margaret Atwood, zwei der meistgelesenen dystopischen Autor_innen der vergangenen Jahre. Aber diese Treffsicherheit ist nicht der Grund, warum Butlers Science-Fiction nun inmitten der aktuellen Covid-19-Pandemie zur heilsamen und zukunftsweisenden Lektüre wird.

„I can write my own stories and I can write myself in”

Octavia Estelle Butler wurde 1947 in Pasadena, Kalifornien geboren. Ihre ersten Geschichten veröffentlicht sie Anfang der Siebzigerjahre als Teil von Science-Fiction-Anthologien, 1976 erscheint ihr erster Roman: Patternmaster. Als Schwarze Autorin kämpft Butler mit den rassistischen und sexistischen Strukturen des Literaturbetriebs. So rät ihr ein Kollege zu Beginn ihrer Karriere, Schwarze Charaktere sollten in Science-Fiction-Geschichten nur dann auftauchen, wenn ihr Schwarzsein eine tiefere Bedeutung für die Handlung habe, wenn es für etwas Andersartiges, Fremdes stehen würde. Eine rassistische Praxis, die man heute als othering bezeichnen würde. Butler lässt sich von diesen vergifteten Ratschlägen nicht beeindrucken und beginnt vielfältige und komplexe BIPoC-Charaktere zu entwerfen. Jahre später sagt sie in einem Interview: „I wrote myself in, since I’m me and I’m here and I’m writing. I can write my own stories and I can write myself in.”

In knapp 13 Jahren veröffentlicht Butler – neben weiteren Kurzgeschichten – neun Romane: die fünfteilige Patternist-Serie (1976-84), die Xenogenesis-Trilogie (1987-89), sowie die Zeitreisegeschichte Kindred (1979), ihr heutzutage wohl bekanntestes Werk. Später wird sich Butler in einer Vorlesung am MIT an diese Zeit und an die Worte des Autors Robert Heinlein erinnern, nach denen es drei Kategorien von Science-Fiction-Storys gibt: what if, if only und if this goes on. Die ersten beiden hatte sie schon geschrieben: Sie hatte afrikanische Gottheiten den Lauf der Geschichte umlenken lassen, sie hatte eine Frau in die Sklaverei-Vergangenheit der Südstaaten geschickt und sie hatte der Menschheit nach der beinahe vollständigen nuklearen Selbstauslöschung eine neue Zukunft als Alien-Mensch-Hybridspezies geschenkt. Es wurde Zeit für Butlers If-this-goes-on-Geschichte.

Die Apokalypse als Alltag

Parable Of The Sower und Parable Of The Talents erscheinen aus heutiger Perspektive beinahe prophetisch. Butler selbst schrieb die beiden Bücher ihrerzeit als Warnung. Ein „cautionary tale“ darüber, wo die Reise hingehen könnte, wenn sich gewisse Entwicklungen fortschreiben. Die Apokalypse ist in den Parables deshalb auch kein doomsday, keine effektreiche Hollywood-Blockbuster-Katastrophe. Die Apokalypse ist grausam banaler Alltag, eine schleichende Entwicklung, ein langsames Erodieren. Die Dinge, die schon lange beschissen waren, werden immer beschissener.

Die weltweite Corona-Krise ist ebenso eine gegenderte Krise, wie sie eine rassifizierte Krise und eine KRise des kapitalismus ist: (…) Die Dinge, die schon lange beschissen waren, sind noch ein Stück beschissener geworden.

Genau darin liegt die große Wirkmacht von Butlers Geschichte in diesen Tagen. Die Covid-19-Pandemie ist kein Killer-Virus, das die halbe Menschheit binnen weniger Tage dahingerafft und die Welt in ein postapokalyptisches wasteland verwandelt hat. Nein, diese Krise taugt nicht für einen Roland-Emmerich-Film. Sicher, ein gefährliches, in vielen Fällen auch tödliches Virus hat sich über die Transportwege einer global vernetzten Welt ausgebreitet. Die Covid-19-Pandemie hat dabei aber weniger neue Krisen geschaffen, als vielmehr die alten Probleme und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten verstärkt und gebündelt.

Die weltweite Corona-Krise ist ebenso eine gegenderte Krise, wie sie eine rassifizierte Krise und eine Krise des Kapitalismus ist: Schlecht bezahlte Frauen und Arbeiter_innen halten in systemrelevanten frontline jobs die Versorgung aufrecht und den Laden am Laufen; in den USA und in Großbritannien ist die Wahrscheinlichkeit an einer Covid-19-Infektion zu sterben bei Schwarzen Menschen und PoC um ein Vielfaches höher als bei weißen Personen. Für strukturell benachteiligte und marginalisierte Gruppen verschärft die Pandemie und ihre Folgen eine ohnehin schon prekäre und ungerechte Situation. Die Dinge, die schon lange beschissen waren, sind noch ein Stück beschissener geworden.

Im ersten Band der Parables-Reihe nimmt Butlers Protagonistin Lauren Oya Olamina ihr Schicksal inmitten dieser Krisen selbst in die Hand. Sie bricht von Südkalifornien auf in Richtung Norden, in der Hoffnung auf Wasser, Arbeit, einen Platz zum Leben. Sie reiht sich ein in den großen Zug der Flüchtenden auf den Highways, auf denen zu diesem Zeitpunkt schon lange keine Autos mehr fahren. Doch Lauren strebt nicht nur nach einem besseren, sichereren Leben. Sie hat ein höheres Ziel. Sie will eine Bewegung gründen: Earthseed. Eine neue Religion, die Veränderung predigt und die dazu auffordert, diese Veränderung selbst zu gestalten.

Auf ihrem Weg nach Norden sammelt Lauren mehr und mehr Leute ein. Sie hilft ihnen, teilt mit ihnen – in einer Zeit, in der die meisten Leute aus Angst um ihr eigenes Leben am Leid anderer vorbeischauen. Dabei müsste gerade Lauren noch vorsichtiger sein. Denn sie ist ein sharer. Seit ihrer Geburt leidet sie am sogenannten Hyperempathie-Syndrom. Eine wahnhafte Störung, die sie den Schmerz und die Freude anderer spüren lässt, als seien es ihre eigenen Empfindungen. Und Schmerz und Gewalt sind auf dem Highway allgegenwärtig. Als Lauren sieht, wie ein Mensch erschossen wird, bricht sie zusammen und verliert das Bewusstsein.

Gesteigerte Empathie führt in dieser Welt nicht zu mehr Achtsamkeit und Rücksichtnahme. Sie führt zu noch mehr Leid. Lauren ist eine von neurologischen Vorgängen in ihrem Kopf zur Empathie gezwungene junge Frau in einer atomisierten Gesellschaft, in der Empathie im Überlebenskampf der Individuen schlichtweg ausradiert wurde.

Sharing als caring: Von der Silicon-Valley-Phrase zur Solidarität in Abhängigkeit

„Sharing is caring“, lautet eine der Maximen der kalifornischen Ideologie, aus der auch das Silicon Valley und seine sharing economy erwachsen ist. Was einst als techno-utopischer Gedanke für eine bessere Welt begann, hat in den vergangenen Jahren viele Ungerechtigkeiten noch weiter verschärft. Ein paar Klicks, so gaukeln es die Tech-Größen vor, ein geteiltes Auto, eine Wohnung, ein Social-Media-Posting und schon ist die Welt ein bisschen besser geworden. Aber besser für wen? Besser für die Fahrer_innen von Uber, die Content-Prüfer_innen von Facebook? Oder doch nur für die Investor_innen? Wer Butlers Science-Fiction heute vor der Folie dieser Entwicklungen liest, entdeckt die Möglichkeit, diesen  Sharing-Gedanken aus seinem profitorientierten und kapitalistischen Rahmen zu lösen. Sharing, das Teilen und Mitteilen, die Vorstufe zu Solidarität, ist in Butlers Parables schmerzhaft, gefährlich, potentiell sogar tödlich. Und doch ist es der einzige Weg nach vorne.

Lauren öffnet sich gegenüber ihren Mitreisenden, auch wenn es für sie als sharer ein tödliches Risiko bedeutet. Das Teilen ist hier kein selbstloser Akt, es ist ein Akt der Abhängigwerdung. Lauren macht sich abhängig von anderen, weil sie weiß, dass eine lebenswerte Zukunft nur als Kollektiv, nicht als Individuum möglich ist.

Im Werk von Octavia Butler tritt die matrix of domination ganz deutlich in Erscheinung. Soziale Kategorien wie race, class und gender und die mit ihnen verbundenen Formen der Unterdrückung bilden den thematischen Grundfluss ihrer Erzählungen.

Butlers gesamtes Werk ist geprägt von der Dichotomie von Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Ihre Romane und Geschichten stecken voller Interdependenzen. In der Xenogenesis (oder auch Lilith’s Brood) genannten Trilogie werden die wenigen Menschen, die einen nuklearen Krieg überlebt haben, von Aliens gerettet, mit deren Hilfe sie die Erde wieder bevölkern. Nach vielen Jahren (und Konflikten) entwickelt sich ihre Koexistenz zu einer neuen Hybrid-Spezies. Ein anderes Beispiel ist die zeitreisende Dana in Kindred, die immer wieder in die Südstaaten zur Zeit der Sklaverei zurückversetzt wird, um dem jungen Rufus das Leben zu retten. Rufus, der eines Tages Plantagenbesitzer sein und zusammen mit einer Schwarzen Sklavin Danas Großmutter zeugen wird. Über diese Zeitreise findet Dana nicht nur heraus, dass sie einen weißen Urgroßvater hat, sondern auch, dass sie nur existiert, weil ein weißer Mann eine vormals freie Schwarze Frau in die Sklaverei gezwungen hat. Und dennoch entscheidet sich Dana immer und immer wieder dafür, Rufus zu retten. Dana und Rufus, sie sind aneinander gebunden, das Leben der einen Person abhängig von den Handlungen der anderen.

Butlers Protagonist_innen wagen immer wieder in den finstersten Momenten ihrer Existenz den Schritt aus der Unabhängigkeit. Interdependenz verlangt nach Öffnung. Und doch tendieren Menschen oft dazu, in Krisensituationen genau den gegenteiligen Weg zu beschreiten. Grenzen werden dicht gemacht, nationale Wege beschritten, Sündenböcke werden gesucht. Wer schafft es, sich den Covid-19-Impfstoff zuerst zu sichern? In unsicheren Zeiten will man nicht abhängig sein von anderen, von äußeren Faktoren. Krisensicher ist, wer unabhängig ist. Finanziell, ökonomisch, emotional.

Butlers Parables spitzen dieses Narrativ bis zum Scheitern zu. Die Nachbarschaft, in der Lauren aufwächst, versucht autark zu leben – mit so wenig Kontakt nach außen wie möglich. Sie will nicht zum Ziel von Plünderungen werden. Und doch geschieht genau das. Die Vereinigten Staaten schotten sich mit Ausnahme einiger internationaler Big-Business-Konglomerate ab, jeder Bundesstaat kämpft für sich selbst. Oregon und Washington haben ihre Grenzen dicht gemacht, um die Geflüchteten aus dem Süden zurückzuhalten. Alaska, klimatisch erträglich und deshalb Ziel vieler Menschen, erklärt seine Unabhängigkeit und zieht in einen Krieg mit den USA. Auch Lauren und ihre noch junge Bewegung müssen eine harte Lektion in vermeintlicher Unabhängigkeit lernen. Sie lassen sich nieder und gründen Acorn, die erste Earthseed-Gemeinde. Ein kleines Paradies inmitten der Stürme der Geschichte. Allein: Es ist nicht von Dauer.

Eine Bewegung, eine Veränderung, eine Zukunft passiert nicht, indem man sich zurückzieht, irgendwo ein Dorf gründet und einen Acker bepflanzt, spricht es aus Butlers Zeilen. Eine Bewegung wächst durch Konversation, durch Interaktion, durch Interdependenz. Und so wächst auch Earthseed in den Parables schließlich zu einer großen Gemeinschaft, nicht durch ein Modellprojekt, sondern durch sehr viele, sehr mühsame individuelle Gespräche. Laurens Arbeit wird so zu einer Art Fortsetzung einer Praxis aus der Zeit der Sklaverei, in der „verbotenes“ Wissen wie die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können von einer Person zur nächsten weitergegeben werden musste: „Each one teach one“ – ein afroamerikanisches Sprichwort und eine Praxis, die sich bis heute in antikolonialer und antirassistischer Arbeit fortsetzt.

Laurens Earthseed-Bewegung ist indes keine Neuauflage des American Dream, keine meritokratische Fantasie, sie ignoriert und verneint nicht real existierende Unterdrückungssysteme und strukturelle Diskriminierung. Im Werk von Octavia Butler tritt die matrix of domination, ein Modell der Soziologin Patricia Hill Collins, ganz deutlich in Erscheinung. Soziale Kategorien wie race, class und gender und die mit ihnen verbundenen Formen der Unterdrückung bilden den thematischen Grundfluss in Butlers Erzählungen. Und sie haben sich in die Biografien ihrer Protagonist_innen eingeschrieben: In den Parables sammelt Lauren auf ihrer Reise nach Norden unterschiedliche Menschen um sich. Was sie eint: Sie alle sind auf die oder andere Weise von systemischer Unterdrückung betroffen. Da sind zum einen die modernen Sklav_innen des Kapitalismus, „Wegwerf-Arbeiter_innen“, wie Butler schreibt, die aus den corporate towns entflohen sind, oder eine junge Frau, die zum Überleben ihre sexuelle Selbstbestimmung aufgeben musste. Fast alle Mitglieder von Laurens kleiner Gruppe sind PoC mit unterschiedlichen Hintergründen.

Butler seziert und analysiert Machtverhältnisse und Strukturen in all ihrer Komplexität und ihren Wechselwirkungen. Damit leistet sie einen großen Beitrag zur Pluralität an Perspektiven in der Science-Fiction-Literatur. Wenn man aber Science-Fiction und spekulative Fiktion im Allgemeinen als Arbeit an der zukünftigen Gesellschaft versteht, dann schafft Butler mit ihren Texten außerdem einen Startpunkt für neue utopische Gedanken, die ernsthaft und wirklich inklusiv sind.

Butler vereinfacht dabei nicht, im Gegenteil. In ihrer Fiktion stellt sie sich der zuweilen überfordernden Gemengelage mehrerer ineinandergreifender, krisenhafter Systeme. Eine Herausforderung, auch und vor allem in der Realität der aktuellen Weltlage. Wie lässt sich eine Krise angehen, gar überwinden, die auf so vielen Ebenen einschlägt und die so viel weitreichender ist als eine Pandemie? Ein Impfstoff wird eines Tages gefunden sein, aber die Ungerechtigkeit bleibt bestehen. Bis sie das nächste Virus, der nächste Bankencrash, die nächste Klimakatastrophe wieder ein Stück verschärfen wird. Mit Analyse und Aufklärung ist es nicht getan. Es braucht auch einen Weg.

Afrofuturismus als Widerstand, Widerstand als radikale Hoffnung

Butlers Texte werden häufig dem Afrofuturismus zugerechnet, ein Sammelbegriff, der fiktionale, spekulative Literatur umfasst, aber auch futuristische Musik und Mode, Filme und Spiele – die Reimagination einer Zukunft aus einer Schwarzen Perspektive. Eine Gegenerzählung zur weißen Geschichtsschreibung, die oft in engem Zusammenhang mit der Erfahrung und dem Trauma des transatlantischen Sklavenhandels steht. Die Schriftstellerin Toni Morrison bezeichnete in einem Interview einst die afrikanischen Menschen, die die Erfahrung der Gefangennahme, der Verschleppung und der Sklaverei gemacht haben, als die ersten modernen Menschen, weil sie die realen Bedingungen von existenzieller Heimatlosigkeit, Entfremdung und Entwurzelung erlebt hätten. Der britische Historiker Paul Gilroy prägte dafür den Begriff Black Atlantic und beschrieb damit eine kulturelle Konstruktion, die Ethnizität und Nationalität transzendiert.

Es ist exakt dieser historische Moment, in dem zum Beispiel auch die Geschichte von Wild Seed (1980) beginnt, dem ersten Teil von Butlers erster großer Buchreihe, der Patternist-Serie. An der westafrikanischen Küste treffen zwei unsterbliche, gottgleiche Wesen aufeinander. Doro, ein spirit, der menschliche Körper besetzt und sie wie Kleider wechselt, und Anyanwu, eine Gestaltwandlerin, die sich und andere heilen kann. Doro sammelt Menschen und überzeugt Anyanwu, ihn in eines seiner seed villages zu begleiten, wo er ein neues Menschengeschlecht heranzüchtet. Ein eigenes koloniales (Gegen-)Projekt, das im Laufe der Pattnerist-Serie schließlich zu einer Gruppe genetisch mutierter Schwarzer Übermenschen führen wird, die im 27. Jahrhundert über die Erde herrschen. Butlers große What-if-Geschichte, die Imagination eines Geschichtsverlauf, der nicht von white supremacy geprägt wurde.

In ihren Geschichten beschreibt sie den Widerstand gegen die und die Arbeit an der Verbesserung der gegebenen Verhältnisse. Gleichzeitig ist ihr Werk aber auch genau das: Arbeit an einer besseren Zukunft für alle.

Afrofuturismus sei weniger ein Genre als eine Widerstandsbewegung, aus der heraus sich eine Methodik entwickelt habe, sagt die Schwarze deutsche Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche. Ein Widerstand gegen die Bilder von einer weißen Zukunft, einer weißen Geschichte und einer weißen Macht über den Schwarzen Körper. In diesem Sinne sind Butlers Texte durch und durch afrofuturistisch.

Der Widerstand gegen die Verhältnisse ist bei Butler kein gewaltsames Aufbegehren. Die grausamsten Wunden haben immer schon Kapitalismus, Rassismus und das Patriarchat geschlagen. Widerstand bei Butler ist eine heilende, eine fürsorgliche Bewegung, es ist ein Widerstand der radikalen Hoffnung. In ihren Geschichten beschreibt sie den Widerstand gegen die und die Arbeit an der Verbesserung der gegebenen Verhältnisse. Gleichzeitig ist ihr Werk aber auch genau das: Arbeit an einer besseren Zukunft für alle. Butlers Geschichten sind Blaupausen des Wandels, sie spenden Kraft und Trost.

Technik wird die Welt nicht retten, solange die alten Machtverhältnisse bestehen

Ein weiteres Begriffspaar im Zentrum von Butlers literarischem Kosmos ist deshalb auch recovery vs. discovery. Natürlich geht es in diesen Geschichten um Entdeckungen, der Blick ist auf die Zukunft gerichtet. In den Parables schreibt Lauren eine Aphorismensammlung, die den Grundstein für ihre Bewegung legen soll. Immer und immer wieder taucht dort ein Mantra auf: „The destiny of Earthseed is to take root among the stars“. In der dunkelsten Stunde der Welt träumt Lauren von einem Leben in den Sternen. Sie, die sich nicht einmal ein Auto leisten kann, imaginiert die menschliche Kolonialisierung des Weltalls. Allein die „Eroberung“ des Weltalls soll keine Eroberung sein, keine aneignende, zerstörerische Handlung, eben keine discovery. Sondern recovery, ein Schöpfen aus dem eigenen menschlichen Potenzial, der Vergangenheit, dem kulturellen Erbe, die Möglichkeit einer (Selbst-)Heilung. Das Schicksal von Earthseed in den Sternen ist eine Projektionsfläche.

Es geht in Butlers Geschichten nicht darum, die nächste große Technologie zu erfinden, welche die Menschheit retten wird. Technologischer Fortschritt taucht wie nebenbei auf in diesen Büchern: Designer-Babys mit den besten genetischen Voraussetzungen, Virtual-Reality-Zimmer als Alltagsflucht. Vom Fortschritt profitieren in Butlers Parables auch nur diejenigen, die sowieso schon immer profitiert haben. Technik wird die Welt nicht retten, das macht Butler klar. Nicht, solange sie nicht einhergeht mit einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderung.

Eine Technologie, eingesetzt in einem rassistischen, kapitalistischen und patriarchalen System, wird dieses System immer nur verstärken.

Wie lässt sich Technologie ethisch und gerecht gestalten? Eine Frage, die aktuell immer wieder Debatten über Digitalisierung, Automatisierung oder Künstliche Intelligenz befeuert. Vielleicht ist das die falsche Frage, klingt es aus Butlers Parables hinüber. Vielleicht sollte es weniger um die Technologie gehen als um die Systeme, in denen sie existiert? Anstatt uns in technologischen solutionism zu stürzen, sollten wir uns viel öfter die Systemfrage stellen. Denn: Eine Technologie, eingesetzt in einem rassistischen, kapitalistischen und patriarchalen System, wird dieses System immer nur verstärken. Weshalb der Weltraum in Butlers Parables auch nicht allein die Rettung der Menschheit durch Technik darstellt. Er ist vielmehr ein Sehnsuchtsort, ein quasi-religiöses Unsterblichkeitsversprechen. Die Vision einer zukünftigen Gesellschaft, die Unterdrückung und Ausbeutung hinter sich gelassen hat. Peace and justice in our lifetime, zumindest als Spezies.

Lauren inszeniert sich im Laufe der Parables immer stärker als Prophetin und Predigerin ihrer eigenen Religion. Eine Entwicklung, die Butler nicht unkommentiert lässt. Die Geschichte des zweiten Bandes Parable Of The Talents lässt sie deshalb aus der Perspektive von Laurens entfremdeter Tochter erzählen, die die Bewegung ihrer Mutter mit großer Skepsis beobachtet, da sie in Earthseed nichts weiter als eine Weltraum-Sekte sieht.

Butler scheut in ihren Erzählungen nicht zurück vor Komplexität und inneren Widersprüchen. Ihre Charaktere kämpfen und mühen sich auf vielen unterschiedenen Ebenen. Doch eine Sache, die aus den unterschiedlichsten Biografien immer wieder hervorscheint, ist der Aufruf zum Widerstand, zur Arbeit.

Die radikale Hoffnung, die Butler biete, schreibt der afroamerikanische Autor Lavelle Porter, sie baue nicht auf die Vorstellung eines unvermeidlichen und linearen Fortschritts sondern auf den Glauben an Handlungsmacht, darauf, dass wir durch unsere Handlungen in der Gegenwart, durch Planung und durch Beharrlichkeit den Grundstein für ein bessere Zukunft legen. Gerade deshalb lässt sich Butlers Literatur auch heute noch als Handlungsanweisung lesen, als Blaupause für sozialen Wandel. Gerade ihre Parables sind zu gleichen Teilen unterhaltsame Science-Fiction und framework für eine soziale Bewegung, die durch Konversation, Interaktion und Interdependenz wächst.

Eine Arbeit – nie vollendet, niemals aufgegeben

In Parable Of The Talents verteidigt Lauren ihre Vision gegenüber ihrem skeptischen Partner, der Earthseed zwar für einen netten Traum hält, sich aber handfeste und konkrete Vorschläge wünscht. Lauren entgegnet: „It’s more than a good dream, babe. It’s right. It’s true! And it’s so big and so difficult, so long-term, and as far as money is concerned, it’s potentially so profitless, that it’ll take all the strong religious faith we human beings can muster to make it happen. It’s not like anything humanity has ever done before.“

Butlers radikale Hoffnung kennt kein Zurück in die gute alte Normalität, weil die weder gut noch normal war.

Es scheint unmöglich, aussichtslos, es macht überhaupt keinen Sinn. Und trotzdem müssen wir es versuchen. Butlers radikale Hoffnung kennt kein Zurück in die gute alte Normalität, weil die weder gut noch normal war.

Gegen Ende schreitet Parable Of The Talents mit großen Schritten in Richtung Zukunft. Die Dinge werden schlimmer. Dann werden sie noch schlimmer. Dann werden sie ein bisschen besser. Und nochmal ein bisschen besser. Gut und gerecht ist die Welt am Ende der Handlung noch immer nicht. Aber sie ist voller Menschen, die dafür kämpfen und arbeiten, dass sie es eines Tages sein wird.

Im Jahr 2001 hält Octavia Butler eine Rede bei der UN World Conference Against Racism: „Was ist die Ursache, die Quelle für unsere Intoleranz? Was können wir dagegen tun?“, fragt die Autorin. „Natürlich können wir versuchen, gegen unsere schlimmeren hierarchischen Tendenzen vorzugehen. Die meisten von uns tun das die meiste Zeit schon. (…) Aber wird das funktionieren? Nun, bislang hat es das nicht. Zu viele Menschen werden das nicht tun, vielleicht weil sie es nicht können. Es ist leider eine Genugtuung, sich anderen Menschen gegenüber überlegen zu fühlen.“ Dann zählt Butler Umstände auf, die aus diesen bösen menschlichen Tendenzen bösartiges Verhalten machen können: Unwissenheit, Angst, Krankheit, Hunger, Misstrauen, Hass, Krieg, Gier, Rache.

„Angesicht all dieser Dinge – hat Toleranz überhaupt eine Chance?“, fragt Butler wieder. Und antwortet: „Nur, falls wir das wollen. Nur, wenn wir das wollen. Toleranz ist, wie jeder Aspekt des Friedens, immer ein work in progress, das nie vollendet sein wird. Und eine Arbeit, die, wenn wir so intelligent sind, wie wir gerne denken, niemals aufgegeben wird.”

Octavia E. Butler wollte die Geschichte der Parables, von Earthseed und den Sternen, weitererzählen. Parable Of The Trickster hätte ein mögliche Fortsetzung heißen sollen. Doch dazu kam es nicht mehr. Butler starb 2006 im Alter von 58 Jahren an den Folgen eines Sturzes. Von der weiteren Handlung existieren nur wenige verworfene Fragmente. Die Antwort auf die Frage, wie es nach der Apokalypse weiter gehen soll, verlangt nach unserer eigenen Vorstellungskraft. Nein, sie verlangt nach unserer eigenen Arbeit.