Nymphomaniac: Das kleine Arschloch schlägt zurück

Nymphomaniac FOTO: Christian Geisnaes
Joe (Charlotte Gainsbourg) ist der Nymphomaniac und erzählt Seligman (Stellan Skarsgård) ihre Geschichte   FOTO: Christian Geisnaes

Lars von Triers zweiteiliges Langstück Nymphomaniac, dessen erster Teil heute startet, kreist in spannenden, hochreflektierten vier Kinostunden um die Frage der Schuld – und schmuggelt dabei Halbwahrheiten von Rechtsaußen ins Kino.

Ein kleines Arschloch war Lars von Trier schon immer – manchmal auch ein großes, wie in seinem Dokumentationsstreifen The Five Obstructions (2003), in dem er den dänischen Experimental-Filmer und Althippie Jørgen Leth mit schwachsinnigen, sadistisch gefärbten Aufgaben dem allgemeinen Gelächter preisgibt – ein echtes Kunststück, wie der alte Mann dabei nicht merkt, dass er auf die Schippe genommen wird. Lars von Trier überlistete ihn mit der Geste des großen Verehrers und Bewunderers. 

Doch die Verunglimpfung des dänischen Experimentalfilms einmal beiseite: Lars von Trier ist für seinen schwarzen Humor berüchtigt, und dem kleinen Arschloch hat er mit der Alfred-das-Ekel-Figur Chefarzt Stig Helmer, der seine ärztlichen Kunstfehler mit Kollegenschelte vertuscht, in der Fernsehserie Hospital der Geister (1994/97) ein Denkmal gesetzt: »Wenn ich mich frage, ob ich auch nur einmal in meinem Leben Schuld auf mich geladen habe, so lautet die Antwort: Nein. Doch die Frage ist: Bei wem liegt dann die Schuld?« – so fragt Helmer in der legendären Kloszene. Im Hospital der Geister liegt sie in letzter Instanz beim großen Arschloch, dem Teufel in Person. 

Sympathy for the devil und schwarzer Humor kamen auch bei Lars von Triers Spontanperformance auf den Filmfestspielen von Cannes 2011 zusammen, als er bekannte, früher gedacht zu haben, er wäre ein Jude, heute aber »eine Art Nazi« zu sein und Verständnis für Hitler zu haben, auch wenn dieser »falsche Dinge« getan habe und »keiner der Guten« war. Aber: »Ich sehe ihn in seinem Bunker hocken.« Aber: »Ich bin nicht gegen Juden. Ich bin sogar sehr für sie.« Aber: »Aber nicht so sehr. denn Israel ist ein Krampf im Arsch.«

Cannes erklärte ihn ob dieser Logik, bei der (ironische) Hitlersympathie mit (ernstgemeinter) Israel-Kritik und einer Schwindel erregenden Gleichschaltung zwischen Nazis und Juden einherging, zur Persona non grata – und die gänzlich ironieresistente Fraktion des Feuilletons, namentlich etwa im SPIEGEL, verabschiedete ihn als geisteskrank. »Natürlich sympathisiere ich nicht mit Hitler. Ich mag ein Arschloch sein, aber ein Nazi bin ich nicht«, erklärte Lars von Trier wenig später via dpa – ohne Erfolg. Er wurde gar von der dänischen Polizei wegen der »Verharmlosung von Kriegsverbrechen« verhört. 

Diese Groteske bildet den Hintergrund für Lars von Triers derzeitiges Schweigen, das sein PR-Stunt, sich mit zugeklebtem Mund ablichten zu lassen und keine Interviews zu seinem neusten Film Nymphomaniac zu geben, unterstreicht. Offenbar ein kluger Schachzug, wenn man bedenkt, wie sich das Feuilleton derzeit vor Begeisterung über die Verknüpfung von Sex mit Brockhaus überschlägt  – und geflissentlich übersieht, wie das kleine Arschloch wohl dosiert und nicht ohne Raffinesse Tropen rechten Diskurses ins sexuelle Bildungsprogramm einschmuggelt, sich dabei aber immer die Hände in Unschuld wäscht. 

Im Mittelpunkt von Nymphomaniac steht die Frage der Schuld, die sich der sexuell aufgeschlossenen Hauptfigur und Titelgeberin Joe in einem Anfall von todesnahem Katholizismus aufdrängt. Der belesene alte Seligman, der sie nachts schwer verletzt auf der Straße aufliest, nimmt ihr darum die Lebensbeichte ab, die sie in Anlehnung an das christliche Geständnis-Genre als schrittweisen Sündenfall – von von Trier opulent bebildert – nacherzählt.

Der engelsgleiche Seligman, der noch nie Sex hatte, ist ein Jude und zugleich Antizionist, wie er betont, also ein erklärter Gegner des Staats Israel. Eine Figur, die nicht von ungefähr Lars von Triers Oszillieren zwischen »Ich war Jude.« und »Ich bin Nazi.« verkörpert. Doch, wie gesagt: engelsgleich. Seligman ist stets bemüht, Joes verderbten Geschichten mit gebildeten Vergleichen und Anekdoten mit einem Schuss Fibonacci-Zahlenmystik und Retroästhetik der Renaissance ins Licht lässlicher Überschreitungen zu stellen, ein weltlicher, alles verzeihender Beichtvater, gar ihr »erster Freund«, wie sie erkennt. 

Das bezugsreich zusammengerührte biographische Gemisch aus Joes Riot-Girlism, nach Zufallsprinzip verarschten Lovern und gedemütigten Ehefrauen, Gruppensex, Arschversohle und Mafia-Aktivitäten ergibt ein Verfallsszenario, bei der die Einstiegsdroge Sex unweigerlich in einen Sumpf aus Menschenverachtung und Verbrechen führt.

Ein bis in 1950er Jahre sicherlich weit verbreiteter Standpunkt, der im Zusammenhang mit Perverso-Patriarch Lars von Trier eher wie ein Kunstgriff erscheint, der einer Faszination für die Gothic-Beleuchtung von Sex entspricht, wie sie das Horror-Genre oder die Musik von Rammstein, die den Titeltrack von Nymphomaniac spielen, durchweht. Dieses Motiv kulminiert in erregenden SM-Szenen, in denen sich Joe von einem jungen Mann am Sofa festschnallen, den Arsch versohlen und auspeitschen lässt. Joes Selbstbezichtigung findet die lustvolle Form vollständiger Unterwerfung unter seine moralische Autorität – ein sexuell mutiertes Beichtverhältnis, das den sexuellen Kern der Grundsituation von Nymphomaniac unterstreicht. Im Sadomasochismus wird Schuld zum Inhalt der Lust. Und damit sind wir zurück beim kleinen Arschloch, dessen Lust ebenfalls aus einer impliziten, wenn auch verdrängten Position der Schuld resultiert. 

Das kleine Arschloch wendet sich gegen politische Korrektheit. Das kleine Arschloch fühlt sich unterdrückt, gerade so, als wäre der Mund zugeklebt. Von Schuldgefühlen daher gänzlich unberührt, plagt Joe die politische Korrektheit, der sie mit der Verteidigung des N-Worts entgegen tritt. Diesem entsprechen lustvolle Erfahrungen beim Gruppensex mit Schwarzen – ein Echo unzähliger Youporn-Filme wie White Milf in love with that nigga dick.

Sicher nicht politisch korrekt.

Joe schlussfolgert, was die Matusseks dieser Welt immer folgern, wenn ihnen die Deutungshoheit über N- und andere Worte abhanden kommt: Die politische Korrektheit, die meint Wörter aus der Sprache löschen zu dürfen, verstümmele die Vielstimmigkeit der Demokratie – die allerdings gleichzeitig die Herrschaft des Pöbels sei. Die Nymphomanin mutiert zu einer über die Massen erhobenen Agentin der unbequemen Wahrheit, einer edlen Aristokratin, die von Meinungsmächten mundtot gemacht werden soll. Von Schuld ist jetzt keine Rede mehr, denn schuld sind: die anderen. Stig Helmer lässt grüßen.    

So nimmt das Sexspektakel ein bitterböses Ende. (Achtung, Spoiler!) Nachdem Joe durch alle Stationen der Beichte hindurchgegangen ist, und müde ins Bett sinkt, schleicht sich Seligman an sie heran, zieht die Decke zurück und versucht, sie zu vergewaltigen. Joe greift nach ihrer Waffe, einer Walther PPK. »Du hast doch mit tausenden von Männern geschlafen«, versucht der Alte noch zu intervenieren als der Schuss ertönt und Nymphomaniac mit Schwarzbild endet.

Der Jude ist tot, fast als würde dieses Opfer in irgendeiner Form einen Schlusspunkt unter ihre Schuld setzen. Lars von Trier stellt mit Nymphomaniac die Frage der Schuld. Ästhetisch brillant, fällt die moralische und politische Antwort verheerend aus.

Der zweite Teil des Films läuft am 3. April an.

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