Nozinja Nozinja Lodge

Musik zur Zeit: Nozinja vereinigt spirituell althergebracht anmutende Mehrstimmengesänge mit modernistischer Beat-Hektik zu einer Art rasendem Stillstand.

An der Landstraße R81, zwischen den Dörfchen Xitlhelani und Mphambo, liegt die Nozinja Lodge. Ein weißer Motelbau, Übernachtung nur acht Euro, Gäste loben das schön bunte Bettzeug. Auf dem Weg zum nahegelegenen Krüger-Nationalpark kommen hier, auf dem platten Land im äußersten Nordosten Südafrikas, manchmal Reisende vorbei. Es wäre Richard Mthetwa zuzutrauen, dass er sein Warp-Debüt als Reklame für seine 2012 eröffnete Provinzherberge einspannt. Denn Mthetwa, jovialer Typ mit Physiklehrerbart, ist zu gleichen Teilen Geschäftsmann und hyperaktiver Musikarbeiter. So fungiert er für eine ganze Handvoll von Projekten als Produzent, Tourfahrer und Plattenfirmenboss. Und er hat binnen Kurzem ein komplettes Musikgenre aus dem Boden gestampft, dem Honest Jon’s 2010 die einigermaßen ungeschickt betitelte Compilation Shangaan Electro – New Wave Dance Music From South Africa gewidmet haben. Mit Electro oder New Wave hat diese Musik nicht viel zu tun, genau betrachtet weist sie sogar keinerlei Anknüpfungspunkte an westliche Popgenealogien auf. Mit etwas gutem Willen kann man den Titel aber verstehen als »elektrifizierte Shangaan-Musik«.

Mthetwa entstammt dem Volk der Shangaan, das in Südafrika Tsonga heißt und ursprünglich in der heißen Provinz Limpopo an der Grenze zu Mosambik und Simbabwe zu Hause war. Wie viele Tsongas ging Mthetwa irgendwann auf der Suche nach Arbeit ins ferne Johannesburg. Dort zog er zunächst eine Kette von Handy-Reparatur-Läden auf, bevor er 2004 zum Musikproduzenten umsattelte. Im Hinterhof seines Backsteinhäuschens machte er sich daran, die Musik seiner Kultur zu modernisieren. Schon vor 40 Jahren hatten Musiker wie General M. D. Shirinda traditionelle Tsonga-Stücke mit westlichen Instrumenten gekreuzt. Mthetwa bastelte nun Beats aus stolpernden Tomdrum-Samples zusammen, verzichtete auf Bass und ersetzte unter Murren der Altvorderen die üblichen Gitarren durch Marimbaklänge von einfachen Heimorgeln. Zudem spielte er viele der komplexen Melodieläufe per Hand ein. Beides trägt zum wüst zusammengestoppelten Charakter seiner Musik bei. Vor allem aber drehte Mthetwa das Tempo der traditionell eher mäßig beschwingten Tsonga-Musik radikal nach oben, sodass die fein ziselierten Details zu einem aufputschenden Klangstrahl verschwimmen.

Nach der Compilation 2010 sowie zwei EPs für Caribous Label Jiaolong erscheint nun unter Mthetwas Produzentenname Nozinja sein Debütalbum bei Warp. Vermutlich nach Einflüsterungen der Briten hat er darauf die Erfolgsformel seiner Gebrauchsmusik auch mal variiert – wenn auch nicht zu sehr. So hat er für einige Stücke die aus einer ähnlichen Mischung aus Schrottproduktion und Euphorie resultierende Verwandtschaft zu Happy Hardcore herausgearbeitet. Und er gibt sich, dank leicht heruntergedrehter bpm-Zahl, manchmal fast schon tiefgründig. Das lässt sich nun nicht mehr nur exotistisch hören, sondern auch als Nicht-Tsonga abseits von Dancefloors goutieren. Am reizvollsten aber ist Nozinjas Genre-Eigenkreation nach wie vor, wenn sich spirituell althergebracht anmutende Mehrstimmengesänge mit modernistischer Beat-Hektik zu einer Art rasendem Stillstand vereinigen. So gesehen wahrlich Musik zur Zeit.

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