Noura Mint Seymali »Arbina« / Review

Der westliche Rock und die mauretanische Azawan-Musik gehen hier, aus der ersteren Perspektive, eine produktive Verbindung ein. Aber ist diese Fusion wirklich das, was alle Beteiligten wollen?

Rock. Untot, aber mächtig tapst er durch die Musiklandschaft und frisst die Seelen unserer Kinder. Er ist nicht im Mainstream angekommen, er ist der Mainstream. Unternehmensberater und CDU-Abgeordnete fahren mit ihren Söhnen nach Wacken, sie hören auf dem Weg dorthin duften Indie-Rock aus einem Power-Gute-Laune-Sender, in ihrem SUV, der mit einem echt derbe abrockenden Power-Clip beworben wird.

Und jetzt greift dieser Loa namens Rock auch noch nach Mauretanien? Er will nichts, er braucht nichts, er hat alles (nämlich die ganze Welt) – kann er die armen Wüstenbewohner nicht in Frieden lassen? Oder ist es anders herum? Kommt aus Mauretanien die Erlösung des Untoten? Eine interessante Ausgangsposition, in der Noura Mint Seymali nun mit ihrem zweiten internationalen Album an den Start geht.

Die Musikpresse bekannte sich in ihrer Begeisterung über den Vorgänger Tzenni jedenfalls zum missverständlichen Hören: Für die Vice war es das »Blues-Album des Jahres«, andere gern genannte Genres waren Psych oder Noise, Vergleiche wurden angestellt mit Ikonen des Rock-Ikonoklasmus wie The Velvet Underground, Pere Ubu und Captain Beefheart & The Magic Band. Dabei war es kein Geheimnis, dass die Sängerin Mauretanierin ist, einer Griot-Familientradition entstammt, und dass ihr Gitarre- und Tidinet-spielender Gatte Jeiche Ould Chighaly, of all guitarists, Mark Knopfler verehrt. Das Ganze wurde im Studio des einstigen Pere-Ubu-Bassisten Tony Maimone aufgenommen. Produzent war der US-stämmige Schlagzeuger der Band, Matthew Tinari. Interkulturelle Missverständnisse vorprogrammiert. Produktive Missverständnisse?

Rock. Untot, aber mächtig tapst er durch die Musiklandschaft und frisst die Seelen unserer Kinder.

Mehr noch als durch die Gitarren- (und Lauten-)Arbeit Chighalys wird die Musik durch Tinaris lässig polterndes Schlagzeugspiel in die Nähe des Rockfachs und aus der Umgebung ihres heimatlichen Azawan-Genres heraus gerückt – Letzteres vor allem, weil ein klassisches Drumset in dieser Musik nicht vorgesehen ist, bzw. allein schon aus logistischen Gründen in Mauretanien undenkbar wäre. Unbestreitbar gehen Schlagzeug und Saiteninstrumente auch auf Arbina im Dienst von Seymalis Gesang ausgesprochen produktive und, aus einer westlichen Rock-Logik heraus betrachtet, sinnvolle Verbindungen ein. Wurde hier also die mauretanische Azawan-Musik substanziell bereichert und damit zugleich der Rock erlöst?

Bei aller Bewunderung für die ungeheure Intensität auf Arbina bleibt ein leises Unbehagen, ob diese Fusion wirklich das ist, was alle Beteiligten wollen. Ob das Drumming im Sinne der ästhetischen Anliegen von Seymali und Chighaly ist, ob die vom Gesamtsound gefütterte Nähe zur wilden, teilweise bösartigen und nicht selten drogengetriebenen Bilderstürmerei der klassischen Rock-Avantgarde eine Haltung ist, mit der sie sich in Beziehung setzen können. Oder ob sie all das nur hingenommen haben, weil sie die Bezüge so genau nicht kennen, weil sie ihre neuen westlichen Freunde nicht enttäuschen wollten, weil es sich nicht schlecht anfühlt, weltweit gehört und geliebt zu werden und weil einen ein bisschen Geldverdienen vielleicht von vielen großen Alltagssorgen befreit.

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