No Smoke Gets In Your Eyes

Willkommen, 2008. Zwei Tage ist das neue Jahr alt, es gelten neue, einschneidende Gesetze. Gegen eines davon – die Vorratsdatenspeicherung – wird derzeit eine der größten Verfassungsklagen in der Geschichte der Bundesrepublik angestrengt. Gegen ein anderes – das Nichtraucherschutzgesetz – wird ebenfalls geklagt. Thomas Hübener blickte für unseren Jahresrückblick 2007 auf eines der Objekte der Popkultur schlechthin zurück – die Zigarette.

RauchverbotAschenbecherZigaretten sind die tollste Droge der Welt. Sie lassen dich nicht verhaltensauffällig werden. Sie sind ein simples Mittel, Todesverachtung zu demonstrieren und zu zeigen, dass Leben nicht nur Überleben bedeutet. Du weißt immer, wohin du mit deinen Händen sollst. Du hast ständig Zeit, über wichtige Dinge – die Liebe, den Tod, die grandiose Sinnlosigkeit des Lebens – nachzudenken, weil dir die Zigarettenpause eine Auszeit schenkt, in der du nichts anderes tun musst, als zu rauchen. Du lernst ständig neue Leute an Outdoor-Aschenbechern kennen. Die zählen passenderweise oft zu den interessanteren Menschen. Denn wer zu rauchen anfängt, tut dies ja nicht, weil ihm das schmeckt, sondern weil er es nicht soll. Und jene, die noch nicht einmal im klassischen Einstiegsalter der Teenagerzeit Ansätze von Rebellion und Widersetzlichkeit zeigen, sind, nicht zwangsläufig aber wahrscheinlich, auch später die langweiligeren Zeitgenossen.

    Zigaretten sind die blödeste Droge der Welt. Statt dich positiv zu berauschen, bekämpfen sie nur deine Entzugserscheinungen. Selbst Alkohol ist besser, weil er dich euphorisiert und die durch ihn bewirkte Hemmschwellensenkung bei moderater Dosierung immer wieder zu angenehmen sozialisierenden Effekten führt. Der Raucher aber gleicht einem Menschen, der sich in den Arm schneidet, Schmerz empfindet und im Anschluss dessen Nachlassen genießt. Die einzige halbwegs mit Wohlgefühl verbundene Zigarette ist die erste des Tages, weil nur sie eine leichte Kreislaufschwäche auslösen kann. Der Rest der Packung(en) ist Medizin, die dich auf Normalnull, in den Zustand bringt, in dem sich der Nichtraucher immer schon befand.

    2007 war kein gutes Jahr für die Zigarette. Angesichts ihres öffentlichen Gebrauchs versprühen ostentativ hüstelnde Gesundheitsfundamentalisten immer giftigere Blicke. Das gesellschaftliche Renommee des Rauchers ist nicht mehr allzu weit von dem des blutige Spritzbestecke auf Kinderspielplätzen zurücklassenden Heroinisten entfernt. Darüber hinaus ist der User gezwungen, sich die im Reformdeutsch unschön geschriebenen Glimmstängel wegen der immer horrenderen Tabaksteuer von polnischen Dealern kommen zu lassen. Wenn er das nicht tut, sorgt er seit 9/11 mit einem Anteil dieser Steuer zwar dafür, dass Bahnhöfe eventuell nicht in die Luft fliegen. Als kleine Geste des Dankeschöns auf den nicht explodierenden Bahnsteigen rauchen zu dürfen, ist ihm indes verwehrt. Zudem ist die Luft in Deutschlands Diskotheken und Konzerthallen nunmehr unangenehm klar.

    Ästhetisch hilfreiche Dekonturierungen und Weichzeichnungseffekte durch wabernde Rauchschwaden sind unwiderruflich Vergangenheit. Man kann niemanden mehr auf die unverbindlichste Art der Welt kennenlernen: indem man nach einer Zigarette oder dem Feuer für eine solche fragt. Distinktionsmöglichkeiten fallen in diesen populärkulturellen öffentlichen Räumen weg: Das Entzünden des Tabaks mit einem Streichholz oder das bohemistische Halten der Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger sind als differentistische Gesten tot.

    Wir trauern. Ein bisschen.

Foto mit freundlicher Genehmigung Jan Ramroth, CC

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