No Age: Hüsker Dü schlägt MBV K.O. / Feature aus SPEX No. 378

Foto: Graham Dunn

Heute erscheint mit Snares Like A Haircut das fünfte Album des kalifornischen Zwei-Mann-Kraftwerks No Age. Das heißt auch, dass Dean Spunt und Randy Randall weiterhin eine Band sind. Warum genau, wissen sie auch nicht. Unser Feature aus der aktuellen Augabe – jetzt auch online.

Zwischen Werkel-Workshop und Karriereselbstmord schossen No Age mit ihrem letzten Album alles in den Wind, was man als Fan von zartem Krach und Überschwang an ihnen gemocht hatte. Vier Jahre später markiert Snares Like A Haircut eine erfreuliche Rückbesinnung auf den Noise- und Punkrock des Frühwerks der Band. No Age glänzen wieder im Namen der verschwurbelten Kompakthymne – und erklären, warum man sich von Trump und seinen Wählern nicht das vegane Weihnachtsdinner versauen lassen darf.

No Age sind eine Rockband aus Los Angeles, aber warum eigentlich? Dean Spunt und Randy Randall wissen es auch nicht genau. Im 13. Jahr ihrer Karriere stehen der singende Schlagzeuger und der niemals singende Gitarrist vor der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums. Wie alle No-Age-Alben zuvor ist auch Snares Like A Haircut eine Punkplatte mit Kunstakademiekante, interessiert an Krach und Trubel, aber ebenso an der Greif- und Verformbarkeit von Geräuschen, an Samples, Tape-Manipulationen und einer Verpackung, die auf erhellende Weise mit den Interessen der Band korrespondiert. Ist das für immer so in Stein gemeißelt? Oder könnten No Age aus dem aktuellen Gleichgewicht kippen, zu einer Sound-Installation werden, einem Gemälde oder einem Gedicht? Und wo sind die beiden eigentlich?

Die Kamera zeigt eine weiße Wand, vermutlich im Proberaum von No Age. An den Bildrändern sieht man Arme und halbe Hälse, gelegentlich auch ein paar Haare. Eine Laptop-Tastatur klappert, ein Baby schreit. Spunt und Randall absolvieren die Interviews zu Snares Like A Haircut gemeinsam, aber die Köpfe wollen sie nicht zusammenstecken. Selbst wenn die beiden Mittdreißiger so nah beieinander sitzen, kann man sie nicht recht festnageln auf ihr Bandsein. „Als wir unser letztes Album aufgenommen haben“, sagt Spunt, „habe ich mich das auch oft gefragt: Warum sind wir eine Band? Sicher nicht wegen der Musik. Es geht bei No Age nicht um die Songs, die wir schreiben, sondern um die Kommunikation zwischen Randy und mir. Wir verbringen so viel Zeit gemeinsam im Auto, reden so viel übers Essen, dass ich manchmal denke: No Age könnte auch ein Food-Blog sein. Wahrscheinlich fällt es uns einfach am leichtesten, die Kommunikation mit musikalischen Mitteln aufrechtzuerhalten.“

Schon auf dem Album, auf das sich Spunt bezieht – An Object aus dem Jahr 2013 –, waren No Age mehr als eine Band. Sie waren auch Zeichner, Ausschneider, Drucker, Falter und Verkleber. Spunt hatte sich in den Kopf gesetzt, die Verpackung der ersten 10.000 Vinyl- und CD-Exemplare selbst herzustellen, per Handarbeit, made in Los Angeles. „Mir ging einfach die ständige Fragerei in unserem Umfeld auf die Nerven: ‚Wann macht ihr wieder eine Platte? Wann macht ihr wieder eine Platte?’ Also dachte ich irgendwann: Okay, machen wir eine Platte, und zwar Schritt für Schritt.“ An Object wird bis heute überschattet von dieser Entstehungsgeschichte. Es ist das No-Age-Album, das man nicht wegen der darauf enthaltenen Noise-Marotten und oft nur angedeuteten Punkrockhymnen im Regal stehen hat, sondern aus Respekt vor der Fleißarbeit seiner Schöpfer. „Songwriting ist nur einer von vielen Aspekten unserer Arbeit“, sagt Spunt. „Damals haben wir den Fokus bewusst auf andere Dinge gelegt. Wir wollten etwas Unbequemeres machen als einfach nur unser nächstes Album.“

Einfach nur das nächste Album – dafür ist jetzt die Zeit gekommen. Snares Like A Haircut erscheint ohne konzeptuellen Überbau, es ist ein crowd-pleaser, der an die Stimmung und Intensität jener frühen No-Age-Konzerte im Süden Kaliforniens anschließt, mit denen Spunt und Randall überhaupt erst von einer Versuchsanordnung zur Band wurden. Wie laut können zwei Leute sein? Und wie kann das klingen, wenn der Gitarrist an einer Jazzgitarre herumwerkelt und der Schlagzeuger vorher Bassist einer anderen Band war, während sein Gesang keines der Kriterien erfüllt, die gemeinhin einen guten Sänger ausmachen? Die Antworten, die Snares Like A Haircut findet, sind robust und selbstbewusst: weniger Sound-Friemelei als zuletzt, mehr Song, mehr Refrain, mehr Breitbein. Hüsker Dü besiegt My Bloody Valentine, technischer K.O., ungefähr achte Runde. „An Object war so eine Art Staudamm“, sagt Spunt. „Die neue Platte ist der Fluss, mit dem wir diesen Damm wieder einreißen.“

„Warum sind wir eine Band? Sicher nicht wegen der Musik. No Age könnte auch ein Food-Blog sein.“

Das Unbequeme, das immer dazugehören sollte, wenn Menschen gemeinsam Rockmusik machen, mussten No Age dieses Mal nicht selbst heraufbeschwören. Es wütet vor ihrem Proberaum und überall sonst in Amerika, spätestens seit der Wahlkampf um die aktuelle US-Präsidentschaft im Frühjahr 2016 auf zuvor ungekannte Weise Fahrt aufnahm. No Age entstammen einer Community rund um den All-ages-Club The Smell in Downtown Los Angeles. Mit befreundeten Bands und Ex-Bands wie Health, Abe Vigoda, Pocahaunted und Mika Miko stehen sie für klar definierte Hardcore-Werte: kein Fleisch, keine Bullys, kein Bullshit. Trotzdem gibt es keine offensichtlichen Botschafts- oder Bekehrungssongs von No Age. Ihre Haltung, glaubt Randall, stecke vor allem in den Melodien und Sounds, vielleicht auch in der Snaredrum. „Ich fand es unheimlich einfach, das neue Album aufzunehmen“, sagt er. „Während vor der Tür die Welt abbrannte, saßen wir im Studio und versuchten, einander zum Lachen zu bringen.“

Halten wir fürs Protokoll fest: Es dauert 26 Minuten und 23 Sekunden, bis der Name Trump in diesem Interview zum ersten Mal fällt. No Age verstehen den aktuellen US-Präsidenten vor allem als cautionary tale, als permanente Ermahnung, „so frei und wild wie möglich zu leben“, wie Randall sagt. Ebenso wichtig ist ihnen jedoch, bei aller Wut und Sorge nicht das Maß zu verlieren. „Wenn man den Wahnsinn Tag für Tag miterlebt“, sagt Spunt, „kommt er einem vielleicht etwas weniger allumfassend vor, als wenn man aus 10.000 Meilen Entfernung darauf blickt. Typen wie Trump sind Teil des demokratischen Experiments, das wir hier in Amerika durchführen. Es ist beinahe so, als wäre mein leicht seniler, leicht rassistischer Großvater Präsident geworden. Seine Wahl hat mich nicht schockiert oder verängstigt. Am ehesten bin ich wohl peinlich berührt.“

Von zwei Männern, die ihre ersten gemeinsamen Nenner bei Reagan-Punk und SST Records fanden, hätte man in dieser Sache weniger Gleichmut erwartet. No Age bleiben jedoch gelassen, weil sie glauben, dass alles andere den Heilungsprozess ihres Heimatlandes gefährden könnte, im großen wie im kleinen Rahmen. Spunt und Randall stammen aus streitwütigen Familien, die vor 13 Monaten mehrheitlich Trump gewählt haben. Trotzdem blicken sie mit Gelassenheit auf die bevorstehenden Weihnachtsdinner-Diskussionen – schlimmer als die alten Kloppereien um ihre vegane Ernährung könne es schließlich nicht mehr werden. „Direkt nach der Wahl habe ich mich schon gefragt, wie ich mit Leuten umgehen soll, die für Trump gestimmt haben“, sagt Randall. „Aber was soll ich machen? Wenn man jetzt den Dialog mit der anderen Seite abbricht, wie können das Land, seine Familien und Communitys dann jemals wieder zusammenfinden?“

Man möchte sich schon fragen, wie viel widerständige Haltung wirklich in den Melodien, Sounds und Snaredrums von Snares Like A Haircut steckt, als man doch noch über eine Botschaft auf der Platte stolpert. No Age haben sie tief im Mix versteckt, hinter kunstvoll aufgeschichteten Gitarren, aber gleich im ersten Stück, dem überaus euphorischen und unpassend betitelten „Cruise Control“, erlebt man sie kämpferischer als im Gespräch. Mit einem bruchstückhaften Text plädiert der Song für Neubeginn und Basisarbeit im sicheren Hafen der eigenen Gemeinschaft. Wenn die Außenwelt aus den Fugen gerät, muss man sich eben auf seine Leute besinnen, geteilte Überzeugungen stärken und den Blickwinkel verengen, bis der Feind gar nicht mehr so übermenschlich aussieht. „Cruise Control“ verniedlicht die Lage nicht, der Song verhandlicht sie.

Das mag erst mal naiv klingen, ist aber auch die Methode einer der Platten des Jahres 2017. Mit Damn richtete Kendrick Lamar den Fokus zurück auf jene Gemeinde, die seinen Aufstieg mit ermöglichte. Den Attacken auf das Weiße Haus von To Pimp A Butterfly folgte damit ein Album für seine Leute in Compton, das Schulterschluss und Widerstand dort beschwören wollte, wo sie sich unmittelbar umsetzen lassen. Ist Snares Like A Haircut die DIY-Punk- und Downtown-Antwort auf Lamars Platte? Nicht die dümmste Idee, finden No Age, bevor sie doch wieder zurückrudern. „Wir haben sicher nicht das Leader- oder Wortführer-Gen, das Kendrick neben all seinen anderen Talenten auch noch mitbringt“, sagt Randall. „Wir stehen auf andere Weise für unsere Community ein – indem wir als Band hier bleiben und weitermachen.“ Nicht alle Fragen sind damit geklärt. Man weiß jetzt aber, warum No Age doch kein Food-Blog ist.

Dieses Feature ist in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 378 erschienen, die weiterhin am Kiosk sowie versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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