Niobe Child Of Paradise

Yvonne Cornelius ist zurück. Ehre, wem Ehre gebührt: Niobe ist fraglos ein Pionierprojekt. 2001 war hausgemachter eklekto-akustischer Pop, wie wir ihn heute als selbstverständlich nehmen, noch unbespieltes Terrain in einem System, das wesentlich von den Pet Shop Boys vorbereitet wurde. Sechs Niobe-Alben gab es seitdem, ein Drittel davon auf Mouse On Mars’ hochverehrtem Sonig-Imprint, zwei Drittel auf dem etwas braveren Label Tomlab. Child Of Paradise erscheint nun bei einer neuen Kölner Plattform, die sich einzig und allein Cornelius’ Werk verschrieben hat. Die Erzählungen der Vergangenheit, nach denen es sich bei der Künstlerin um eine divenhafte Persona handelt, un peu du Nina-Simone-Komplex, erscheinen ob mancher kleinen Indizien, dem Cover dieser Veröffentlichung zum Beispiel und ja, auch der Musik, sehr nachvollziehbar. Aber warum auch nicht? Müssen ja nicht alle immer voll demokratisch, bescheiden und nett rumschluffen.

Wer Stil hat, darf ihn gerne zeigen. Wobei ich bescheiden und schluffig gestehen muss, dass es kein Album der bisherigen Niobe-Diskografie auf meine Harddisk geschafft hat, das Gesamtwerk von Little Dragon und Beach House hingegen schon. Und, um die Pointe vorwegzunehmen, auch Child Of Paradise wird nach Abschluss dieser Rezension in den Mülleimer meiner Geschichte wandern – obwohl mir gerade jetzt, in der bislang wärmsten Nacht des Jahres, mit offener französischer Balkontür und einem Glas gut gekühlten Weißweins in der Hand, die Gebrauchsanweisungen für diese Musik nur so zufliegen und ich sogleich mit meinem Entsorgungsplan hadere … Was wäre, wenn ich in Bälde vor den offenen Türen des Ballsaals eines verlassenen französischen Badeortes allein mit meiner Liebsten in die Sterne gucke? Oder mit meinem schwulen Freund einen ausgedehnten Barfußspaziergang durch die tropischen Gartenanlagen im Süden Cornwalls mache? Würde diese Musik dabei nicht fehlen?

Das muss man dieser elegant um Vermeidung falscher Töne bemühten Kunst zugestehen: Sie beschwört sehr angenehme Atmosphären – komponiert und aufgenommen in Italien und Südafrika! –, die (ähnlich wie die andere in diesem Heft von mir besprochene Musik von Freddy The Dyke, something completely different) durchaus neutönerisch daherkommen und es damit schaffen, üblen Kastensystemen wie »chansonöser Jazz« oder, noch öder, weil leerer, »Elektropop« zugleich zuzugehören und zu entkommen. Es ist kein Problem, sich Yvonne Cornelius und ihre wohlfrisierten Mitstreiter live voll funktionabel vorzustellen: präzis-minimale Software-Steuerung beziehungsweise Plattentellerbedienung, emphatisches Georgel/Geklampfe/Geklöppel und geschmeidige Slo-Mo-Bewegungen einer oh là là gekleideten Chanteuse, die sich auch gerne mal eine Auszeit oder ein anderes Mikro gönnt. Gelacht und wirklich getanzt wird nicht, dafür ist der metaphysische Gevatter Soul hier und da persönlich anwesend. For real! Hab ich genug über die Musik gesagt? Welche Musik? Nein, pardon, Niobe, das hast du nicht verdient. Auch wenn alles recht bemüht und im Versuch, das Falsche zu vermeiden, kaum nachhaltig daherkommt: Die weiche, luftige Neo-Klangkunst ist schön anzuhören und nervt nicht. Und das, meine Damen und Herren, ist verdammt noch mal gar nicht so einfach.

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