Nils Frahms siebtes Album All Melody ist nahezu vollkommene Produktion – wie soll es beim Le Corbusier des Klangs auch anders sein. Die Hauptrolle aber spielen hier Töne, die fehlen.

Die Leerstelle glüht. Sie ist stetig eingefärbt im Nachhall des vergehenden Tons oder in Erwartung des kommenden. Sie wiedersetzt sich den Tonkaskaden und satten Synthie-Flächen, sie schält sich aus oszillierenden Basslinien und Kristallhöhen. Diese Nicht-Töne, die bei Nils Frahm so oft zu einer Brücke für das Nebeneinander des Gegensätzlichen werden, sind auf All Melody, dem siebten Album des Klangarchitekten, das Schlüsselmoment einer nahezu vollkommenen Produktion. Ihr gingen für die Aufnahmen intensive Vorbereitungen voraus. Frahm, schon immer ein vom perfekten Ton besessener Frickler, wurde zum Zimmermann: Zwei Jahre lang baute er sich einen Saal im historischen Berliner Funkhaus zum Tonstudio seiner Träume um. Er nahm den Raum auseinander und setzte ihn wieder neu zusammen, verlegte eigenhändig Kabel und Leitungen, konstruierte eine passgenaue Orgel, entwarf das ideale Mischpult für diesen Ort.

Die Schnittstelle zwischen Analogem und Digitalem löst sich auf

Dass sich Frahm mit echtem Schweiß und Blut eine Art persönliches Sanctum des Klangs geschaffen hat, hört man All Melody an. Die Körperlichkeit ist der Platte eingeschrieben, alles klingt organisch, warm, pulsierend. Hinter jedem idiosynkratrischen Sound vermutet man ein eigens dafür angefertigtes Instrument – von einem, der bereits mit Toilettenbürsten auf Klaviersaiten trommelte und gewaltige Hybride aus Harfen und Pianos zusammenschmolz, darf man schließlich alles erwarten. Und dieser Erwartungsraum löst die Schnittstelle zwischen Analogem und Digitalem in der Imagination des Hörenden nun gänzlich auf.

Wenn etwa in „Sunson“ bizarre Melodien gurgeln und zu Ratespielen anregen – Ist es eine Panflöte? Ist es ein Synthesizer? – oder in „Human Range“ zwischen dräuenden Schichten und düsteren Dubs ein einsames Blasinstrument krächzt, dann verschmilzt das Spiel von Mensch und Technologie. Inmitten dieser synthetisierten Muster von Melodie und Rhythmik steht die Leerstelle – und schafft Gelegenheiten für Unschärfen.

2 KOMMENTARE

  1. le corbusier of what???
    eher impressionistisches geklimper meets 2005er sadboytechno. schon alleine die pingpong delays, cringe alarm. gut produzierte und gehypte belanglosigkeit. neoclassic. kartoffelsalat. langeweile.

  2. Auch wenn in der Spex manchmal der Eindruck entsteht, es gäbe sowas wie das unumstößliche Regelwerk des Geschmacks… das ist ja gottseidank nicht so. :-)

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