Niels Frevert Du kannst mich an der Ecke rauslassen

Es gibt Platten, die beschreiben im Grund nichts als die Ruhe, die es braucht. Niels Frevert veröffentlicht nun mit »Du kannst mich an der Ecke rauslassen« seine dritte in elf Jahren. Beim Tapete-Label geht man entsprechend auf das Thema Arbeitsgeschwindigkeit ein. Es seien »die Worte, mit denen Herr Frevert immer so kämpft«.
 
    Unter anderem ist dem früheren Sänger der Gruppe Nationalgalerie während des Prozesses das bezaubernde Wort »Gedankenbegleitservice« zugeflogen, auf das er »Kakerlaken in deinen Cornflakes« reimt. Wie er es singt, reimt es sich nämlich. Im Hildegard-Knef-Cover »Ich möchte mich gern von mir trennen« ersetzt er zeitgemäß den »belgischen« durch den »schwedischen Schrank«, mit der »Telecaster« das »Nussbaumklavier« und übermittelt die wichtigste, manchmal betrüblichste Aussicht beschwingt: Wir verbringen unser ganzes Leben mit uns selbst.

    Auch die Instrumentierung ist à la chanson: Bass, Piano, Gitarre, Handclaps, Xylophon, Schlagzeug mit Besen. Im abschließenden und den Druck auf die Repeat-Taste provozierenden »Aufgewacht auf Sand« übt sich Niels Frevert in der Kunst der Meister: dem Vexierbild. Es geht los mit »Auf einmal ist es Frühling, die Tage werden länger, meine Fenster stehn auf Kipp / die Tassen nicht im Schrank – und du träumst, dass, woran du dich festhältst, nur ne lauwarme Heizung ist«; und auch am Ende des Lieds kann und muss man nicht sicher sein, ob hier einer seine Beziehung aufgeben will, den One-Night-Stand bereut oder schlicht vom Meer träumt – der ewigen Metapher für Sehnsucht, letztlich Leben.

    So singt Frevert phrasiert und unphrasiert, mit Luft zwischen den Sätzen von Vergleichen mit Birken, von jemandem, der sich fühlt wie ein Baukran (»mit Füßen aus Beton«), von den anscheinend niemals zur Genüge besungenen Umständen eines Musikers. Es sind aber die Umstände aller fühlenden Menschen, deren Beschreibungen Frevert in ein locker aufgeschütteltes Bett aus Streicherarrangements (vom Easy-Listening-Veteranen Werner Becker), Akustikgitarren und Piano bzw. Orgel legt. Wie offensiv und zutiefst unpeinlich Niels Frevert den Ausdruck von Gefühlen zulässt, zeigt vielleicht am besten die kleine Stelle in »Niendorfer Gehege«, als er die Hookline von »I Was Made For Lovin´ You« nach-duht. Nah und schön.

LABEL: Tapete Records

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 29.02.2008

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .