Nicolas Godin »Contrepoint« / Review

Man würde gern die musikalische Expertise, das Fachwissen und das sicherlich hervorragende Spiel von Godin und seinen Studiohelfern anerkennen und loben, die Dave-Brubeck- und Lou-Reed-Verweise hervorheben. Aber es berührt nicht im Geringsten.

Wenn eine Hälfte der französischen Electronica-Helden Air das erste Soloalbum macht, muss das schon was hermachen. Es muss ein Konzeptalbum sein, am besten mit Interpretationen von Bach-Kompositionen. Genau, Johann Sebastian Bach, seit ein paar hundert Jahren tot. Da frohlockt der Musikhistoriker mit einem soft spot für »Pop«: ein gelungenes Beispiel für die Verknüpfung von E und U, mutig! Ein Beweis, wie aktuell der Barockmeister auch heute ist (Kontrapunkt!), gerade wenn man ihn in moderne Fummel hüllt. Bach fetzt, immer noch, immer wieder! Das mag alles wahr und richtig sein, aber trotzdem stimmt es im Fall von Nicolas Godin nicht wirklich.

Man könnte dieser Platte mit mehr Respekt begegnen, aber das ist mir zu verlogen. Ich würde gern die musikalische Expertise, das Fachwissen und das sicherlich hervorragende Spiel von Godin und seinen Studiohelfern anerkennen und loben, die Dave-Brubeck- und Lou-Reed-Verweise hervorheben. Aber es berührt mich nicht im Geringsten, obwohl ich auch einen soft spot für Crossover-Projekte von der Gegenwart in die Annalen der Musik habe, etwa für die Schubert-Interpretationen von Atom TM. Das Konzept hinter Godins Album möchte ich nicht spießig und prüde-intellektuell nennen und meine Ignoranz verherrlichen, aber diesem Album fehlen ein Sound und eine Identität. Es klingt fahrig und beliebig, nach posher, akademisch-aufmüpfiger Easy-Listening-Soße. Das ist eine Art von Vertracktheit, die nicht cool ist, sondern sterbenslangweilig.

Der erste Song beginnt mit lieblich verfremdetem Geflöte. Dann hackt eine Gitarre dazwischen, die Streicher wirbeln los, als wäre es eine Neuvertonung von James Ferraros Far Side Virutal, echt orchestriert und echt ernst gemeint, bevor es plötzlich so losbricht und losdudelt, als würde Squarepusher ein Menuett einspielen. Hoppla, was soll das? Es bleibt der einzige Hinhörer auf Contrepoint. Der Rest ist undefinierbar schluffig, soft und säuselnd, allerdings mit jazziger Hektik gebrochen. Klingt auf dem Papier spannend? Ist es nicht. Was das mit Bach und dem Kontrapunkt zu tun hat, müsste man im Musiklexikon nachlesen, möglicherweise würde das den Genuss steigern. Dann könnte man vielleicht erfahren, dass Laibach Bach auch neu vertont haben, 2008 mit Kunstderfuge. Das war im Gegensatz zu Contrepoint fantastisch, rein auf einer ästhetischen Ebene. Es mag hinsichtlich der künstlerischen Intention und der Herangehensweise ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen sein, subjektiv gesehen ist es trotzdem ganz einfach: Die einen schmecken, die anderen nicht.

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