Nick Grey & The Random Orchestra Your’e Mine Again

Seit mehr als zehn Jahren macht Nick Grey aufregende Musik im Grenzgebiet zwischen Akustik und Elektronik, die viele fälschlich »experimentell« nennen würden. Fälschlich, weil Grey, statt im musikalischen Versuchslabor Stoffe ineinanderzurühren und gespannt zu verfolgen, wie sie wohl miteinander reagieren mögen, genau weiß, was er tut. Die Liste seiner Kollaboratoren ist eindrucksvoll: Grey hat mit dem dicken Neopaganismusbarden Tony Wakeford (Sol Invictus) zusammengearbeitet, dem immer ätherischer klingenden britischen Avant-Folk-Sänger Martyn Bates von Eyeless In Gaza, der neoklassizistischen Komponistin und Sängerin Kris Force vom Bandkollektiv Amber Asylum und dem exzentrischen Minimalismuspionier Charlemagne Palestine. Unter dem Namen 230 Divisadero veröffentlicht er mit Matthew Shaw (Tex La Homa) atmosphärische Post-Industrial-Drones zwischen Nurse With Wound und Sunn O))), während er obendrein auch noch Teil des sagenumwobenen virtuellen Musikerkollektivs 48 Cameras ist. Mit den munter wechselnden Mitgliedern seiner Hausband The Random Orchestra hat er bislang feingliedrige Psychedelia veröffentlicht, die mal an die glazialen Klangwelten von Coil und Brian Eno erinnern, mal an die solipsistisch in sich versponnenen Progsonaten von King Crimson und die sich dann wieder ausnehmen wie ein absinthlastiger Abend an der Bar eines heruntergekommenen französischen Fin-de-Siècle-Theaters, in dessen Foyer Current 93s David Tibet Balladen vom Ende der Welt anstimmt.

Jetzt hatte der in Stuttgart geborene Sohn eines dem Ceauşescu-Regime entflohenen rumänischen Operntenors und einer Ballerina, der heute in Frankreich und Kanada lebt, offenbar Lust auf Pop. Diese Kehre deutete sich bereits 2012 mit der Coverversion des Mike-Oldfield-Smashers »Moonlight Shadow« an. Im dazugehörigen, von Grey selbst gedrehten Videoclip ließ sich anhand einer dreitagebärtigen Drag-Performance – avant la Wurst – hautnah erleben, wie lustvolles Fremdschämen geht. Aus dem Inneren des hübschen You’re Mine Again-Digipaks ergeht die Warnung, man solle das Album auf keinen Fall in einem Zustand romantischer Aufgewühltheit abspielen. Denn es handelt sich um ein Konzeptalbum über die Risiken und Nebenwirkungen (zu) intensiver Zweierbeziehungen, wie Paranoia, Folie à deux (induzierte wahnhafte Störung) und Verwahrlo- sung. Gefahr für die Pulsadern besteht dennoch zu keinem Zeitpunkt: Grey ist jenen dichterischen Jugendtagen, in denen alles – mit Recht – furchtbar ernst genommen wird und hübsche, gerade erst erblühende Jungs mit Rimbaud-Blick über den Tod schwadronieren, längst entwachsen. Er hat ein gut funktionierendes Sensorium für das Komische im Tragischen entwickelt.

Musikalisch erinnert der Eintritt Greys in seine Pop-Phase an die elektronisch pluckernden Kitchen Sink-Dramen von Pulp anno 1992 und an den Schotten Momus. Zugleich lässt sich dem Album ablauschen, dass Grey über eine vertiefte Expertise in Sachen Krautrock verfügt. Dieser wird allerdings um alles jammig-zottelig Wuchernde beschnitten und rücksichtslos verpoppt. »Heart Of The Glacier« klingt, als hätten sich Robert Wyatt und David Bowie an einer südenglischen Steilküste zum Synthiepopmachen verabredet: Old-school-Keyboard-Nebelwände wabern proggig um zerklüftete Felsen, Grey schmachtet ohne Verlust dandyistischer Contenance, und plötzlich perlen die Arpeggi. Sie sagen ganz laut: »It’s my party and I cry if I want to«. Der Sound brechender Herzen klang selten so crisp wie auf diesem Album.

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