Nick Cave & Warren Ellis

Shoot-Out at high noon: Auf der Leinwand ein Western, der wieder einmal das Genre umkrempeln soll. Der Produzent unterbricht, ruft: »Da brauchen wir Musik! Von jemand richtig Berühmten!« So kam der Zimmermann zum Soundtrack von »Pat Garrett & Billy The Kid« (1973) und »Old Man« Young zu dem von »Dead Man« (1995). Wen also sollte Brad Pitt 2007 anrufen für seinen ›Anti‹- und ›Oscar-verdächtigen‹-Western »Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford«?

    Ortswechsel auf die andere Seite des Geschäfts: Dieselben Musiker, die tagelang an den Backgroundstimmen eines Tracks rumbasteln, der sich dann fünfhundert Mal verkauft, fangen in dem Moment, wo der Filmproduzent anfragt, an, lustlos und genialisch zu werden. Da wird der Freund angerufen: »Komm vorbei, ich hab ‘nen Auftrag. Wir spielen was und teilen das Geld.« … und dann hauen die Freunde an einem halben Tag im improvisierten Studio ein Dutzend Tracks runter und stellen am nächsten die fünfstellige Rechnung. Bei Nick »Ich arbeite jetzt als Musiker von neun bis fünf wie ein Angestellter« Cave und seinem Freund Warren Ellis von den eigentlich famosen Grinderman hat es, als Brad Pitt bei ihnen anrief, sogar zu vierzehn Tracks gereicht.

    Überhaupt Nick Cave! Der steht im Verdacht, für die nuller Jahre das zu werden, was etwa Pink Floyd für die Achtziger oder Joe Cocker für die Neunziger waren: Ein Relikt aus wilden Tagen, das es nach anfänglichem Größenwahn und fortgesetztem Altern zu unbegreiflichem Wohlstand gebracht hat. Genau in dem Moment, als sich Nick mit Grinderman aus diesem Teufelskreis des sofagestützten Wohlklangs befreien will, ruft also Brad Pitt an: »Ein Western, Nick, das wär’ doch was für dich!« Und Nick schaute auf seine Cowboystiefel, dachte vielleicht an Bob und Neil, vielleicht auch an das Geld, und daran, dass beim Sondtrack zu »The Proposition« doch alles ganz gut geklappt hatte. Es lief dann aber anders als damals, als Sam Packinpah bei Bob Dylan angerufen hatte, und auch anders als bei Jim Jarmusch, als der bei seinem Kumpel Neil Young anrief. Denn Bob lieferte zu »Pat Garrett & Billy The Kid« zwar ähnlich bescheuerte Musik ab wie jetzt Nick Cave, aber als dann im entscheidenden Moment noch zwei Minuten und 32 Sekunden Platz auf dem Band waren, rotzte Bobbie-Boy »Knocking On Heavens Door« hin, das dann zwar Peckinpah nicht gefiel, aber – anders als der Film – heute noch für den einen oder anderen peinlichen Emotionshöhepunkt im Leben eines jeden herhalten kann. Neil Young hingegen genoss es sichtlich, dass er für einige live vor der laufenden Leinwand eingespielte Feedbacks von Jarmuschs Anti-Cowboy-Western auch noch Geld und Ruhm bekam. Cave hingegen klimpert auf dem Klavier lustlos einige minimalistisch zerlegte Akkorde, und an der Triangel darf der sechzehnjährige Sohn Luke aushelfen.

    Warren spielt dazu einige Geigen. Keiner singt ein Wort. Kurzum: Es ist schauderhaft. Phil Glass im Kindergarten hätte das schon vor dem Frühstück besser hinbekommen. So etwas hätte nicht einmal Brad verdient und ist nicht einmal die Abnutzung der Klaviersaiten beim Einspielen wert! Aus, vorbei, die Kugel des Kritikers zielt mitten ins Herz! »It’s getting dark, too dark to see« …

LABEL: Mute Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 02.11.2007

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.