Nick Cave »The Sick Bag Song. Das Spucktütenlied« / Review

Archaische Metaphern vs. Kotztütengekritzel: Nick Caves Reisetagebuch Das Spucktütenlied ist nun als zweisprachige Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Von »Aufschieben wegen Angst« bis »Aufschieben wegen Haarfärbens« – Prokrastination ist offenbar doch ein Problem für Nick Cave . Ganz im Gegenteil zur bislang propagierten no-bullshit-Arbeitshaltung des Musikers. Das zeigt nicht nur die ellenlange Liste an Aufschiebungsgründen gegen Ende von Das Spucktütenlied, den besten Beweis liefert schon die Veröffentlichung des Buchs an sich. Eigentlich wollte Cave die Zeit im Flugzeug während der US-Tour mit den Bad Seeds 2014 nutzen, um neue Songs zu schreiben. Stattdessen sind aus den Notizen Gedichte geworden, oder vielmehr: eine Mischung aus tagebuchhaften Anekdoten und narrativer Lyrik mit Cave’scher Archaik und schweren Sprachbildern aus der griechischen und christlichen Mythologie.

Die Wahl des Mediums mag überraschen (wo ist das schwarze, ledergebundene Tagebuch abgeblieben?), ist aber nicht allein dem Pragmatismus geschuldet. Die Flugzeug-Brechtüten dienen als Notizzettel und Meta-Aufbewahrungsort für Erinnerungen – was dem inhaltlichen Pathos die Schwere nimmt, es aber auch beinahe der Lächerlichkeit preisgibt.

»Cave ist hier narzisstischer Superstar und Selbstzweifler.«

Apropos Lachen: Am besten funktioniert das Buch in den trocken beschreibenden Passagen. »Sorgfältig rühre ich mir in einer Schale eine Paste an und färbe mir die Haare schwarz / Sodass sie wie ein glatter, tintiger Rabenflügel / Über mei- ner mehrstöckigen Stirn liegen. (…) Das Licht im Badezimmer ist brutal / Ich baue mein Gesicht um, damit ich nicht mehr aussehe / Wie Kim Jong-un, sondern mehr wie Johnny Cash / Oder sonst jemand.«

Was die Pseudo-Dokumentation 20.000 Days On Earth nur versprach, hält Das Spucktütenlied doch viel eher: Cave ist hier narzisstischer Superstar und Selbstzweifler. Als gefühlten Alleinreisenden begleitet ihn eine tragikomische Sehnsucht (seine Frau geht nie ans Telefon, wenn er zu Hause anruft) und das Hin und Her zwischen dem »alles Wollen, das dich am Ende umbringt«, und dem »King-Sized Nick Cave Blues«. Größere Unmittelbarkeit erzeugt auch der Abdruck der Manuskripte mit allen Durchstreichungen, Rechtschreibfehlern und Caves krummer Handschrift. Right on.

Diese und weitere Literaturkritiken sind in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Zur versandkostenfreien Heftbestellung geht es hier.

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