Nick Cave & The Bad Seeds Dig, Lazarus, Dig!!!

Drehen wir die Seite um, und kommen zu einem weiteren Kapitel im Buch des Propheten Nicholas Edward Cave. Wie das so ist, wenn man die Mitte eines Schmökers hinter sich gelassen hat: man befindet sich im mitreißenden Fluss oder freut sich auf das näher rückende Ende. Auf jeden Fall scheint das Tempo zuzunehmen. Nick Cave überschlägt sich geradezu im Output als Autor seines Lebenswerkes: ein Doppelalbum, dazu Drehbuch, Live- und B-Sides-Album, Bandneugründung samt Debütplatte, zwei Soundtracks, alles in den letzten drei Jahren. Er überrascht auch nicht mehr wirklich, doch hat er sich ein Repertoire an Figuren und Farben erarbeitet, das es ihm ermöglicht weiterzumachen, ohne anzuöden. Mehr noch: bisweilen begeistert‘s.

    Auf dem halben Weg zurück zu Orpheus Leier kam dafür Produzent Nick Launay entgegen und schon tanzten Cave und seine schlechten Saaten elf Tracks lang an der Kreuzung zwischen »Abbatoir Blues« und »Grinderman« den Straßenstaub fest. Der Schnauzer klebt noch, nicht nur im Video zu »Dig, Lazarus, Dig!!!« – eine Anklage jenes armen Tropfes aus dem Neuen Testament (hier: aus New York), an dem Jesus ungefragt die eigene Auferstehung probte. Ein zweites Leben, was soll man damit? Ein paar Frauen mehr im fernen Frisco, dann der Absturz, wieder im Schimmer der Leuchtschriften vom Broadway … Bleib doch, wo du wohnst, Lazarus, singt der Chor und eine Stimme, so verzerrt wie auf Tom Waits’ »Real Gone« antwortet etwas, das sich nach »I want you to kill!« anhört. Man ist versucht, Cave einen aktuellen Kommentar zu unterstellen, wonach die christliche Rechte vor lauter Verwirrung, was sie mit ihrem angestrebten ewigen Leben denn anstellen könne eben zur Waffe griff.

    Weiter gesponnen wird im erneut griechische Mythologie absahnenden »The Night Of The Lotus Eaters«, um zum polyrhytmischen Voodoo-Gebräu »Get ready to shoot ourself« zu fordern. »Get Ready For Love« war gestern, Unsterblichkeit macht eben auch unverwundbar. Und dumm. Doch weg mit der Goldwaage. »Dig, Lazarus, Dig!!!« ist schließlich kein Konzept-, erst recht kein Protestalbum.

    Der paranoide Schmerzensmann Cave bleibt ein großer Ironiker mit romantischer Seele und als eine solche greint und wimmert er, bisweilen wie vor zwanzig, ja, die Gitarren greinen und wimmern gar wie vor dreißig Jahren – manchmal. Alles still an der Balladenfront, man blickt im Alter halt auch gern zurück.

    Zur Erholung dann: entspanntes vor-sich-hin-grooven, »Moonland« beschreiben, »More News From Nowhere« erzählen, »Hold On To Yourself« fordern. Da werden pittoreske Motive gezupft und nur im Hintergrund ein eigenartiges Distortion-Gewimmer zugelassen, das die Stimmung von »Die Ermordung des Jesse James …« aufnimmt – subkutan sich ausbreitender Wahnsinn eben. Zwischendrin – ein zappelndes Monster: »We call upon the author«, ätzende Wortkaskaden mit Schweineorgel, eine Literaturtheaterkarikatur, so zerfahren, sie nähert sich Caves epochaler Cover-Version von Leonard Cohens »Tower Of Song«, nur freilich aus der umgekehrten, der erhabenen Perspektive des letztlich unantastbaren Autoren.

    Einzig während der Prollrockparaphrase (»We gonna have a real good time tonight!«) von »Today’s Lesson« richtet es sich Cave im Grenzbereich von souveräner Satire und allzu großer Selbstgefälligkeit gemütlicher ein, als man auf Dauer ertragen will. Plötzlich scheint sie wieder in Sicht: jene Phase, in der sich der Künstler im vollen Bewusstsein seiner technischen Brillanz wie ein Universalwerkzeug benimmt und statt nach Wesentlichem nur noch nach Perfektion sucht. Und schon ist man am Ende eines Kapitels angelangt und fragt sich doch wieder: was kommt als nächstes?

LABEL: Mute Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 29.02.2008

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