Newcomer: Garden City Movement

Garden City Movement

Das israelische Trio Garden City Movement überzeugt auch auf seiner zweiten EP, Bengali Cinema, und träumt die Freiheit neu.

Hinter Garden City Movement stecken drei Herren aus Tel Aviv, die der elektronischen Szene, trotz ihrer bislang wenigen Veröffentlichungen, nicht komplett unbekannt sein dürften: Roi Avital und Yoav Shar hatten schon vorher in der Electronica-Band Lorena B zusammen gearbeitet, wo sie sich unter anderem schon mit Disclosure die Bühne teilen durften. Johnny Sharoni wiederum war vormals Musikjournalist und DJ. 

In ihrer zweiten Karriere als Blog-Lieblinge wurden Garden City Movement zuletzt eifrig weitergereicht, und bei den Beschreibungen des Sounds fallen immer wieder Worte wie »träumerisch«, »atmosphärisch« und »verschleiert«; jenes Vokabular also, das spätestens seit dem Chillwave-Boom vor vier Jahren bis zum Erbrechen ausgeleiert wurde und hier allzu vorschnell gezückt wurde. Schließlich war die Debüt-EP Entertainment, die letzten November auf BLDG5 erschien, enorm tanzbar. Nun also Bengali Cinema, die zweite EP von Garden City Movement.

Der Opener »Terracotta« fließt mit verzerrten Vocals und glitchigem Geknarkse und Gezirpe herein, schiebt sich zwischen einer Sitar(?) hindurch, um sich dann in einer wunderbar dahinrollenden Woge zu entladen. Gleich zu Anfang wird somit klar, dass der alles überspannende Ton von Bengali Cinema sich vor allem aus Sinnlichkeit und schwebender Leichtigkeit zusammen setzt. Dies beweist zuvor auch das sehenswerte Video zu »Move On«, welches vom israelischen Schauspieler Michael Moshonov umgesetzt wurde und die kurzweilige, doch intensive Liebesgeschichte zweier junger Frauen einfängt. Liebe und Verlust also. Oder: »Love + Loss«, Titel des zweiten BC-Stücks. Hierauf fliegen die wabernden Synths hin und her, treffen unterwegs auf entrückten Gesang und entspannt taumelnden Bass, ehe sie schließlich auf einem harmonischen Klangteppich zergehen, und das auf sehr eingängige Weise. (weiter nach dem Video)

Die Figur, die dem beachtenswerten dritten Stück seinen Namen leiht, »Lir« ist in der irischen Mythologie die Verkörperung des Meeres. Doch eigentlich braucht man diesen Hintergrund nicht, damit sich beim Hören die Strände und schweigenden Sonnenuntergänge wie von selbst vor dem inneren Auge auftun. Und wenn die Sonne dann unten ist, lädt der upbeatige Titeltrack »Bengali Cinema« auf die Tanzfläche. 

Garden City Movements Heimatstadt ist der Ort, an den die Menschen gehen, um der verwickelten und gefährlichen politischen Situation in Israel zu entfliehen – und sei es nur für eine Nacht. So hat sich in Tel Aviv eine ganz eigene kulturelle und darin eine musikalische Blase gebildet, in der der houselastige Ibiza-Sound ebenso seinen Platz findet wie experimentellerer Glitch. Diese Atmosphäre hat auch bei Garden City Movement seine Spuren hinterlassen. Andererseits erinnert die EP mal an Balam Acab, mal an die luxemburgisch-portugiesischen Chillwaver Sun Glitters oder den britischen Produzenten Stumbleine. 

Garden City Movement nehmen ihre interkulturellen Einflüsse, um sich irgendwie abseits zu positionieren. Abseits von was? Vom Mainstream? Vom politischen Geschehen? Gar von der Wirklichkeit? Egal. Ins Auto steigen und ganz weit weg am besten. Irgendwohin, wo keiner einen kennt. Denn wie Johnny Sharoni uns auf »Bengali Cinema« zusingt: »That's what being free is all about.«

Garden City Movement live
29.06. Lärz – Fusion Festival