An die Stelle der Kirche tritt der Kapitalismus – und irische Schriftstellerinnen beginnen sich mit dessen Folgen zu beschäftigen. Ein Glücksfall. Denn nach der Finanzkrise von 2008 entwickelt sich ein solidarisches Netzwerk, das die irische Literaturszene als progressive Kraft etabliert.

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Derweil die katholische Kirche eine treibende Kraft war, welche die irische Literaturlandschaft entscheidend beeinflusste, sie unterdrückte und zugleich inspirierte, ist sie doch bei weitem nicht die einzige. Die sich wandelnde wirtschaftliche Situation des Landes hat die Geschichte irischer Schriftstellerinnen ebenso geprägt. 

Während der kurzen berauschenden Konjunkturphase von Mitte der Neunziger bis zum Anfang der Nullerjahre, die als „Celtic Tiger“ bekannt wurde, erlebte das Land einen nie dagewesenen wirtschaftlichen Erfolg und einen bisher unbekannten Reichtum. Die Bauwirtschaft boomte, Steuern wurden gesenkt und eine lange Tradition der Emigration fand ihre Umkehr. Einige wenige Menschen machten sehr viel Geld. Claire Bracken merkt im Buch Irish Feminist Futures an, dass die Protagonist_innen in Romanen irischer Schriftstellerinnen aus den neunziger Jahren sich überwiegend von den materialistischen Interessen ihrer Umwelt isoliert fühlen.

New Irish Literature, Part Two
New Irish Literature: Post-crash Ireland had to face new problems – but also saw new opportunities arising (Illustration: SPEX).

Doch als im Irland nach dem Crash die bubbles platzten, der Staat die Banken rettete und ein strenges Austeritätsregime implementierte, hätten  sich die narrativen Strukturen verändert, schreibt Bracken. 

Materialismus isolierte Menschen für gewöhnlich, doch „wenn sie auf wirtschaftlicher Ebene Probleme haben, müssen sie sich mehr aufeinander verlassen, was zu einem Ideal von einer community führt”, sagt Professorin Catherine Toal, Dekanin des Bard College in Berlin. Und verweist darauf, dass Sally Rooneys Verwendung von E-Mails und Kurznachrichten eine „kommunikative Struktur“ angeboten habe, innerhalb derer der Anschein erweckt würde, dass mehrere Menschen zum Text beitrügen.

Rooney erreichte in einem Irland ihre Zwanziger, in dem sichere Arbeitsplätze nicht mehr garantiert waren, in denen der Mangel an sozialem und bezahlbarem Wohnraum tausende Familien und Individuen in die Obdachlosigkeit getrieben hatte und die Austeritätspolitik dabei war, die Ungleichheit weiter zu verstärken. Das spiegeln ihre beiden Roman wieder, in denen Klassen- und Machtdynamiken deutlich durchscheinen. 

In Conversations With Friends ist sich Frances, eine 21-jährige Studentin und angehende Schriftstellerin, zu jeder Zeit der Unterschiede im Wohlstand der sie umgebenden Menschen bewusst – insbesondere dem ihrer älteren Freund_innen aus der Literaturszene des älteren Mannes, mit dem sie eine Beziehung beginnt. In Normal People wird eine Gespenstersiedlung – eine der unfertigen Wohnsiedlungen, die am Ende des Baubooms aus dem Boden gestampft wurden – zur Kulisse der Wechselwirkungen zwischen der beiden Hauptfiguren Connell und Marianne. 

Die beiden Protagonist_innen aus Rooneys zweitem Roman befinden sich vom Ende der Oberstufe bis zum Uniabschluss in einer On-Off-Beziehung zueinander und ihre unterschiedliche soziale Herkunft wird in immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Beispielsweise arbeitet Connells Mutter bei Mariannes Eltern als Reinigungskraft. Als beide sich an Irlands Eliteuni Trinity College in Dublin einschreiben und ihre Heimatstadt im Westen Irlands verlassen, werden beide von einem Stipendium unterstützt. 

„Für ihn ist das Stipendium eine gigantische materielle Tatsache, wie ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das aus dem Nichts auftaucht“, schreibt Rooney. Für Marianne, die das Geld nicht braucht, dient es lediglich als Bestätigung ihrer Intelligenz, etwas, worüber Connell, wie Rooney schreibt, niemals nachgedacht hat und von dem er nicht weiß, ob er überhaupt daran glauben soll. Seine Klassenzugehörigkeit ist für ihn immer ein entscheidender Faktor – auch in seinem Selbstbild. 

Auch McInerney hat in ihren Romanen Klassenzugehörigkeit in den Blick genommen, betont im Gespräch aber sofort, dass sie ihre Geschichten nicht mit dem Ziel aufzieht, eine gesellschaftliche Aussage zu treffen. Das würde ja an Polemik grenzen. Ihre Charaktere gehörten schlicht der Arbeiterklasse an, weil sie selbst dieser selbst entstammt, sagt sie. Und fügt hinzu: „Es ist unmöglich, eine ganze Reihe der Themen – wie beispielsweise Drogenhandel, den Umgang der katholischen Kirche mit Frauen, Abtreibungen – in Heresies und The Blood Miracles (ihrem zweiten Roman, Anm. d. Red.) in den Blick zu nehmen, ohne sie vor dem Hintergrund der Klasse zu betrachten. Es geht nicht allein um die Probleme, sondern darum, wie diese Probleme benachteiligte Menschen überproportional beeinträchtigen.“

McInerney, die von sich selbst sagt, dass sie nie studiert oder an einem akademischen Creative-Writing-Kurs teilgenommen hätte, schärfte ihren literarischen Stil mit dem Schreiben eines Blogs namens The Arse End Of Ireland, als sie als junge Mutter im sozialen Wohnungsbau lebte. Das führte zu ihrem Buchvertrag.

Vorbei an den male, pale and stale Gatekeepern

Genau in solchen Geschichten zeigt sich der wichtigste Paradigmenwechsel, zur zunehmenden Anerkennung von irischen Schriftstellerinnen führte. 

Im späten 20. Jahrhundert wurde die Branche durchlässiger, neue Programme für kreatives Schreiben wurden entwickelt und Mentoratsangebote implementiert. Diese hätten Paige Reynolds zufolge „mehr Frauen zu denselben Werkzeugen Zugang verschafft, die traditionell eher Männern offenstanden“. Zudem haben irische Literaturmagazine wie The Moth, The Stinging Fly und Banshee Lit – allesamt Indie-Publikation – dabei geholfen, neuen und experimentellen Stimmen mehr Raum zu geben. 

Unabhängige Verlage wie Tramp Press tun das Gleiche. Die Belegschaft des im Jahr 2014 von Lisa Coen und Sarah Davis-Goff gegründeten Hauses liest angeblich jede einzelne Einsendung. Sie veröffentlichen nur eine Handvoll von Büchern pro Jahr und die Geschlechterverteilung ist dabei ziemlich paritätisch. Auf das Thema angesprochen, verweist der Verlag darauf, dass das Internet einen demokratisierenden Einfluss auf die Industrie ausgeübt hätte. „Es ist einfacher geworden, die male, pale und stale Gatekeeper zu umgehen“, schreibt Davis-Goff per E-Mail. 

Dennoch ist die Branche weiterhin von einer Tendenz zugunsten von männlichen Autoren geprägt. Vor wenigen Jahren noch habe ein Branchenexperte Coen und Davis-Goff in Bezug auf eine geplante Veröffentlichung geraten, die Sache wieder zu überdenken, schreibt Davis-Goff weiter. Weil diese „von Frauen handelte, weswegen die Leute sich nicht dafür interessieren werden“. Das betreffende Buch habe sich letztlich übrigens gut verkauft. Davis-Goff weist darauf hin, dass der Erfolg von Eimear McBrides 2013 veröffentlichtem Roman A Girl Is A Half-formed Thing für sie ein Indikator für einen generell gestiegenen Appetit nach anspruchsvoller Belletristik – ganz egal um welches Geschlecht es geht oder von wem es stammt. Aber auch ganz praktisch habe sich einiges geändert: „Langsam stoßen immer mehr Frauen in Machtpositionen vor. Dass Frauen gleiches Mitspracherecht darüber haben, was im Bücherregal landet, ist immens wichtig.”

Die ausbleibende Anerkennung von Schrifstellerinnen in der Vergangenheit – bei weitem nicht allein ein irisches Problem – nimmt mittlerweile einen großen Teil der Diskussion in Irland ein. Das berühmt-berüchtigte literarische Geschirrhandtuch der irischen Literatur – ein „tea towel“, das in Pubs und Souvenirshops aushängt –, das die zwölf großartigsten (und großartig sind sie in der Tat) Schriftsteller des Landes wie James Joyce und Samuel Beckett abbildet, wird regelmäßig dafür verspottet, dass darauf nicht eine einzige Frau zu finden ist. Weil Frauen nicht dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird, haben sie geradezu „auf die Genehmigung zum Schreiben“ gewartet, wie es die Autorin und Dramatikerin Christine Dwyer-Hickey ausdrückt, deren vierter Roman Tatty kürzlich als erst dritter einer Frau überhaupt für die Dubliner Literaturinitiative „One City One Book“ ausgewählt wurde.

„Es gibt mittlerweile mehr Zuspruch für Autorinnen. Vorher hast du darauf gewartet, von jemandem entdeckt zu werden und zu hören, dass du jetzt an der Reihe bist – das ist heutzutage nicht mehr der Fall“, sagt Dwyer-Hickey.

Anderswo wird noch geschwiegen

Sara Baume wuchs in den Neunzigern im boomenden „Celtic Tiger“-Irland auf, zu einer Zeit als das Land seine erste Präsidentin wählte. Sie sei nie auf die Idee gekommen, sagt sie, dass irgendetwas für sie unmöglich sei. „Vielleicht gehörte ich zu einer der ersten Generationen, die dieses Gefühl nicht kennt. Ich bin nicht in einem Irland aufgewachsen, in dem mir vermittelt wurde, dass ich weniger zu erwarten hätte als ein Mann”, sagt Baume, Autorin von zwei Romanen, darunter A Line Made By Walking, das für seine ökologische-kritische Perspektive gelobt wurde.

Die Verschiebung von Machtmonopolen einerseits und die kulturellen Perspektiven andererseits hat zweifellos einiges dazu beigetragen, die Literatur von irischen Frauen voranzubringen. Aber diejenigen, deren Stimmen nun gehört werden, sind sich darüber im Klaren, dass anderswo noch geschwiegen wird.

„Ich denke, dass wir Gefahr laufen, uns so viel selbst zu den Erfolgen privilegierter Frauen zu gratulieren, dass wir darüber die Stimmen ignorieren, die weiterhin kein Gehör bekommen“, sagt McInerney. „Welchen Sinn hat Literatur schon, wenn nicht die ganze Welt für alle etwas heimischer zu gestalten – oder gleich das ganze Ausmaß der Menschheit zu bewundern?“