Hinter dem pinken Vorhang

new-horizons-hors-satan-dumontFilmstill: Bruno Dumont – Hors Satan

    Die Nähe zum Nachbarland Polen ist für Cineasten zwischen Berlin und Sachsen traditionell besonders nützlich. Zum einen lohnt es sich das ganze Jahr über, die Kinos jenseits der Grenze im Horizont der eigenen Wochenendplanung zu behalten – zum Beispiel läuft Lars von Triers Melancholia (als englisches Original mit Untertiteln) in Polen bereits seit einigen Wochen, in Deutschland startet er erst Anfang Oktober. Zum anderen wartet ab heute bis zum 31. Juli das Filmfestival NOWE HORYZONTY in Wrocław (Breslau) mit einem Programm auf, für das sich auch die etwas längere Anfahrt lohnt.

    Seinem leicht dahingestellten Motto, »über die Grenzen des konventionellen Kinos« hinauszugehen, lässt das zum elften Mal stattfindende Festival tatsächlich Taten folgen. Relativ konventionell gestalten sich noch die üblichen nachgereichten Höhepunkte der zurückliegenden großen A-Festivals wie Kelly Reichardts Western-Dekonstruktion Meek's Cutoff oder Hors Satan von Bruno Dumont (dem Extremfilmer aus dem französischen Flandern ist zudem eine eigene Werkschau gewidmet). Auch das Neueste aus dem Gastgeberland ist keine besonders originelle Sektion, wenn auch immer für eine Entdeckung gut, wie zum Beispiel The Winner von Wiesław Saniewski, ein formal strenges Portrait des modernen Künstlers als williger Spielball kommerzieller Verwertungsinteressen, in dem es auch ein Wiedersehen mit dem Kieslowski-Star Janusz Gajos zu sehen gibt.

    Es sind vor allem seine interdisziplinären und – welch scheinbarer Widerspruch – die retrospektiven Ambitionen, die Nowe Horyzonty zum besonderen Festival machen. Spezielle Aufmerksamkeit bindet etwa das Programm Behind The Pink Curtain, das sich der unabhängigen Produktion von Softcore-Filmen widmet, die seit den 1960er Jahren in Japan für den Kinoeinsatz produziert werden. Des weiteren werden neben diversen Ausstellungen und Konzerten (auch die leibhaftigen Grinderman haben sich für den 29. Juli angekündigt, für ihr einziges Europakonzert 2011 neben dem Auftritt beim ATP-Festival) die New Yorker Künstler Ela Troyano und Uzi Parnes in I Shot Jack Two eine Film-Live-Performance von Jack Smith wieder auferstehen lassen. Smith, dem 1989 gestorbenen, viel zitierten Pionier des Camp und legendären Underground-Regisseur ist auch eine der sieben (!) Retrospektiven des Festivals gewidmet: in den nächsten Tagen werden unter anderem umfassende historische Einblicke in die Werke von Andrzej Munk, Terry Gilliam und Werner Nekes möglich, ohne dass man für einen von ihnen die Stadt verlassen müsse. Allein die Filme von Nekes, dem großen, mit 67 Jahren gar nicht mal so alten Mannes des deutschen Experimentalfilms wären eine Reise nach Wrocław wert, und sei es nur, um nachzuvollziehen, auf wessen Einfluss die filmischen Arbeiten von Helge Schneider und Christoph Schlingensief zurückgehen.

*


VIDEO: BRUNO DUMONT – Hors Satan (Teaser)

*

NOWE HORYZONTY / NEW HORIZONS:
21.-31.07. PL-Wrocław – Teatr Lalek & andere Orte

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.