Das monströse Riechorgan

Planningtorock Doorway Video DFA RecordsDie kosmetische Technik des Skull Morphings bzw. die angeklebte Antäuschung subdermaler Implantate scheint sich derzeit wieder großer Beliebtheit zu erfreuen: Unabhängig voneinander zeigen zwei Veröffentlichungen der letzten Tage das menschliche Gesicht oder gleich den ganzen Körper stark verfremdet und deformiert. Zum einen ist hier Lady GaGas Cover-Artwork zu ihrer neuen Single »Born This Way« zu nennen (das in Typographie und Fotografie wiederum deutlich an das Single-Artwork von Kylie Minogues »2 Hearts« erinnert), außerdem ihr Auftritt im Rahmen der Grammy-Verleihung. Zum anderen die in Berlin lebende Multiinstrumentalistin und Videokünstlerin Janine Rostron alias Planningtorock, die sich für ihren neuen Videoclip als Wesen von einem anderen Stern (oder zumindest nicht von dieser Welt) zeigt.

    Zu ihrer neuen Single »Doorway« veröffentlichte Planningtorock vor rund einer Woche den dreieinhalbminütigen Clip, in dem sie mit ausgeformter Stirn und grotesk eingemeißelter Nase in Großaufnahme gezeigt wird. Für die Kreativdirektion zeichnete Rostron selbst verantwortlich, unterstützt wurde Planningtorock bei der Gestaltung von Nase und Outfit von dem Maskenbildner und Kreativassistent Gerald Kidd. Im Video wird das scheinbar knöcherne, monströse Riechorgan in Zeitlupe in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, zu der dumpfen und verzerrten Stimme Rostrons tönen monotone Beats aus dem Drumcomputer und barock klingende Synthesizer. Dabei ist das Video zu »Doorway« wohl auch als Referenz an The Knife zu verstehen: Gemeinsam mit dem schwedischen Duo sowie Mt. Sims arbeitete Planningtorock im vergangenen Jahr an der evolutionstheoretischen Darwin-Oper »Tomorrow, In a Year«, Parallelen finden sich auch in der furiosen Dankesrede von Fever Ray anlässlich der Preisverleihung als bester Dance-Act 2009 des Radiosenders P3, während der Karin Dreijer Andersson als eine Art Mutant oder Alien auftrat.

   Zurückführen lässt sich das alles aber letztlich noch weiter, vor allem erinnern diese Bodymorphings an die verschobenen Gesichts-Proportionen aus den Videoarbeiten des Regisseurs Chris Cunningham (z.B. »Come to Daddy«, »Rubber Johnny«, »Mental Wealth«) – Planningtorock und Lady GaGa befinden sich also nicht in der schlechtesten künstlerischen Gesellschaft.

    »Doorway« ist auch ein Ausblick auf Planningtorocks neues Album »W«, das am 16. Mai auf DFA Records (bzw. Rostron Records) erscheinen wird und teilweise mit Hjörleifur Jónsson und Pat Mahoney eingespielt wurde – neben elf eigenen Stücken inklusive eines Covers von Arthur Russells »Janine«. Und während LCD Soundsystem nun also bald endgültig Geschichte sein werden, steht bei James Murphys Label mit Planningtorock schon wieder die Avantgarde in den Startlöchern.

    P.S.: Wo wir gerade bei DFA Records sind: Tyler Popes neuester Mix der DFA-Records-Radiomixreihe ist online und kann mit Tracks von DJ Sprinkles, Robert Hood, Holger Zilske und Theo Parrish als MP3 heruntergeladen werden.

 


VIDEO: Planningtorock – Doorway

STREAM: Tyler Pope – DFA Records Radio Mix #13

Planningtorock DJ-Set:
18.02. Berlin – Voo Store (Oranienstraße 24, Berlin-Kreuzberg, Beginn: 20 Uhr)

Planningtorock – W:
01. Doorway
02. The One
03. Going Wrong
04. Manifesto
05. I Am Your Man
06. The Breaks
07. Living It Out
08. Milky Blau
09. Jam
10. Black Thunder
11. Janine
12. 9

2 KOMMENTARE

  1. […] Von Maskenbildner Gerald Kidd deformiert erscheint Janine Rostrons Alter Ego Planningtorock im Video zur neuen Single “Doorway” als bizarr schönes Zwitterwesen zwischen nordischer Maskulinität (passend zur verfremdeten Stimme) und Barockeschen Engelsbildnissen (dank wallendem Haar). Optisch würde sich das auch gut in jeden Fantasyfilm von Guillermo del Toro fügen, bei Spex.de finden sich noch weitere Gedanken zum sogenannten skull morphing. […]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.