Naomi Burton und Nick Hayes wollen mit Means TV einen Streamingdienst für Sozialist_innen etablieren. Im Gespräch verraten sie, warum die Simpsons deswegen in eine anarchistische Kommune ziehen müssen.

Naomi Burton (29) und Nick Hayes (21) sind die Gründer der Produktionsfirma Means Of Production. Und sie sind Mitglieder der Democratic Socialists of America (DSA). Seit Bernie Sanders sich im Kampf um die US-Präsidentschaft zum demokratischen Sozialisten erklärte und wenig später Donald Trump die Wahl gewann, erlebt die Partei einen Boom: von rund 6.500 Mitgliedern im Juni 2016 auf mittlerweile über 50.000. Socialism wurde zum Trendwort. Burton und Hayes verwenden es, im Wechsel mit working class, gefühlt in jedem zweiten Satz. Lange waren diese Begriffe in den USA nur als Kraftausdrücke bekannt, jetzt bekommen sie die Aura von Wunderheilmitteln – die offensichtlich sogar wirken.

Means Of Production drehten einen Spot für Alexandria Ocasio-Cortez, mit dem die DSA-Politikerin einen Sitz im Repräsentantenhaus eroberte – gegen das Establishment der Demokratischen Partei, als Vertreterin ökonomisch abgehängter New Yorker Stadtteile und als bisher jüngste Abgeordnete. Jetzt wollen Burton und Hayes ihre Kräfte für Bernie Sanders‘ nächste Kandidatur einsetzen – und Ende März einen sozialistischen Streamingdienst starten: Means TV. Daran arbeiten die beiden, „glamouröserweise“, wie Burton mit einem Lachen sagt, gerade in ihrem Home Office in Detroit.

„Netflix verfolgt auch eine Agenda“, sagt Nick Hayes von Means Of Production (Collage: SPEX).

SPEX: Naomi, Nick, nach der Ankündigung von Bernie Sanders, sich wieder für die amerikanische Präsidentschaft bewerben zu wollen, müssen Sie schwer beschäftigt sein. Vorab wurde bekannt, dass Sanders mit Means Of Production arbeiten möchte. Sitzen Sie schon am ersten Bernie-Spot?

Naomi Burton: Für uns als Fans und Unterstützer_innen fühlte es sich an wie Weihnachten, als die Nachricht bekannt wurde. Es stimmt, wir sind mit Sanders‘ Leuten im Gespräch, um herauszufinden, wie wir seine Kampagne am besten unterstützen können. Bisher haben wir noch nicht richtig losgelegt, können es aber kaum erwarten.

Sie stehen auch kurz davor, mit Means TV einen laut Selbstdefinition sozialistischen Streamingdienst zu lancieren. Wie hat man sich den vorzustellen?

Nick Hayes: Vielen Leuten fällt es schwer, die Idee eines antikapitalistischen Streamingdienstes zu begreifen. Generell haben Menschen offensichtlich Probleme damit, sich Alternativen zum bestehenden System vorzustellen. Sie denken: „Wir haben doch Netflix, was brauchen wir sonst noch? Und warum sollte das ein politisches Problem sein? Netflix ist doch ohnehin irgendwie liberal!“ Aber hinter Netflix stehen Aktionär_innen, deren Interessen befriedigt werden müssen. Und Youtube wird dominiert von eindeutig rechts stehenden Leuten wie Jordan Peterson, Joe Rogan und anderen Verrückten. Dazu muss es eine Gegenstimme geben, die die Mehrheit der politischen Ansichten der Menschen repräsentiert, eine sozialdemokratische, sozialistische Sicht auf die Dinge. Das wollen wir machen: gegen das Entertainment und die Propaganda der Rechten antreten.

Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus, sofern Sie das überhaupt so nennen?

NH: Wir hören das oft von linker Seite: „Wie könnt ihr Geld für etwas verlangen, wenn ihr doch Antikapitalisten seid?“ Wir erklären dann jedes Mal, dass wir als Genossenschaft organisiert sind, dass wir für gewerkschaftliche Organisation eintreten, dass wir allen, die Vollzeit für uns arbeiten, Mitspracherecht bei Entscheidungen einräumen und einen Anteil an eventuellen Profiten.

NB: Means TV wird auf einem Monatsabonnement basieren. Es gibt keine Werbung, keine gesponsorten Inhalte, wie man sie sonst überall sieht. Alles wird ausschließlich von unseren Abonnent_innen getragen werden.

NH: Die Sache ist die: Eine anarchistische oder sozialistische Perspektive wird nirgendwo repräsentiert werden, solange wir ein solches Projekt nicht selbst finanzieren.

„People over profit, yeah“

– Naomi Burton

 

Was für Inhalte werden Sie konkret anbieten?

NH: Wir werden uns an einigen der kommerziell erfolgreichsten Shows orientieren, an Serien wie Rick And Morty oder Die Simpsons zum Beispiel. In dieser Schiene werden wir unsere eigenen Versionen solcher Formate entwickeln. In einer Family-Show soll es etwa darum gehen, dass eine Familie nach dem Untergang des Kapitalismus in einer anarchistischen Kommune lebt, und um all die Albernheiten, die dort so passieren.

NB: Das wird eine Zeichentrickserie. Eine andere Idee geht in Richtung der Serie Broad City, aber mit einem antikapitalistischen roten Faden, der sich durchzieht. Wir denken an Shows, die wir selbst gerne sehen, die bei uns aber viel näher an der Realität sein werden.

NH: Wir planen auch eine Variante von The Office, allerdings als Fick-deinen-Chef-Story. Die Arbeiter_innen versuchen alle, den Boss zu sabotieren. Oder sie gründen einen Betriebsrat.

Was halten Sie von der Ansicht, dass die arbeitende Bevölkerung keine Energien für politische Aufklärung hat und sich nur für Fast-And-Furious-Filme interessiert, so wie es Adam McKay in seinem Film Vice über Dick Cheney darstellt?

NH: Für mich wirkt das wie die zynische Perspektive eines reichen Sacks. Als Sozialist weiß ich, dass alle Menschen von Natur aus gut und mitfühlend sind und dass der allergrößte Teil der Arbeiterklasse sich seiner Familie und seinen Nächsten gegenüber anständig verhalten will. Wenn die einzig verfügbare Form von Entertainment aber dieselbe Art von Propaganda ist, die uns in den Krieg treibt und uns anstachelt, zu rücksichtslosen Individualist_innen zu werden, kann man dafür nicht die Arbeiterschaft verantwortlich machen.

Sie haben das Wort gerade wieder verwendet: Propaganda. Es scheint für Sie nichts Anstößiges zu haben.

NB: Nein, hat es nicht.

NH: Wir versuchen einfach, ehrlich zu sein. Deswegen verwenden wir möglichst präzise Worte. CNN und MSNBC und Fox News betreiben alle gleichermaßen Propaganda und betonen ihre jeweilige Sichtweise. Netflix verfolgt auch eine Agenda, weswegen ein Großteil der Inhalte, vor allem der selbst produzierten, auch Propaganda für diese Interessen ist. Daher: Ja, wir machen auch Propaganda. Und wir sprechen das offen und ehrlich an. Unser Interesse gilt den arbeitenden Menschen, wir wollen eine Form von Propaganda betreiben, die ihre Erfahrungen reflektiert und sie ermächtigt, eine sozialistische Politik voranzubringen.

NB: Grundsätzlich wollen wir unsere Sprache erweitern und damit stärken, was wir machen. So viele von den Begriffen rund um Sozialismus und generell rund um ökonomische Systeme wurden durch unsere Unterhaltungskultur und unsere Medien schlechtgemacht. Wir wollen diese Worte zurück ins Bewusstsein der Leute holen. Fast alles, was wir an Informationen konsumieren, hat eine Agenda, also ist es Propaganda. Das ist in Ordnung. Wir müssen es aber auch klar so benennen.

Auch das Wort Sozialismus erfährt in den USA gerade eine komplette Umwertung.

NH: Die Kräfte, die unsere Sprache in den USA geprägt haben, waren Think Tanks. Sogar Barack Obama, der alles andere als ein Sozialist war, nämlich ein stinknormaler Liberaler, wurde von der Rechten konstant beschuldigt, Sozialist zu sein. Wenn man das Wort in der Vergangenheit je gehört hat, dann war es als Anklage gemeint. Wir haben es geschafft, dass die Leute das Wort „Sozialist“ heute anders wahrnehmen. Als nächstes werden sie uns „Kommunisten“ schimpfen. Also werden wir auch ändern, was die Leute darüber denken.

Wie definieren Sie Sozialismus? Was bedeutet er für Sie?

NH: Für uns geht es beim Sozialismus in erster Linie um Demokratie. Um die Idee, dass die arbeitende Bevölkerung die Kontrolle über die Wirtschaft, die soziale Gemeinschaft und die politische Repräsentation übernimmt. Im Kern geht es darum, dass die Arbeiter_innen selbst über die Produktionsmittel verfügen. Alle Unternehmen sollten genossenschaftlich organisiert sein, jede_r sollte ohne Probleme einen Interessensverband gründen können.

NB: People over profit, yeah.

Ihre Arbeit ist hochpolitisch. Möchten Sie irgendwann selbst politische Ämter anstreben?

NB: Die Tatsache, dass wir dem Zentrum der politischen Herrschaft teilweise so nahe kommen, hat uns ein wenig abgeschreckt, muss ich sagen. Ich ziehe meinen Hut vor allen, die es schaffen, ständig unter diesem Druck im Rampenlicht zu stehen. Aber ich möchte nicht mit ihnen tauschen.

NH: Es macht auch mehr Spaß, von außen zu agitieren.