Neon Indian »Vega Intl. Night School« / Review

Vega Intl. Night School ist ein ungeheuer dichter Referenzflickenteppich, doch überraschenderweise mit rotem Faden vernäht.

Alan Palomo trifft Alan Palomo. Man kennt sich und schätzt sich und macht seit kurzem auch wieder zusammen Musik. Wie’s dazu kam? Palomos Alter Ego Neon Indian, 2009 mit Psychic Spasms sozusagen auf der Chillwave von San Antonio nach NYC geschwappt, dort mit seinem zweiten Album Era Extraña beim damaligen Late-Night-Dauphin Jimmy Fallon zu Gast und von den geschmackssichersten Gazetten mit reichlich Beifall bedacht, dieser Neon Indian also wusste musikalisch nicht mehr so recht weiter und wandte sich in der Furcht, dass man ihn bald zu chilldriftwood erklären könnte, fragend an sein altes Alter Ego Vega. Ausgerechnet an jenen Vega also, der 2009 mit der EP Well Known Pleasures nur so mäßige Resonanz erhalten hatte, ob seiner Referenzobsession und Rückwärtsgewandtheit gescholten wurde und das Musikmachen (abgesehen von gelegentlichen Remix-Aufträgen) eigentlich längst an den Nagel gehängt hatte. Dieser Vega also sollte Neon Indian davor bewahren, in den seichten Gewässern des Synthie-Falsett-Pops endgültig auf Grund zu laufen.

Neon Indian ist die mondäne Version von Alan Palomo. Sie pflegt den New Yorker Chic, schwärmt in Interviews von Skandinavien und bespielt gerne Vernissagen. Vega dagegen repräsentiert den Teenager Palomo, den Sohn des mediokren mexikanischen Gringopopsängers Jorge Palomo, der im Kindesalter von Mexiko nach Texas kam, sich dort ungefiltert den Eindrücken der amerikanischen Kulturindustrie ausgesetzt sah und mit Neunzigerjahre-Sitcoms sozialisiert wurde. Der Vega-Teil Alan Palomos machte in Samstagnachtsfieberträumen Musik für Tanzböden, die in gleichen Teilen als hemmungslose Hommage an John Travolta, Michael Jackson und Super Mario gedeutet werden konnte. Mit Vega Intl. Night School, dem dritten Album von Neon Indian, führt Palomo nun seine beiden verschiedenen Seinsmodi zusammen und ergänzt sein psychedelisch-verspieltes Synthiekoordinatensystem um die Einheiten Funk, Fusion, Disco und Trash.

Vega Intl. Night School klingt dabei zuweilen nach einer Episode der Spätachtziger-TV-Serie ALF mit Gastauftritt von Prince (»Dear Skorpio Magazine«) oder nach Ace Of Base, gecovert von MGMT (»Annie«), oder einfach nur nach Harold Faltermeyer (»Slumford«) und Pink Floyd (»Baby’s Eyes«). Das Album ist ein ungeheuer dichter Referenzflickenteppich, doch überaschenderweise mit rotem Faden vernäht. Denn im Gegensatz zu seinen frühen Arbeiten als Vega verlässt sich Palomo nun nicht mehr nur auf den Effekt eines Zitatclashs, sondern entfaltet über 14 Stücke hinweg eine dramaturgisch stimmige Geschichte, in der sich seine eigentliche Originalität und seine kompositorischen Fähigkeiten offenbaren. So ist Vega Intl. Night School letztendlich Patchworkmusik, deren größte Stärke darin liegt, dass sie sich als Biografie hören lässt.

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