Neon Indian

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   Der heute 22-jährige Alan Palomo, dessen geistiges Kind die Band NEON INDIAN ist, gilt mit seinem 2009 erschienenen Debüt Psychic Chams als einer der ersten und erfolgreichsten Vertreter jener nostalgischen, konturlos verwaschenen Zitatmusik, die Hypnagogic Pop, Chillwave oder auch Glo-Fi genannt wird und als Haltung am ehesten mit dem eigenartigen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf vergleichbar ist: Sie klingt permanent halb weggedämmert. Auf diesem Album belegte der Texaner mit mexikanischen Wurzeln herumeiernde Synthies und Shoegaze-Anleihen mit seinem sich träge dahinschleppenden Gesang. Das neue Album Era Extraña klingt nun noch ein bisschen schlafwandlerischer als der Vorgänger. Erinnerungen an den ewigen Distortion-Rock von My Bloody Valentine werden wach, an die Platte mit Entspannungsgedudel, die immer im in warmen Farben gestrichenen Wartezimmer des homöopathischen Doktors läuft und an den Abspann irgendeines B-Movies aus den siebziger Jahren.

   Ein Stück auf dem Album behandelt – in Anlehnung an das englische Wort für »heimwehgeplagt« – ein derzeit sehr unpopuläres Gefühl: Future Sickness, also Zukunfts-Weh. Kaum einer verzehrt sich ja im Jahr 2011 nach dem noch Einzutretenden; das zeitgenössische Krankheitsbild kennzeichnet vielmehr das genau Entgegengesetzte: Das Verlangen nach Vergangenheit. Der junge Palomo ist aber auch nur ein Kind seiner Zeit und so klingt die von ihm herbeigesehnte Zukunft genau so, wie sie in der Zeit vor seiner Geburt in Filmen imaginiert wurde, die wiederum heute mit großer Lust am schonmal Dagewesenen angeschaut werden: retrofuturistisch. Era Extrañas 8-Bit-Fiepen und Synthie-Leiern scheinen direkt aus einem dunklen, mit allerlei Proto-Computern vollgestellten Kontrollraum zu uns herüberzudringen. Die aus ihm tönenden Warnsignale sind in Selbstgespräche vertieft, Radarbilder pulsen leise; grüne, gelbe und rote Lämpchen blinken friedlich. Die Wände dieses Raumes bestehen aus Gitarren-Morast, der Blick aus dem Periskop zeigt: Draußen dämmert die Postapokalypse. Der Szenerie ansichtig geworden, singt Palomo geistesabwesend einige Zeilen. Mit auf seine Schuhe gerichtetem Blick wagt er ein schlaffes Tänzchen. Er macht einen Schritt vor und zwei zurück. Neon Indian vertont mit Era Extraña also erneut den wabernden Stillstand.

   Neon Indian Era Extraña ist bei Transgressive / Coop. Wir verlosen fünf CD-Exemplare des Albums. Im November ist die Band dann bei zwei Konzerten live in Deutschland zu erleben (s.u.).

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VIDEO: Neon Indian Polish Girl (Regie: Tim Nackashi)

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NEON INDIAN live:
24.11.11 Berlin – Magnet
26.11.11 München – On3 Festival

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