Nein sagen: Paul Poets Interviewfilm »My Talk With Florence« mit Live-Vertonung von Alec Empire

Fotos: Filmstills aus dem offiziellen Trailer von My Talk With Florence

Zwei Personen. Eine Kamera. Ein Interview. Keine Schnitte. Keine Tricks. My Talk With Florence ist ein minimalistisches Stück Cinéma verité, das eine der verstörendsten Lebensgeschichten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt. Eine Geschichte von 50 Lebensjahren, die es braucht, bis diese eine Frau einmal »Nein« zu sagen lernte. Alec Empire untermalt in einer Live-Performance Paul Poets Interviewfilm.

In dem Interviewfilm My Talk With Florence erzählt Florence Burnier-Bauer, beginnend in ihrer Kindheit, aus ihrem dramatischen Leben, das sie Anfang der Achtzigerjahre in Otto Mühls Kommune Friedrichshof ins Burgenland führte. Dort erwarten sie autoritäre Strukturen, Missbrauch, Demütigung und Gewalt anstelle der erhofften geistigen und körperlichen Befreiung. Wer ist diese Frau und was macht ihre Geschichte so erzählenswert?

Eine kurze Rekonstruktion der Geschehnisse: Florence Burnier-Bauer wurde 1949 als Tochter der oberen Mittelschicht mit russischen Wurzeln in Paris geboren. Bereits als Kind von ihrem Stief-Großvater vergewaltigt und in einem geheimen Männerbund herum gereicht, wurde sie von ihren Eltern in Heimen und mit Spritzen in einer Nervenheilanstalt ruhig gestellt. Als Teenagerin flüchtete sie auf die Straße.

Getragen vom Geist der Sechzigerjahre, führte sie das Leben einer obdachlosen Kriminellen, lebte von Diebstahl, Einbruch und Prostitution und brachte unter diesen Bedingungen drei Kinder zur Welt. Von der französischen Polizei verfolgt, suchte Burnier-Bauer schließlich Unterschlupf in der österreichischen Kommune Friedrichshof des aktionistischen Künstlers Otto Mühl. Was jedoch dort passiert, stellt alles Durchlebte in den Schatten. Erst 1989 konnte sie sich gemeinsam mit Mühls rechter Hand Otmar Bauer, aus dem »sozialen Experiment« loseisen. Florence Burnier-Bauers Gerichtsaussage war essentiell für Mühls Verurteilung zu sieben Jahren Haft wegen Missbrauch und Pädophilie.

Der erste Satz, den die Protagonistin eine sichtlich misshandelte Puppe im Arm haltend in die Kamera spricht, gibt den Ton vor: »Ich dachte, das macht ein wenig ein schockierendes Bild«. Danach erzählt Burnier-Bauer zwei Stunden lang ungeschnitten weite Teile ihrer Lebensgeschichte. Ihr klarer Blick, die distanzierte Erzählweise und ihre körperliche Haltung stehen dabei in starkem Widerspruch zu ihren Worten, einer Geschichte unzähliger Missbräuche. Sie wirkt geübt im Umgang mit ihrer Biografie. Zuweilen ironisiert sie die erlebten Grausamkeiten, wischt sie mit einer Handbewegung weg, während ihre Ausdrucksweise explizit bleibt. Irritierend glatt, ein Zeugnis, das an manchen Stellen fast unerträglich real wird.

MY TALK WITH FLORENCE Pressefotos Int-Close[1]

Doch da ist noch eine andere Ebene – die Beziehung zwischen der Erzählenden und dem Regisseur. Den Monolog unterbrechen immer wieder Zwischenfragen, die ein Aufschaukeln der Geschichte zur Folge haben. Burnier-Bauer behält in diesem Kräftemessen stets die Oberhand. Sie erzählt, was sie erzählen will, und verharmlost, wo sie das Ausweichen vorzieht. Im Zweifelsfall reagiert sie mit Zynismus, als könnten die Worte sie nicht mehr verletzen. Regisseur Paul Poet lässt das nicht nur geschehen, sondern hakt nach. An diesen Stellen hat der Film seine unwiderstehlichsten Momente – anziehend und abstoßend zugleich.

Der österreichische Filmemacher Paul Poet, der bereits zuvor mit dem Dokumentarfilm Empire Me – Der Staat bin ich! auf sich aufmerksam machte, lässt Florence Burnier-Bauers Schilderungen freien Lauf, wenn sie die Geister ihrer Vergangenheit heraufbeschwört. In der Tradition des Cinéma verité erzählt der Film mit schonungslosem Blick und auf puristische Weise die Geschichte einer Emanzipation. Indem er sich erzählen lässt. Das Verhältnis zwischen Filmemacher und Protagonistin schwankt zwischen der Suche nach Informationen, Schutz und Solidarität, zwischen Voyeurismus, Empathie und Selbstdarstellung.

MY TALK WITH FLORENCE Pressefoto s Schatten von Otto Mühl[1]

Im Rahmen des deutschlandweiten Kinostarts von My Talk With Florence am 14. Januar wird der Berliner Alec Empire (Atari Teenage Riot) die Kinoarbeit von Paul Poet für drei Konzerte im Stil seiner frühen Solo-Klassiker untermalen. »Ich kenne Alec schon seit meinen Punk-Zeiten als Veranstalter, in denen ich in den Neunzigerjahren einige seiner ersten Auftritte in Wien organisiert habe«, beschreibt Poet seine Geschichte mit dem Berliner DJ und Produzenten. »Was er macht, macht er richtig – ob Anarcho-Techno, Jungle-Wütereien oder die intellektuellen IDM-Wegbereiteralben auf dem Mille Plateaux-Label. Sein klirrendes Elektronik-Meisterstück Low On Ice hatte ich bereits für meinen Debütfilm Ausländer raus! Schlingensiefs Container lizensiert. Damals untermalte seine arktische Klang-Magma die Abschiebebusse der Flüchtlinge.« Der Plan für ein größeren gemeinsames Projekt stehe schon lange, fährt Poet fort, »weil er gerade, wenn er minimalistisch und leise wird, ein Genie der feinen Töne und der emotionalen Freisetzung ist, war er für diesen Interviewfilm der ideale Partner.«

My Talk With Florence
Österreich 2015
Regie: Paul Poet
Mit Florence Bernier-Bauer und Paul Poet

Kino-Konzert-Tour mit Alec Empire und Paul Poet live
13.01. Berlin – Volksbühne
14.01. Leipzig – UT Connewitz
22.01. Hamburg – Kampnagel

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